Klingelt's? Seit wann fürchten sich Menschen davor, Gespräche von Freunden anzunehmen, fragt sich unser Autor. Foto: imago/Westend61
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WhatsApp und Facebook vs. Telefon Eine Nachricht schreiben – oder lieber anrufen?

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Facebook und Sprachnachrichten töten das Telefonat. Ein Kulturpessimist geht ran und trauert ums gute, alte Gespräch. Sein Kollege drückt ihn weg und beschimpft ihn als Zeiträuber.

Es startet Ulf Lippitz mit der Verteidigung des guten alten Telefonats. Danach schreibt Marius Buhl, wie rücksichtslos es ist, Menschen anzurufen.

Vergangenes Wochenende im Café an der Markthalle Neun. Zwei junge Frauen sitzen an einem Tisch, jede von ihnen wischt über ihr Smartphone, zeigt der Freundin Fotos von Airbnb-Wohnungen. Plötzlich passiert es. Das Ding in der Hand der einen Frau gibt einen Ton von sich. Es brummt, immer und immer wieder. Die Freundin schaut die andere an, als würde ihr nun zum ersten Mal klar: Dieser Gegenstand in ihrer Hand ist gar keine Kamera mit Freisprechfunktion, sondern ein, oh Gott, Telefon.

Beide schweigen, starren und atmen aus, als das Handy aufhört, diese nervenden Geräusche zu machen. Kurz darauf summt es einmal, über Whatsapp hat der Anrufer eine Sprachnachricht hinterlassen. Die Frau hört sie ab, sie hebt kurz den Zeigefinger und signalisiert ihrer Freundin: Moment. Dann spricht sie schräg in das flache Telefon, es sieht aus, als würde sie gleich davon abbeißen, „tut mir leid, ich habe deinen Anruf verpasst“, blablabla, 30 Sekunden, dann schickt sie die Sprachnachricht über Whatsapp ab.

Geht’s noch?

Was ist mit dem guten alten Telefonat passiert? Seit wann fürchten sich Menschen davor, Gespräche einer Freundin, einer Kollegin, des Bruders anzunehmen – und selbst welche zu führen? Newsflash: Mit einem Smartphone kann man mit anderen Menschen kommunizieren, und zwar zur selben Zeit, und, jetzt wird es ganz verrückt, man hört dabei noch die Stimme des anderen.

Emoticons wandern in den digitalen Eimer

Das Telefonat stirbt aus. Das bemerke ich an meiner Festnetzleitung. Die muss sich inzwischen verwaist fühlen wie das Abflugterminal C in Tegel kurz nach der Air-Berlin-Pleite. Die Nummer wird nur noch von meinen Eltern regelmäßig angewählt. Oder von fünfzehnstelligen fremden Zahlencodes, die mir sofort etwas unterjubeln oder meine Meinung wissen wollen. Gibt es ein Auto in Ihrem Haushalt? Nein. Können wir kurz mit Ihnen über Ihr Fahrverhalten reden? Nein!

Wenn jemand privat etwas von mir wissen will, läuft das normalerweise so ab: Zuerst erhalte ich eine Whatsapp- oder Facebook-Nachricht. Reagiere ich nicht umgehend darauf, bekomme ich auf dem jeweils anderen Kanal eine Nachricht, ob ich die vorherige Nachricht auf dem anderen Kanal schon gelesen habe. Antworte ich immer noch nicht, schreibt der Verfasser vielleicht eine E-Mail. Dabei wissen alle Freunde, dass ich tagsüber mein Handy lautlos stelle. Da können sie mir noch so viele Nachrichten voller Fragezeichen schicken. Diese zu Zeichen gewordene Erbostheit, dass ich an einer so alten Kulturtechnik wie dem Gespräch festhalte, wandert gleich in meinen digitalen Abfalleimer, wo auch schon sämtliche Emoticons liegen.

Damit beharre ich natürlich auf einer abgegriffenen Kommunikationsart. Im amerikanischen Technologiemagazin „Wired“ hat ein Journalist bereits vor acht Jahren die These aufgestellt, dass der Anruf kurz vor dem Aussterben sei. Der Autor hatte seine Telefonrechnungen verglichen. Während er zehn Jahre zuvor knapp 20 Ferngespräche am Tag geführt und am Ende eine 15-seitige Auflistung der Telefongesellschaft erhalten hatte, waren es nun nur noch zwei oder drei Seiten. Die Durchschnittsdauer eines Gesprächs sank von drei auf eineinhalb Minuten. Und das war noch vor dem Boom von Whatsapp, Facebook Messenger und wo man sich sonst noch Smileys hinterlassen kann.

Wie viele Kanäle muss ich offenhalten, um gehört zu werden?

Vergangenes Jahr veröffentlichte Gerald Lembke, Professor für Digitale Medien in Mannheim, einen ähnlichen Bericht, in dem er für Deutschland die Diagnose erstellte: tote Leitung. Gerade mal acht Minuten pro Tag werde im Durchschnitt pro Kopf telefoniert, bei Jugendlichen unter 17 Jahren sei die Zeit sogar so gering, dass sie „kaum noch messbar“ sei.

Was macht das mit unserer Kommunikation? Wir sind überall erreichbar und nirgends. Es gibt Menschen, die auf eine professionelle E-Mail gar nicht antworten, aber in einem Privatchat bei Facebook sofort reagieren. Wie viele Kanäle muss ich offenhalten, um gehört zu werden? Und wie viele Missverständnisse ließen sich abwenden, wenn man einfach mal direkt miteinander reden würde, anstatt drei Minuten auf eine Sprachnachricht zu warten. Was jetzt passiert, ist kein Dialog mehr, sondern ein aneinandergeketteter Monolog, eine moderne Form des Briefromans, nur ohne Schönschrift, dafür mit U-Bahn-Ansagen im Hintergrund.

Ruft mich doch einfach auf dem Festnetz an. Da bin ich nämlich meist erreichbar. Aber das kapiert ja eh keiner. Es sei denn, ich schicke jedem meiner Telefonkontakte eine Sprachnachricht über Whatsapp zu.

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