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Der Lebensmittelhandel hat von der Krise profitiert. Dem Fair-Trade-Markt hilft das aber nicht. Wolfgang Kumm/dpa
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Einzelhandel weiter unter Druck Die Krise trifft den fairen Handel besonders hart

Erstmals seit Jahren sinkt der Umsatz mit nachhaltigen Produkten. Sie verharren in der Nische. Insgesamt werden die Sorgen des Handels kaum kleiner.

Dass das Coronajahr 2020 für den Einzelhandel ein finanzielles Desaster war, ist bekannt. Dass mehr als die Hälfte der Innenstadthändler für das laufende Jahr mit Umsätzen unter Vorjahr rechnet, darf deshalb durchaus als Alarmsignal betrachtet werden. Das geht jedenfalls aus einer am Mittwoch vorgestellten Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter 650 Handelsunternehmen aller Standorte, Größenklassen und Branchen hervor.

„Die positive Entwicklung in den letzten Wochen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das erste Halbjahr insbesondere für den Innenstadthandel verloren ist“, warnte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Extrem gelitten hat der Bekleidungseinzelhandel, dessen Erlöse um rund ein Drittel geschrumpft sein dürften.“

Auch wenn die Insolvenzzahlen das bislang nicht widerspiegeln, hält Genth deshalb weiter an seiner Prognose fest, dass die Pandemie das Aus für bis zu 50.000 Geschäfte bedeuten könne.

Laut der Umfrage berichten fast drei Viertel aller Innenstadthändler von gesunkenen Umsätzen in den ersten sechs Monaten des Jahres. Die Lage ist in den verschiedenen Branchen allerdings unterschiedlich. In den Bereichen Freizeit, Heim und Garten lief es den Angaben zufolge besser. So lag das Minus in den ersten vier Monaten etwa im Bereich Heimwerken bei 16 Prozent, im Möbelhandel bei zwölf Prozent.

Der Onlinehandel zieht das Geschäft nach oben

Genth blickt allerdings optimistischer in die Zukunft als zuletzt. Insgesamt geht der HDE ohne weitere Lockdowns und bei niedrigen Infektionszahlen für den gesamten Handel von einem Umsatzwachstum von 1,5 Prozent im Jahresvergleich aus. Die Umfrage ergab, dass eine Mehrheit der Händler für die kommenden Monate eine Fortsetzung des Erholungsprozesses erwartet. Insgesamt hängt das Plus am Jahresende aber wohl weiterhin vom Onlinehandel ab.

Der HDE erhöhte am Mittwoch sogar seine Prognose für das Umsatzwachstum des Onlinehandels im laufenden Jahr von 17 auf fast 20 Prozent. Damit würden die E-Commerce-Umsätze in diesem Jahr von 72,8 auf mehr als 87 Milliarden Euro steigen. Der stationäre Einzelhandel wird dagegen laut HDE im Gesamtjahr voraussichtlich Umsatzeinbußen von 1,1 Prozent hinnehmen müssen und noch Waren im Wert von 499 Milliarden Euro verkaufen.

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Wie sehr der Handel in der Krise auf den Hilfen des Staates angewiesen war, um die auferlegten Schließungen zu überleben, zeigt ein Blick auf den Arbeitsmarkt. Aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit geht hervor, dass im Bereich der sozialversicherungspflichtigen Jobs sogar 2020 ein leichtes Plus von 12.000 Arbeitsplätzen im Handel geschaffen wurde.

Die Zahl der Minijobber ist im Coronajahr hingegen um 13.000 gesunken. Für den HDE liegt die stabile Bilanz vor allem am Kurzarbeitergeld. Auch im Juni 2021 waren noch rund 100.000 Beschäftigte der Branche im Kurzarbeit.

Fair-Trade steckt in der Krise

Hart hat die Krise auch dem Handel mit explizit nachhaltigen Produkten zugesetzt. Erstmals seit langer Zeit ist der Umsatz mit fair gehandelten Produkten im vergangenen Jahr gesunken, wie das Forum Fairer Handel am Mittwoch mitteilte.

Verbraucherinnen und Verbraucher gaben demnach rund 1,8 Milliarden Euro für Fair-Trade-Ware aus und damit fast drei Prozent weniger als noch 2019. Zwischen 2011 und 2019 hatten sich die Umsätze mit fair gehandelten Produkten wie Kaffee, Bananen oder Textilien von knapp 480 Millionen Euro auf 1,85 Milliarden Euro beinahe vervierfacht.

Der Geschäftsführer des Forums, Matthias Fiedler, erklärte den Rückgang bei Fair-Trade-Produkten vor allem mit den Pandemiefolgen in Deutschland: „Der erste Grund, den ich nennen würde, ist der starke Einbruch im Außer-Haus-Verkauf“, sagte er. Gastronomen, Veranstalter und die Reisebranche seien in den vergangenen Jahren zu wichtigen Abnehmern fair gehandelter Produkte geworden.

Insgesamt verharrt der faire Handel damit in der Nische. Der Verband, in dem sich Fair-Trade-Händler organisiert haben, schätzt den Anteil am Gesamtmarkt etwa bei Lebensmitteln auf weniger als einen Prozent.

Angesichts der kräftigen Umsatzzuwächse im konventionellen Lebensmittelhandel während der Krise dürfte der Anteil noch einmal deutlich geschrumpft sein. Einen Großteil seiner Umsätze generiert der faire Handel mit Produkten, die das entsprechende Siegel tragen und auch im Sortiment der Supermarktketten und Discounter vorhanden sind.

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