Bauboom. Neben der Bauwirtschaft entwickeln sich die Bereiche Information und Kommunikation sowie Handel und Tourismus besonders dynamisch. „Die produzierenden Branchen sind stabil“, heißt es dagegen nüchtern im Senatsbericht über die Industrie. Foto: dpa
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Berliner Wirtschaft Boomtown auf Hochtouren

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Das Berliner Wachstum liegt weiter deutlich über Bundesdurchschnitt - trotz des Mangels an Flächen für Industrie und Gewerbe.

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, und der nun schon viele Jahre dauernde Aufschwung hat in Berlin eine Dynamik entfaltet, die so bald nicht nachlässt. Trotz Trump und den Irritationen im Handel und trotz der zunehmende Flächenkonkurrenz in der wachsenden Stadt und der steigenden Preise „bleibt Berlin Boomtown“, wie Wirtschaftssenatorin Ramona Pop am Montag meinte.

Fünfte Mal in Folge über dem Durchschnitt

Der den Wirtschaftspolitikern eigene Zweckoptimismus ist in diesem Fall durch Zahlen gedeckt. Und durch Empirie. Für das gesamte Jahr erwartet Pop eine Wachstumsrate von 2,7 Prozent - das liegt 0,5 Prozent über dem prognostizierten Wachstum für die Bundesrepublik insgesamt sowie ebenfalls um 0,5 Prozent über der Erwartung der Berliner IHK, die aus dem Frühsommer stammt. Und womöglich ist die Senatorin mit ihrer Schätzung sogar am unteren Rand des Möglichen: Vor genau einem Jahr erwartete sie für 2017 eine Rate von 2,5 Prozent; am Ende waren es 3,1 Prozent. Damit wurde das vierte Mal im Folge der Bundesdurchschnitt (2,2 Prozent) übertroffen. 2018 wird das fünfte Jahre sein, indem die Hauptstadt aufholt. Denn bei Wirtschaftsleistung und Einkommen pro Kopf liegt Berlin noch immer zurück, nachdem die ersten zwei Jahrzehnte nach der Wende vor allem die Strukturbrüche in der Industrie die Stadt und ihre Wirtschaft schwer belastet hatten.

Pop will innovativ und gerecht sein

In den 1990er Jahren war Berlin die Arbeitslosenhauptstadt des Landes, inzwischen ist auch der hiesige Arbeitsmarkt dynamischer als in anderen Bundesländern. Ebenso stark wie die Wirtschaftleistung wuchs 2017 die Zahl der Erwerbstätigen, also um 3,1 Prozent oder 58 000. „Es entstehen gute Arbeitsplätze, auch für diejenigen, die lange arbeitslos waren“, sagte Pop am Montag bei der Vorstellung des jüngsten „Wirtschafts- und Innovationsbericht“ ihrer Verwaltung.

Ihre eigene Politik beschreibt die Senatorin der Grünen mit den Adjektiven „innovativ, gerecht und nachhaltig“. Die wesentlichen Inhalte beziehungsweise Handlungsfelder unterscheiden sich dabei nicht sonderlich von Wirtschaftspolitiken in anderen Städten oder Ländern: Digitalisierung fördern, Gewerbeflächen bereitstellen und die Energiewende forcieren. Einmalig ist indes die Berliner Gründerszene. 2017 gab es Pop zufolge 41 000 Neugründungen, und dieses Start-up-Ökosystem „spielt bei der Digitalisierung eine entscheidende Rolle“. Mit der Gründung der Digitalagentur Berlin GmbH wolle der Senat „Unternehmen für digitale Themen sensibilisieren, in Fragen der IT-Sicherheit beraten und Unterstützungsangebot der Stadt transparent machen“, sagte Pop.

Kampf um Flächen

Der rot-rot-grüne Senat hat das Jahrzehnt der Investitionen aufgerufen, um Investitionslöcher zu stopfen und die wachsende Stadt mit einer adäquaten Infrastruktur auszustatten. „Es wird enger in der Stadt“, sagte Pop. „Unser Ziel ist es, ausreichend Flächen zur Erweiterung und Neuansiedlung von Unternehmen zu sichern.“ Dabei gibt es zunehmend Interessenkonflikte mit Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), wie vor zwei Monaten auf dem so genannten Knorr-Bremse-Areal in Marzahn, traditionell ein Industriegebiet, aber eben auch attraktiv für Wohnungsbau. Die Senatorinnen verständigten sich dann auf eine Mischnutzung.

Wie stark sich die Stadt verändert hat in den letzten Jahren, zeigt eine Statistik der IHK: Von 2000 bis 2017 haben sich die Flächen für Gewerbe und Industrie in Berlin um 468 Hektar verringert. Große, zusammenhängende Industrieflächen für entsprechende Ansiedlungen gibt es so gut wie gar nicht mehr. Erwägungen wie kürzlich im Fall von Tesla, wonach der US-Konzern ein Produktionswerk für Elektroautos in Berlin ansiedeln könnte, sind auch deshalb abwegig.

Am Montag nach Siemensstadt

Aber Elektroautos soll es immer mehr geben auf Berlins Straßen, dazu hat der Senat kürzlich eine Förderprogramm verabschiedet, mit dessen Hilfe die gewerblichen Autos in der Stadt elektrifiziert werden. Und auch das landeseigene Stadtwerk darf natürlich nicht fehlen in einem Sachstandsbericht einer Grünen-Senatorin. „Mit dem Stadtwerk haben wir einen starken Akteur zur ökologischen Modernisierung Berlins, der mit Nachdruck die Energiewende in der Stadt vorantreibt“, sagte Ramona Pop.

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Am kommenden Montag macht sich die Wirtschaftssenatorin gemeinsam mit dem Kollegen Klaus Lederer (Linke), der als Kultursenator auch für Denkmalschutz zuständig ist, und dem Regierenden Bürgermeister auf nach Siemensstadt, wo die Politiker Siemens-Vorstand Cedrik Neike treffen, um über Details des erhofften Siemens-Campus zu reden.

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