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Große Pläne. Auto1-Gründer Christian Bertermann (links) und Hakan Koc haben früh darauf gesetzt, dass Kunden bereit sind, Autos im Netz zu kaufen. Foto: Dominik Butzmann
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Börsengang von Auto1 Auto-Portale folgen dem Lockruf des Kapitals

Auto1 und Mobility Holding wollen an die Börse. Investoren zeigen großes Interesse an Fahrzeug-Plattformen und treiben die Bewertungen. Das Kapital lehrt die etablierten Automobilhersteller und Händler das Fürchten.

Der Börsengang der Berliner Gebrauchtwagenplattform Auto1 soll bis zu 1,8 Milliarden Euro schwer werden. Der Betreiber von "Wirkaufendeinauto.de" legte die Preisspanne am Montag auf 32 bis 38 Euro je Aktie fest. Eine Milliarde Euro will das Unternehmen selbst einnehmen und damit vor allem das geplante Wachstum finanzieren. Der Rest - 500 bis 833 Millionen Euro - geht an die Altaktionäre. Die Zeichnungsfrist beginnt am Dienstag und läuft bis zum 2. Februar. Zwei Tage später soll die Aktie unter dem Kürzel "AG1" erstmals an der Frankfurter Börse gehandelt werden.

Die Fantasie der Börse ist ansteckend. Auch die Mobility Holding bereitet Insidern zufolge einen Gang aufs Parkett vor. Unter deren Dach befindet sich MeinAuto.de, nach eigenen Angaben Marktführer für den Online-Verkauf von Neuwagen und Neuwagen-Leasing in Deutschland.

Obwohl sich die Geschäftsmodelle der beiden deutschen Portale unterscheiden - Auto1 konzentriert sich auf den An- und Verkauf von Gebrauchtwagen, die Mobility Holding ist vor allem im Neuwagensegment tätig -, locken sie doch mit einer ähnlichen Investment-Story. Die lautet: Autos werden zunehmend nicht mehr im Autohaus, sondern online ge- und verkauft, die Corona-Pandemie hat diesen Trend beschleunigt und zur Renaissance des privaten Pkw generell beigetragen, sei es neu oder gebraucht.

„Man kauft heute Produkte eher online, von denen man das früher nicht erwartet hätte. Die Coronakrise hat diesen Trend verstärkt“, bestätigte Mobility-Holding-Chef Rudolf Rizzolli Tagesspiegel Background Ende November. Der frühere Sixt-Leasing-Vorstand sprach von einem Trend, den die Autohersteller fürchten, der den Online-Portalen aber hilft: der „De-Emotionalisierung“ des Autos. Weil Autokäufer immer weniger Wert auf eine individuelle Ausstattung und auf Markentreue legten, sei der Vertrieb im Internet - also nicht mehr im klassischen Autohaus - einfacher geworden. 

Während der Neuwagenmarkt 2020 um fast ein Fünftel einbrach, zeigte sich das Gebrauchtwagensegment stabil. Es geht um einen gewichtigen Markt: Der Umsatz mit Gebrauchtwagen lag allein in Deutschland nach letzten Zahlen des Marktbeobachters DAT bei rund 90 Milliarden Euro.

Finanzinvestoren suchen lukrativen Exit

Die Münchner Mobility könnte bei ihrem Börsengang, der offiziell nicht bestätigt wird, einschließlich Schulden mit 1,3 bis 1,4 Milliarden Euro bewertet werden. Das Unternehmen aus Oberhaching bei München, das dem britischen Finanzinvestor Hg gehört, soll eine Emission in der ersten Jahreshälfte 2021 anpeilen. „Typisch Finanzinvestor - sie suchen einen günstigen Exit“, heißt es in der Branche. Der Verkauf käme allerdings vergleichsweise früh. Hg hatte die Mobility Holding erst 2018 unter anderem aus dem Kölner Start-up MeinAuto.de und der Flottenleasing-Tochter der Hypo-Vereinsbank, Mobility Concept, zusammengebaut.

Auto1 will den Großteil des Börsenerlöses in den Ausbau der neuen Internet-Plattform Autohero stecken, mit der sich das Unternehmen an private Gebrauchtwagen-Käufer richtet. "Wir freuen uns darauf, unsere Investorenbasis zu verbreitern, und wollen in den nächsten Jahren erheblich in den weiteren Aufbau der Marke Autohero und unser operatives Geschäft investieren", sagte Vorstandschef und Mitgründer Christian Bertermann. Er hatte Auto1 2012 zusammen mit Hakan Koc gegründet. Banker und Analysten veranschlagen den Börsenwert auf sechs bis acht Milliarden Euro.

Die Finanzinvestoren, die hinter Auto1 und der Mobility Holding stehen, hoffen, von einem internationalen Hype zu profitieren: Weltweit zeigen Investoren seit Monaten ein gesteigertes Interesse an Plattformen, auf denen Autos gehandelt werden, vor allem gebrauchte. Dies dokumentieren zum Beispiel die erfolgreichen Finanzierungsrunden asiatischer Start-ups wie Tiantian Paiche (China), Cars24 (Indien), Carro (Singapur) oder Carsome (Malaysia).

Vorbilder in den USA und Großbritannien

Hoch bewertet sind die internationalen Vorbilder für innovative Gebrauchtwagenportale in Großbritannien und in den USA. So sammelte die britische Cazoo in drei Finanzierungsrunden gut 500 Millionen Euro bei Investoren ein. Bewertet wird der Online-Händler mit rund 2,8 Milliarden Euro. Die US-Firma Carvana, bekannt für ihre inszenierten Fahrzeugauslieferungen mit gläsernen Trucks, kommt an der US-Börse auf eine Bewertung von umgerechnet mehr als 40 Milliarden Euro. Wettbewerber Vroom ging im Juni 2020 an die Börse und weist bereits eine Marktkapitalisierung von rund fünf Milliarden Euro auf.

Ins Netz. Auto-Portale für Neu- und Gebrauchtwagen profitieren vom Trend zur Digitalisierung des Kfz-Handels. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Ins Netz. Auto-Portale für Neu- und Gebrauchtwagen profitieren vom Trend zur Digitalisierung des Kfz-Handels. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa

Dass für Gebrauchtwagenportale viel Geld bezahlt wird, zeigte auch der Verkauf von mobile.de im vergangenen Sommer. Der Onlinekonzern Ebay verkaufte den Onlinefahrzeugmarktplatz für acht Milliarden Euro an den norwegischen Konkurrenten Adevinta. Ein halbes Jahr zuvor hatte die Plattform Autoscout24 ebenfalls den Eigentümer gewechselt: Der Internetportal-Betreiber Scout24 stieß seinen Ableger zusammen mit „Finanzcheck“ an den US-Finanzinvestor Hellman & Friedman ab - für rund 2,9 Milliarden Euro. Sowohl mobile.de als auch Autoscout24 machen ihr Geschäft als digitale Anzeigenplätze, die an Vermittlungsprovisionen verdienen.

Für die Autohersteller und ihre Händlerorganisationen, aber auch für die freien Kfz-Händler ist das schnelle, milliardenschwer finanzierte Wachstum der Online-Plattformen eine Bedrohung. Mit Heycar versuchen Volkswagen und Daimler zumindest gemeinsam, ihre eigenen Händler ins Spiel zu bringen und sich ein Stück des Kuchens zu sichern. Doch die teuren Altlasten  des Vertriebs wiegen schwer. 

Rexcar: Nicht jedes Geschäftsmodell hat Erfolg

Wie auf anderen Geschäftsfeldern des Automarktes auch verschärft die üppige Ausstattung der neuen Player mit Börsenkapital den Wettbewerb. Hinzu kommt der Corona-Turbo: Die Pandemie führe zu einem „ungeahnten und nicht wieder rückgängig zu machenden Digitalisierungsboom, von dem gerade Börsengänge von Technologieunternehmen profitieren und weiter profitieren werden“, sagte Martin Steinbach, Partner und Leiter des Bereichs IPO and Listing Services des Beratungsunternehmens EY Ende 2020. „Und sie beschleunigt Entwicklungen in vielen Branchen, für die es sonst Jahre oder Jahrzehnte brauchte.“

Mit dem fast ausschließlich digital vermittelten Verkauf von 615.000 Autos an Händler und Privatkunden hatte Auto1 2019 rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, im Schnitt hatte sich der Umsatz seit 2014 jedes Jahr fast verdoppelt. 

Garantiert ist der Erfolg eines digitalen Geschäftsmodells freilich nicht. Das zeigt das Beispiel Rexcar. Die im Juli 2020 gegründete B2B-Auktionsplattform, die die Vermarktung von Gebrauchtwagen unter Autohäusern und Händlern über eine digitale Plattform vereinfachen wollte, musste bereits Anfang dieses Jahres Insolvenz anmelden. Die guten Branchenkontakte des geschäftsführenden Gesellschafters Stephan Grühsem, früher Kommunikationschef des Volkswagen-Konzerns, waren offenbar nicht gut genug.

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