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Viele scheinen sich in der Krise darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Foto: Getty Images
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Exklusiv 76 Prozent haben keine Einbußen Warum Verbraucher trotz Krise finanziell gut da stehen

Carla Neuhaus

Trotz Coronakrise schätzen die meisten Deutschen ihre wirtschaftliche Lage als gut ein. Es sind sogar mehr Menschen denn je zufrieden, zeigt eine Umfrage.

Deutschland steckt mitten in der Wirtschaftskrise – doch für die meisten Deutschen fühlt es sich nicht so an. Sie sagen: Persönlich gehe es ihnen gar nicht so schlecht. Im Gegenteil. Zwei Drittel der Deutschen bezeichnen ihre aktuelle wirtschaftliche Lage sogar als gut. Das geht aus einer Umfrage des Bankenverbands hervor, deren Ergebnisse dem Tagesspiegel exklusiv vorliegen.

Überraschend ist dabei auch der Vergleich zu den Vorjahren: Demnach haben noch nie so viele Menschen ihre wirtschaftliche Lage als gut bezeichnet wie heute. Ausgerechnet in der Pandemie sind also besonders viele zufrieden.

Dabei sind sich die Deutschen den Widrigkeiten durchaus bewusst. Denn im Gegensatz zur eigenen Situation fällt die Meinung über die allgemeine Wirtschaftslage schlecht aus. Gerade einmal 27 Prozent würden das derzeitige Wirtschaftsumfeld als gut bezeichnen. Einzig nach der Finanzkrise fiel dieser Wert noch niedriger aus.

Wie kommt das? Da bricht die Wirtschaft ein, doch die Menschen sind glücklich. Tatsächlich zeigt die Umfrage, dass zumindest bis jetzt die Mehrheit Menschen nicht von der Wirtschaftskrise betroffen ist und Einbußen erlitten hat. So geben 76 Prozent an, dass sie die Folgen der Coronakrise bisher finanziell kaum oder gar nicht spüren.

Und: "Viele konnten nicht in den Urlaub fahren, waren in der Krise zum Konsumverzicht gezwungen und haben Geld gespart", sagt Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer beim Bankenverband. "Das vermittelt auch das Gefühl, dass es einem finanziell ja ganz gut geht."

Wissen muss man dabei allerdings, dass die Ergebnisse bereits Mitte November erhoben worden ist und damit noch vor der erneuten Schließung der Geschäfte.

In der Krise gibt man sich mit wenig zufrieden

Krautscheid sieht in den guten Umfragewerten ein Indiz dafür, dass die Krisenpolitik der Bundesregierung wirkt. "Die massiven staatlichen Unterstützungsmaßnahmen wie Ausgleichszahlungen, die Kurzarbeiter-Regelungen und die Überbrückungskredite gleichen gerade vieles aus", sagt er.

Außerdem verglichen die Menschen ihre Lage mit der anderer. "Deutschland ist da bisher noch ganz gut durch die Krise gekommen", sagt Krautscheid. "Wir sehen die Bilder aus den USA und anderen Ländern mit Massenarbeitslosigkeit und schlechter Gesundheitsversorgung und wissen, dass wir trotz vieler Sorgen in einem starken und sozialen Land leben."

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Dazu kommt noch ein psychologischer Effekt: Denn je schlechter das allgemeine Bild von der Wirtschaft ist, je häufiger die Medien über den verheerenden Konjunktureinbruch berichten, desto besser schätzen die Menschen ihre eigene Lage ein – auch wenn sich die kaum verändert hat.

Der Bankenverband nennt das den „Mir-geht-es-ja-noch-ganz-gut“-Effekt. Mit ihm schienen „viele auch eine zumindest nicht so gravierende Verschlechterung ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation auszublenden“. Soll heißen: Angesichts der Probleme in der Wirtschaft und den viele Coronatoten erscheint einem die eigene Lage auf einmal gar nicht mehr so schlecht.

Andreas Krautscheid ist Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Foto: Bankenverband/picture alliance/Jan Haas Vergrößern
Andreas Krautscheid ist Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. © Bankenverband/picture alliance/Jan Haas

Dabei ist die Unsicherheit durchaus groß, wie es weitergeht. Die Zukunftserwartungen der Deutschen schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Etwa die Hälfte der Befragten sieht Deutschland gut, die Hälfte schlecht gerüstet. Dabei sind sich derzeit nicht nur die Verbraucher uneins über die weiteren Aussichten. Auch die Prognosen der Ökonomen gehen auseinander. Das fängt schon bei der Frage an, wie hart die Folgen des Lockdowns die Wirtschaft treffen.

Ökonomen streiten darüber, wie schnell sich die Wirtschaft erholt

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist zum Beispiel überzeugt: „Deutschland muss sich auf eine zweite Rezession einstellen.“ Ökonomen sprechen davon immer dann, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale hintereinander einbricht. Krämer zufolge sind die wirtschaftlichen Risiken durch den zweiten harten Lockdown gestiegen: Mit dem Einzelhandel werde ein wichtiger Absatzkanal der deutschen Industrie geschlossen, meint er.

Anders sieht das das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), das eher von einer Stagnation in diesem und dem nächsten Quartal ausgeht. „Die wirtschaftliche Grunddynamik ist stark genug, und die Stützungspolitik von Regierung und Europäischer Zentralbank wirkt“, meint IMK-Chef Sebastian Dullien.

Das Ifo-Institut wiederum ist eher auf Seiten der Pessimisten und hat seine Prognose für 2021 gerade erst nach unten korrigiert. „Wegen des neuerlichen Shutdowns bei uns und in anderen Ländern verschiebt sich die Erholung nach hinten“, sagt Timo Wollmershäuser, der Leiter der Ifo-Konjunkturforschung.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) wiederum will von solch negativen Stimmen nichts hören. „Ich bin mir relativ sicher, dass wir eine Rezession wie im Frühjahr diesen Jahres diesmal nicht erleben werden“, sagte er Anfang der Woche im Deutschlandfunk. „Es ist möglich, wenn wir klug vorgehen, auch jetzt noch einmal die wirtschaftliche Substanz des Landes zu bewahren.“

Die Deutschen scheinen bislang mehrheitlich auf die Krisenpolitik der Regierung zu vertrauen. 92 Prozent finden es zum Beispiel richtig, dass Firmen Hilfsgelder erhalten, wenn sie aufgrund der Pandemie in Schwierigkeiten geraten. Fast zwei Drittel glauben zudem, dass die Politik in der Lage ist, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen.

Damit ist das Vertrauen in die Bundesregierung so hoch wie lange nicht. Krautscheid meint: „Solange das so ist, besteht aus meiner Sicht kein Grund, sich durch noch so lautstarke Proteste kleiner Minderheiten verunsichern zu lassen.“

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