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Der tschechische Autobauer Skoda war eine renommierte Marke vor dem Krieg und ist es heute wieder. Produktion mit Maske in der Pandemie im Stammwerk Mlada Boleslav. Foto: REUTERS
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Handel mit Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei Die Boomregion liegt vor der Haustür

Alle reden über China, dabei spielen vier EU-Staaten im Osten eine wichtigere Rolle dafür, dass die deutsche Wirtschaft stabil durch die Coronakrise kommt.

Alle reden über China, kaum jemand über Deutschlands östliche Nachbarn. Dabei haben die so genannten „Visegrad 4“ – Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei – einen höheren Anteil am deutschen Außenhandel und spielen auch eine größere Rolle bei der Stabilisierung der deutschen Wirtschaft in der Coronakrise als China, betonen Experten des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft.

Die Importe aus und Exporte nach China summieren sich auf 212 Milliarden Euro; das entspricht 9,5 Prozent des deutschen Außenhandels. Der Warenaustausch mit den vier EU-Staaten ist um ein Drittel größer: 286 Milliarden Euro, gleich 12,8 Prozent.

Die geografische Nähe und die Verflechtung der Lieferketten im EU-Binnenmarkt haben eine stärkere Wirkung als die Größe des chinesischen Markts – 1,45 Milliarden Chinesen gegenüber 65 Millionen Bürgern in den vier ostmitteleuropäischen EU-Staaten. Und auch als die jeweiligen nationalen Wachstumsraten; da liegt China vorn.

Wirtschaftswunder Polen

Die herausragende Erfolgsgeschichte in dieser Dynamik hat Polen geschrieben. Jahr um Jahr ist es seit der Wende 1989 und dem EU-Beitritt 2004 in der Statistik nach oben geklettert. Es hat größere Länder wie Russland, Italien und Großbritannien überholt und liegt seit 2020 mit 123 Milliarden Euro Warenaustausch weitgehend unbemerkt auf Platz fünf nach China, den Niederlanden, den USA und Frankreich. „Polen ist ein Stabilisator für die deutsche Wirtschaft in der Coronakrise“, sagt Lars Gutheil, Leiter der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Warschau.

Polen habe eine diverse Wirtschaft und deshalb einen coronabedingten Wirtschaftseinbruch im Mai und Juni 2020 bis Jahresende wieder wettmachen können, ergänzt Adrian Stadnicki, Regionaldirektor Mittelosteuropa im Ostausschuss. Wie schon in der globalen Finanzkrise habe das Land eine tiefe Rezession vermeiden können.

Das gilt freilich nicht für alle Branchen. Gastronomie und Hotelerie stehen mit dem Rücken zur Wand. Jedes fünfte Restaurant werde wohl aufgeben müssen. „Aber die Industrie boomt“, analysiert Gutheil. Ein Engpass bei Rohstoffen zeichne sich ab, die Preise steigen. Und es drohe Fachkräftemangel, sagt Stadnicki.

Polens "Green Deal" als Chance für deutsche Unternehmen

Beide beschreiben ein Land, das im Kontrast zum verbreiteten Bild von einer traditionellen, stark von Kohle abhängigen Wirtschaft steht. Sie sehen große Potenziale bei der Energiewende, der Digitalisierung, der E-Mobilität und im Gesundheitssektor für deutsche Partner. Die Energiewirtschaft sei „derzeit noch relativ klima-unfreundlich“, orientiere sich aber neu und stelle sich nicht beharrlich gegen eine grüne Modernisierung. Der „Green Deal“ der EU werde als Chance betrachtet. Möglicherweise werde Atomkraft dazu gehören, um die Emissionswerte zu drücken. Das sei aber noch nicht entschieden.

Ziemlich sicher seien beträchtliche Investitionen in Photovoltaik und Offshore-Windkraft. Als Schlüssel zur Zukunft betrachte Polen die Energiespeicherung. Und da es in diesen Bereichen keine eigenen Top Player habe, die ohne ausländische Partner auskommen, eröffne Polens Energiewende gute Chancen für deutsche Unternehmen. Das gelte auch für die Modernisierung der Wohngebäude, für die der Staat mehrere Milliarden in der Budgetplanung vorsehe.

Kaufkraft in Tschechien höher als in Spanien

Auch die wachsende Bedeutung der Tschechischen Republik für die deutsche Wirtschaft wird in der deutschen Öffentlichkeit selten diskutiert. Obwohl das Land nur zehn Millionen Einwohner hat, steht es mit 83 Milliarden Euro Ein- und Ausfuhren auf Platz zehn im deutschen Außenhandel. Auch eine andere Zahl überrascht: Bei der Kaufkraft haben die Tschechen inzwischen die Spanier überholt und 93 Prozent des EU-Durchschnitts erreicht.

Die tschechische Industrie ist stark abhängig vom Automobilbau – und von der Kooperation mit Deutschland. Umgerechnet pro Kopf der Bevölkerung ist Tschechien der zweitgrößte Autohersteller der Erde, sagt Bernard Bauer von der AHK Prag.

Größter Zulieferer für die deutsche Autoindustrie

Und der größte Zulieferer von Teilen für die deutsche Autobranche. 30 Prozent seines Außenhandels wickelt das Land mit Deutschland ab. Der Bereich Automotive macht ein Fünftel davon aus.

Tschechien leidet stark unter Corona. Wegen einer halbherzigen Politik, die im Sommer 2020 zwischen Lockdown aus gesundheitlichen Gründen und Öffnungen aus ökonomischen Gründen schwankte, hielten sich die Bürger bald nicht mehr an die Auflagen. In der Folge hat das Land die Corona-bedingte Konjunkturdelle vom Mai, Juni und Juli nicht wettmachen können. Der Warenaustausch mit Deutschland sank um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Inzidenzzahlen sind auch jetzt beunruhigend. Sie liegen über 500 Fällen pro Hunderttausend Einwohner in den letzten sieben Tagen. Tschechien gilt als Hochrisikogebiet, die Grenze zu Deutschland ist geschlossen. Es sei aber gelungen, die positive Wirtschaftsentwicklung von der negativen Infektionslage abzukoppeln, sagt Bauer.

Ungarn liegt vor Russland

Ungarn, zehn Millionen Einwohner, liegt in der deutschen Außenhandelsstatistik mit 52 Milliarden Euro Importen und Exporten ebenfalls vor deutlich größeren Ländern wie Russland (146 Millionen Einwohner und 45 Milliarden Warenaustausch).

Und die Slowakei mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern und 28 Milliarden Euro Ein- und Ausfuhren rangiert vor globalen Großmächten wie Indien.

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