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Wer kommt nach ihm? Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann geht kommenden Mai in Rente. Foto: dpa
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Führungskrise beim DGB Was ist das für ein Laden, den niemand übernehmen möchte?

Acht DGB-Gewerkschaften finden keinen Nachfolger für Reiner Hoffmann. Vor allem die Chefs von IG Metall und Verdi enttäuschen.

Alle paar Jahre trudelt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in eine Krise. 2018 gab es Zoff, weil sich die Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften nicht einig waren über die Fortsetzung der großen Koalition. Das Gesetz zur Tarifeinheit war lange umstritten, und überhaupt werfen die Finanziers des DGB – das sind vor allem die mitgliederstarken Organisationen – immer wieder die Frage nach dem Sinn und Zweck des Dachverbandes auf.

Selbstbeschäftigung gehört zum Programm des DGB, der von acht Gewerkschaften gebildet wird. Das aktuelle Gehampel um den Vorsitz ist jedoch ungewöhnlich. Was ist das für ein Laden, den niemand übernehmen möchte?

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Anfang Mai läuft die zweite Wahlperiode von Reiner Hoffmann (66) aus, der den DGB seit knapp acht Jahren führt. Traditionell ist der dienstälteste Gewerkschaftsboss zuständig für die Nominierung des Nachfolgers: Michael Vassiliadis (57) steht seit 2009 an der Spitze der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Vassiliadis sollte und wollte also einen Kandidaten suchen, aber er musste auf Jörg Hofmann warten. Denn dieses Mal hat die IG Metall ein Vorschlagsrecht; der jetzige DGB-Chef Hoffmann kam von der IG BCE und dessen Vorgänger Michael Sommer von Verdi. Jetzt ist die IG Metall dran. Deren Vorsitzender Hofmann (66) machte sich also vor vielen Monaten auf die Suche und fand – nichts.

Vassiliadis wollte es machen

In der Not fiel dem Metaller Goethe ein: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Da man niemanden gefunden habe, so argumentierte Hofmann bei der Jahresauftaktklausur der DGB-Führung vor ein paar Tagen, müsse es einer aus dem Kreis der Acht machen. Und zwar ein Industriegewerkschafter. Deutschland ist schließlich Industrieland, und die Industrie steht vor einem historischen Umbruch.

Robert Feiger (59), der Vorsitzende der IG Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) winkte ab. Also Vassiliadis. Der Chemiegewerkschafter war erst im Oktober für weitere vier Jahre als IG-BCE- Chef gewählt worden. Vassiliadis kennt die Verhältnisse im DGB und sagte unter einer Bedingung zu: Breite Unterstützung müsse gewährleistet sein.

Frank Werneke führt seit gut zwei Jahren die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Frank Werneke führt seit gut zwei Jahren die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. © Doris Spiekermann-Klaas

Verdi schießt quer

Jetzt war es an Frank Werneke, sich ehrlich zu machen. Seit gut zwei Jahren ist der 54-Jährige Vorsitzender von Verdi. Er könne nichts versprechen, sagte Werneke zu Vassiliadis. Zu unberechenbar seien die Verdi-Delegierten, die nach der IG Metall das größte Gewicht haben auf dem Wahlkongress im Mai in Berlin. Einst hat sich Vassiliadis gerne mit Wernekes-Vorgänger Frank Bsirske angelegt: Hier der Chemiefunktionär mit SPD-Parteibuch und sehr pragmatischem Blick auf die Politik, dort das Grünen-Mitglied Bsirske, das Klassenkampfparolen nicht scheut.

Vassiliadis verspottete Verdi als Bewegungsgewerkschaft. Ein Chaotenhaufen mit 1,8 Millionen Mitgliedern aus 1000 Berufen, der nicht zu steuern sei. Jedenfalls nicht von Werneke, der seine DGB-Kollegen vor den eigenen Delegierten warnt. Die hübsche Idee mit Vassiliadis als Vorsitzenden war erledigt.

Kritik an Jörg Hofmann

Am 8. Februar, dem nächsten Treffen der DGB-Führung, soll Hofmann nun einen neuen Kandidaten präsentieren. Ausgerechnet Hofmann. Der schlaue Tarifstratege an der Spitze der IG Metall ist berüchtigt für seine Personalpolitik: Er kann das nicht. Hofmann ist eigensinnig und eigenbrötlerisch, verliert sich bisweilen im Klein-Klein und kommuniziert kaum. Man müsse ihn immer wieder daran erinnern, was er eigentlich wolle, stöhnen Metaller.

Die eigene Nachfolge bekommt Hofmann nicht geregelt. Favoritin ist die zweite Vorsitzende der Metallgewerkschaft, Christiane Benner (53). Aber im Vergleich zum erfahrenen Industrie- und Tarifstrategen Roman Zitzelsberger (55), derzeit IG-Metall-Chef von Baden-Württemberg, ist Benner unbedarft. Hofmann hatte versucht, Benner den DGB-Vorsitz schmackhaft zu machen. Misslungen.

Michael Vassiliadis ist seit 2009 Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Foto: dpa Vergrößern
Michael Vassiliadis ist seit 2009 Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). © dpa

Damit es nicht zu einer Kampfkandidatur Benner gegen Zitzelsberger kommt, hat Hofmann die Lösungssuche delegiert: Zitzelsberger, Benner und Jürgen Kerner, Kassenwart der IG Metall, sollen sich nun über die Führung der größten deutschen Gewerkschaft verständigen. Mit 20 000 Euro Monatsgehalt ist der Spitzenjob bei der IG Metall der bestbezahlte Posten für einen Arbeiterführer. Beim DGB bekommt der oder die Vorsitzende 15 000 Euro.

Die Großen lassen den DGB hängen

Weder die IG Metall noch Verdi, weder Hofmann noch Werneke legen sich für den DGB ins Zeug. Die beiden mit Abstand größten Gewerkschaften machen eigenständig Lobbyarbeit – in Berlin wie auch in den Bundesländern, und brauchen den DGB nicht wirklich. Sie haben eigene Prioritäten: Hofmann als Chef der Autogewerkschaft IG Metall steckt in der Transformation, und Werneke muss aufpassen, dass ihm die heterogene Organisation nicht aus der Spur läuft.

„Komplex wie die Wirklichkeit“, bezeichnet sich Verdi. 2001 war die Dienstleistungsgewerkschaft durch die Fusion von fünf Gewerkschaften in einer komplizierten Struktur geschaffen worden. Mit großem kommunikativen Aufwand und Autorität hielt Bsirske Verdi zusammen. Und Werneke? Im Kerngeschäft, der Tarifpolitik für den öffentlichen Dienst, hat er glücklos agiert und mit dem Abschluss Ende November viele Mitglieder enttäuscht.

Verdi stürzt Berliner DGB-Chef

Im DGB-Bezirk Berlin-Brandenburg ließ Werneke im Sommer letzten Jahres einen Konflikt laufen, der die Industriegewerkschaften aufbrachte. Verdi, aufgrund des Berliner öffentlichen Dienstes die größte Gewerkschaft in der Region, wollte den DGB-Vorsitzenden Christian Hoßbach, der von der IG Metall kommt, loswerden.

Hoßbach, seit 2018 im Amt und zuvor acht Jahre stellvertretender Vorsitzender, war Berliner Verdi-Funktionären zu sozialdemokratisch und zu industriepolitisch ambitioniert. Mit Ach und Krach fand sich eine neue Führung, die am Sonnabend gewählt wurde (siehe Kasten): Die Hamburger DGB-Vorsitzende Katja Karger und Nele Techen von der IG Metall, um die wütenden Metaller wenigstens etwas zu besänftigen.

Das Theater an der Spitze – ob im Bund oder in Berlin-Brandenburg – veranschaulicht das Kernproblem des DGB: Wichtige (Personal-)Entscheidungen treffen die Großen, obgleich ihnen der Dachverband eher gleichgültig ist. Die fünf kleineren Gewerkschaften dürfen zuschauen und auf die einst harte Währung der Gewerkschaften hoffen: Solidarität – der Starken mit den Schwachen, der Großen mit den Kleinen. Auch im DGB.

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