Auch der Warenverkehr würde nach einem harten Brexit gestört. Foto: dpa
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Folgen für deutsche Wirtschaft Hart, härter, Brexit

Lina Rusch Markus Lücker

Nach dem Nein des britischen Parlaments bereiten sich Firmen auf einen harten Brexit vor. Was das für die deutsche Wirtschaft bedeutet.

Zumindest einer macht jetzt das große Geschäft. James Blake, ein Unternehmer aus Leeds, verkauft Brexit-Notfallsets. Die enthalten gefriergetrocknete Lebensmittel, Wasserfilter und Brennpaste für den Fall, dass selbst Gas und Strom auf der Insel ausfallen sollten. Dass es soweit kommt, ist zwar extrem unwahrscheinlich – trotzdem hat Blake laut BBC schon hunderte seiner Pakete verkauft. Fast 300 Pfund sind seine Kunden bereit zu bezahlen, um auf den Ernstfall, den harten Brexit, vorbereitet zu sein.

Allein das zeigt, welche absurden Folgen die Debatte um den Austritt der Briten aus der EU inzwischen hat. „Wo Vernunft gefragt gewesen wäre, hat die Hysterie gewonnen“, sagt Joachim Lang, Geschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Zum Lachen ist ihm allerdings nicht zumute. Denn mit dem Nein des britischen Parlaments steht für die deutschen Unternehmen viel auf dem Spiel. Genauer gesagt 175 Milliarden Euro. So viel sind die Waren wert, die Deutschland und Großbritannien jährlich austauschen. An 2000 Firmen im Vereinigten Königreich sind deutsche Unternehmen beteiligt. Hunderttausende Arbeitsplätze hängen am Handel der beiden Wirtschaftsmächte. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte deshalb am Mittwoch vor allem eine Forderung an die Briten: Es müsse klargestellt werden, dass es keine Mehrheit für einen ungeregelten Brexit gebe. Das sei ein wichtiges Signal „für die Märkte, für Arbeitsplätze, für die wirtschaftliche Entwicklung“. Ein Überblick darüber, was gerade alles auf dem Spiel steht.

Wie reagiert die deutsche Wirtschaft?

Deutsche Unternehmen bereiten sich schon seit Monaten auf einen harten Brexit vor. Der Pharmakonzern Bayer etwa hat zusätzliche Lagerflächen in Großbritannien angemietet und Notvorräte mit Medikamenten angelegt – aus Angst, sie ansonsten nicht mehr auf der Insel verkaufen zu können. Der Autobauer BMW hat für das Werk in Oxford, wo der Mini gebaut wird, die Sommerpause vorgezogen. Doch reicht das? „Durch einen ungeordneten Brexit würde eine so komplexe Situation entstehen, dass sich Unternehmen unmöglich für alle Eventualitäten wappnen können“, sagt Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie.

So kommen auf die Unternehmen, die Waren nach Großbritannien verkaufen, womöglich Zölle in Milliardenhöhe zu. Davor warnt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Der Pharmaverband BPI rechnet allen Vorbereitungen zum Trotz mit chaotischen Zuständen beim Handel und der Zulassung von Medikamenten.

Nimmt man all diese Auswirkungen zusammen, muss man damit rechnen, dass ein harter Brexit das deutsche Wirtschaftswachstum drücken dürfte. Die Chefvolkswirte der Sparkassen-Finanzgruppe rechnen für Deutschland in diesem Fall mit einem Rückgang des Wachstums um einen halben Prozentpunkt. Das mag nach wenig klingen – es ist aber ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass die deutsche Wirtschaft 2019 lediglich um 1,1 Prozent zulegen soll.

Wie träfe das die Automobilindustrie?

Vor allem Deutschlands wichtigste Branche, der Autosektor, wäre von einem harten Brexit betroffen. In kein anderes Land exportieren die hiesigen Autobauer mehr Wagen als nach Großbritannien. 770 000 Pkw verkauften sie nach Angaben des Autoverbandes VDA 2017 auf die Insel. Und dazu kommen noch die vielen Einzelteile, die die deutschen Zulieferer an die britischen Autowerke liefern. Jeden Tag überqueren 1100 Lastwagen mit Teilen nur für die „Just-in-time“-Produktion in Großbritannien den Ärmelkanal, zeigen Zahlen des europäischem Herstellerverbands Acea. Gleichzeitig produzieren aber auch die deutschen Autobauer zum Teil selbst in Großbritannien, etwa BMW mit seinen Mini- und Rolls-Royce-Werken.

Kein Wunder also, dass Bernhard Mattes, Präsident des Branchenverbands VDA, Alarm schlägt: „Die Folgen eines ‚No-Deal-Szenarios' wären fatal“, sagte er nach der Entscheidung im britischen Unterhaus. Das Austrittsabkommen abzulehnen, ohne dass es eine konkrete Alternative für einen anderen gangbaren Weg gebe, sei „politisch fahrlässig“.

Bereits 2018 bekamen die Autohersteller die Verunsicherung der britischen Kunden zu spüren. Der Automarkt in Großbritannien schrumpfte um sieben Prozent, während der europäische Markt stabil blieb. Früheren Studien zufolge würde ein harter Brexit wie eine Vollbremsung auf den Automarkt wirken. So sagte die Beratungsfirma Deloitte 2017 voraus, dass ein harter Brexit rund 18 000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie gefährden würde. Zölle und eine Abwertung des britischen Pfunds würden Neuwagen um einige tausend Euro verteuern, entsprechend würde die Nachfrage in Großbritannien einbrechen.

Was passiert mit dem Warenverkehr?

Kürzlich probte die britische Regierung, was ein ungeordneter Brexit für die Transportlogistik des Landes bedeuten könnte. Das Verkehrsministerium mietete 89 Lastwagen und simulierte einen Stau auf der Straße in Richtung Hafen von Dover. Zwar lief der Verkehr weitestgehend fließend, auf eine Wirklichkeit mit wieder eingeführten Grenzkontrollen dürfte das jedoch nicht vorbereiten. Aktuell passieren täglich rund 10.000 Trucks die Hafenanlage.

Etwa 17 Prozent des Warenhandels des Vereinigten Königreichs werden über Dover abgewickelt. Wenn all diese Fahrzeuge zukünftig wieder an der Grenze überprüft werden, könnte das massive Folgen für den Transport haben, warnen Vertreter der Logistikbranche. Bei so einem strikt getakteten System könne eine Verzögerung von zwei Minuten zu einem Stau von 27 Kilometern führen. Auch der nahegelegene Eurotunnel dürfte betroffen sein. „Eurotunnel arbeitet daran, sicherzustellen, dass neue Grenzkontrollen nach dem Brexit keinen signifikanten Einfluss auf den Verkehr haben werden“, erklärten die Betreiber am Dienstag. 2017 passierten pro Tag durchschnittlich mehr als 4400 Lastwagen den Eurotunnel. Dazu kommen Frachtzüge und Passagierverkehr.

Ändert sich etwas beim Datenverkehr?

„Mit der Ablehnung des Brexit-Deals droht Europa ein Datenchaos“, warnt Achim Berg, Präsident des Bitkom-Verbandes. Ein Großteil der deutschen Unternehmen, die personenbezogene Daten verarbeiten und dabei auf den Datenverkehr mit Großbritannien angewiesen sind, sind offenbar nicht ausreichend vorbereitet. Nach Schätzungen der britischen Regierung sind Exporte in Höhe von sieben Milliarden Euro von dem Datenverkehr mit Großbritannien abhängig.

Gibt es keinen Deal, müssten deutsche Unternehmen ihre britischen Geschäftspartner, Kunden, dortige Rechenzentren oder IT-Dienstleister ab dem 30. März behandeln, als säßen sie außerhalb der EU: „Wer dies missachtet und zum Beispiel Kunden- oder Auftragsdaten im Vereinigten Königreich verarbeiten oder speichern lässt, verstößt gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) – mit den bekannten hohen Bußgeldrisiken“, so der Bitkom-Präsident.

Der Grünen-Politiker Dieter Janecek hält diese Androhung allerdings für übertrieben. „Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass die Datenschutzbeauftragten die besonderen Umstände berücksichtigen werden.“

Und wie reagiert die Finanzbranche?

Mit dem Nein des britischen Parlaments hatten die Börsianer bereits gerechnet. Deshalb blieben sie am Mittwoch gelassen. Der deutsche Leitindex Dax schwankte um den Vortageskurs, auch das britische Pfund hielt sich stabil. Die meisten Banken haben sich ohnehin schon auf den Worst Case vorbereitet: nämlich darauf, dass sie nach dem Austritt Großbritanniens von London aus keine Geschäfte mehr in der EU betreiben können. Ihnen fehlt dann der notwendige EU-Passport.

Deshalb zieht es schon seit längerem immer mehr Institute nach Frankfurt am Main. 45 Banken haben bei der Finanzaufsicht Bafin und der Europäischen Zentralbank (EZB) bereits nach einer Lizenz für EU-Geschäfte von Frankfurt aus gefragt. Mindestens 5400 neue Arbeitsplätze erwartet Wirtschaftsdezernent Markus Frank durch die Verlagerung von Aktivitäten von Banken und Finanzdienstleistern von der Themse an den Main. Von 10 000 spricht sogar Frankfurt Main Finance. Immobilienfirmen berichten bereits von Rekordinvestitionen in Gewerbeimmobilien im vergangenen Jahr in Frankfurt. 61,5 Milliarden Euro seien es gewesen, sagt Piotr Bienkowski, Chef von BNP Paribas Real Estate Deutschland.

James Blake, der Unternehmer aus Leeds, ist mit seinen Brexit-Notfallsets also längst nicht der einzige Gewinner im Brexit-Chaos.

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