„Falke“ in Frankfurt. Jens Weidmann gilt als Kritiker der Niedrigzinspolitik des scheidenden EZB-Chefs Draghi. Foto: dpa
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Europawahl Das Feilschen um die Spitzenjobs

Nach der Europawahl beginnt das Feilschen um die Spitzenjobs. Bundesbank-Chef Weidmann könnte EZB-Präsident werden.

Als sich die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag im rumänischen Sibiu trafen, ging es natürlich um europäische Personalfragen. In zwei Wochen wählen die EU-Bürger ein neues Parlament und gleich darauf wird sich jeder die Frage stellen: Wer wird was?

Es ist noch gar nicht so lange her, da überreichte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Bestellungsurkunde an Jens Weidmann. Der 51-Jährige bleibt für eine zweite Amtszeit und damit weitere acht Jahre Präsident der Bundesbank. Oder auch nicht: Denn zum 1. November ist ein weiteres Amt zu besetzen. Nach dem Rückzug von Mario Draghi wird der Chefsessel der Europäischen Zentralbank (EZB) nur wenige Kilometer von der Bundesbank entfernt im Osten Frankfurts frei. Weidmann drängt sich in der ihm eigenen Art nicht auf, er macht aber auch kein Hehl daraus, dass ihn die Aufgabe reizen würde.

Er bekommt Zuspruch nicht nur aus der Bankenszene. Die hält Weidmann nicht nur wegen seiner Persönlichkeit, sondern auch wegen seiner Arbeit als Bundesbank-Präsident, als Mitglied des EZB-Rats und wegen seines Ansehens auf internationaler Ebene für qualifiziert. Dort wirkte er etwa bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Gerade hat ihn auch der scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gelobt. Weidmann sei als überzeugter Europäer und erfahrener Zentralbanker für das Amt bei der EZB geeignet.

Mehrere Favoriten für die Draghi-Nachfolge

Doch Juncker hat es nicht in der Hand. Weidmann ohnehin nicht. Dafür aber die Regierungschefs der europäischen Mitgliedsländer, die neben einem neuen EZB-Präsidenten auch einen neuen Chef der Kommission und einen neuen Ratsvorsitzenden – oder jeweils eine Frau – finden und benennen müssen. Traditionell ist das ein Geben und Nehmen. Die Bundesregierung hat sich noch nicht festgelegt, ob sie Weidmann unterstützt. Im Herbst hieß es, Bundeskanzlerin Angela Merkel spreche sich für den CSU-Europapolitiker Manfred Weber im Amt des EU-Kommissionschefs aus. Über ihren ehemaligen Berater Weidmann fiel kein Wort. Mittlerweile aber gilt Webers Erfolg nicht mehr als sicher. Daher wird nicht mehr ausgeschlossen, dass es doch der EZB-Chefsessel sein könnte, auf den die Bundesregierung schielt. Weidmann wäre wieder im Spiel.

Umfragen unter europäischen Ökonomen zufolge gilt der finnische Notenbanker Erkki Liikanen als Favorit für die Draghi-Nachfolge. Liikanen wäre allerdings schon 69, wenn er das auf acht Jahre angelegte Amt antreten würde. Auch der französische Notenbank-Chef François Villeroy de Galhau wird hoch gehandelt, außerdem der finnische Notenbank-Präsident Olli Rehn und das französische EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré. Allerdings ist offen, ob der Franzose als derzeitiges EZB-Direktoriumsmitglied Präsident werden kann. Weidmann rangiert bei den befragten Ökonomen lediglich auf Rang fünf. Diese nennen unter anderem auch Klaas Knot, den niederländischen Zentralbank-Chef, und die Chefin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde.

Der Deutsche ist als „Falke“ bekannt

Für Weidmann als obersten Euro-Währungshüter spricht auch die Tatsache, dass nach dem Niederländer Wim Duisenberg, dem Franzosen Jean-Claude Trichet und dem Italiener Mario Draghi noch nie ein Deutscher die EZB geführt hat. Andererseits ist der Deutsche als „Falke“ bekannt. Im Gegensatz zu den „Tauben“ treten sie für eine eher strikte statt lockere Geldpolitik ein – und sind in den südlichen Euro-Ländern wenig beliebt. Schließlich profitieren vor allem diese Länder von der Niedrigzinspolitik der EZB. Der Bundesbank-Präsident hat sich im EZB-Rat immer wieder gegen den entsprechenden Kurs von Mario Draghi gestellt. „Weidmann ist insbesondere in den hoch verschuldeten Euro-Ländern alles andere als ein Wunschkandidat“, sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert.

Weidmann würde die sehr schwierige Aufgabe in den Euro-Türmen trotzdem reizen, zumal es für ihn ein wirklicher Aufstieg wäre. Andererseits hat er immer betont, wie gerne er Bundesbank-Präsident ist. Dort wäre man keimeswegs traurig, wenn Weidmann bleiben würde. Im Gegenteil.

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