Stadt der Türme. Der Hauptweihnachtsmarkt findet vor dem Dom und der St.-Severi-Kirche statt. Fotos: ©Erfurt Tourismus und Marketing GmbH/Barbara Neumann
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Stadtrundfahrt Erfurt erfahren!

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Die Stadt wurde im Krieg kaum zerstört, doch ein Museum ist sie nicht. Jetzt reist man mit der Bahn rasend schnell an die Gera.

Mehr Weihnachtsmarkt war nie. Auf wunderbare Weise vermehren sich die Buden von Jahr zu Jahr, drängen sich längst nicht mehr nur um den zentralen Markt zu Füßen des Doms, hier ist doch noch ein Plätzchen, dort ein Hof, Glühweinduft liegt in der Luft. Zwei Millionen Besucher strömen im Advent herbei.

Als hätte Erfurt den Rummel nötig. Als sähe die Stadt nicht ohnehin wie ein begehbarer Adventskalender aus, mit malerischen Bauten, die Namen tragen wie Haus zum roten Stiefel, Zum Stockfisch, Zum ersten Schweinskopf. Wie beim Adventskalender stecken hinter den Türen Überraschungen. Da ist zum Beispiel die ehemalige Drogerie, die sich in ein Café-Bistro verwandelt, aber die alten Schränke, Theken, Gläser und damit ihren Charme behalten hat. Oder die große moderne Kunsthalle, die sich hinter der Renaissancefassade des Hauses zum Roten Ochsen verbirgt. Im Augustinerkloster dürfen heute selbst Atheisten übernachten. Und auf der Parkbank hockt das Sandmännchen, neben dem Rathaus steht Bernd das Brot – Figuren des Kinderkanals, der in Erfurt sitzt. Man läuft hierherum und dortherum, entdeckt kleine Lädchen, stolpert in Kirchen (von denen es fast mehr zu geben scheint als Gläubige) und steht plötzlich vor einer winzigen Backstube am Fuße der Krämerbrücke, wo man dem Bäcker auf die mehligen Hände guckt. Es duftet nach Rosinenbrötchen.

Erfurt wurde im Krieg nur zu fünf Prozent zerstört, sein Zentrum ist heute Deutschlands größtes Flächendenkmal. Und doch kein Museum. Auch wenn es abends (jenseits des Advents) sehr ruhig ist, in der Altstadt leben immer noch normalverdienende Menschen. Und das Schöne ist, dass die Stadt nicht aus einem mittelalterlichen Guss ist, kein Rothenburg ob der Tauber, sondern eher ein Mosaik aus vielfältigen architektonischen Stilen, historischen Schichten, farbigen Fassaden. Selbst die modernen Bauten, in die Lücken gesetzt, fügen sich bestens ein.

Im Mittelalter kreuzten sich hier die wichtigsten Handelswege

All das ist jetzt nur einen Katzensprung von Berlin entfernt: Mit der Eröffnung der neuen Schnellstrecke nach München sind es bloß noch eine Stunde 40 Minuten vom Hauptbahnhof. Erfurt wird zum Knotenpunkt; für den Sprinter nach Frankfurt am Main ist es der letzte Halt. Auch die Querverbindungen, etwa nach Weimar oder Jena, wurden verbessert.

Schon einmal ist Erfurt ein Knotenpunkt gewesen, als sich im Mittelalter die wichtigsten Handelswege hier kreuzten. Die Krämerbrücke liegt an der Via Regia. Während die Knechte mit den Karren durch die Furt fuhren, kauften die Herren auf der parallel verlaufenden Überquerung bei den Krämern Proviant und Mitbringsel ein.

Die Krämerbrücke ist die einzige bewohnte Brücke nördlich der Alpen. Dort zu leben, davon hat Beate Kister früher geträumt. Sie hatte sich verliebt in die Brücke, wie sie strahlend erzählt. Seit 1994 lebt sie tatsächlich mit der Familie in den winzigen, einfachen Räumen des Fachwerkhäuschens. Und sitzt dort tagsüber eingemummelt, malt kleine Postkarten und Bilder, die sie aus dem Fenster heraus verkauft. Aus ihrem Hobby hat die frühere Buchhändlerin einen Beruf gemacht.

Künstlerin Beate Kister in ihrer Ladenwohnung. Foto: Susanne Kippenberger
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Beate Kister fühlt sich geborgen hier, erlebt die Brückengemeinschaft wie eine große WG. Schräg gegenüber etwa sitzt „Goldhelm“, die Schokoladenmanufaktur, die 2005 als Einmannbetrieb begann und nun rund 60 Mitarbeiter hat. Im Brückenlädchen drängen sich die Kunden um die ebenso originell verpackten wie gefüllten Bio-Schokoladen, den Mallorquinischen Winter zum Beispiel: Marzipan, Mandel und Orange.

Die Lebensqualität lockt gerade Jüngere an

Die Brücke ist ein Beispiel dafür, wie man einen Boom so gestalten kann, dass alle was davon haben. Nach der Wende meldeten Fast-Food- und Drogeriemarkt-Ketten ihr Interesse an. Aber die Stadt als Eigentümerin (nur drei Häuser befinden sich in Privatbesitz) ging auf die Initiative der Bewohner ein, es wurde eine Stiftung gegründet, die die Anlage verwaltet und dafür sorgt, dass dort Künstler und Kunsthandwerker, Antiquitätenhändler, Manufakturen und unabhängige Cafés ihr Geschäft betreiben, die zur historischen Umgebung passen. Die Brücke ist die größte Touristenattraktion, aber auch Einheimische laufen gern durch dieses urbane Dorf, trinken dort ein Glas Wein.

Erfurt boomt. Die Zahl der Zugezogenen steigt seit geraumer Zeit, 213 000 Einwohner sind es inzwischen, die Lebensqualität der freundlichen Stadt lockt gerade Jüngere an. Zu Fuß, mit dem Rad oder der Tram kommt man überallhin, es gibt ein lebendiges Kulturangebot, das vom Puppen- bis zum Tanztheater reicht, von der Oper bis zum Programmkino, man kann deftig essen, aber auch modern, es gibt viele junge Cafés, wie das neue „Kurhaus Simone“ oder „Oma Lilo“. Und die grüne Umgebung lockt zu Ausflügen.

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Zum Beispiel mit Rad oder Bahn zur „Bachstelze“. In das Traditionslokal hat Maria Groß vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann neues Leben gebracht, nachdem sie zuvor im Erfurter Restaurant „Clara“ einen Stern erkocht hatte. Draußen wird mit besten Zutaten gegrillt, drinnen in der gemütlichen Stube gibt’s nur ein Menü, traditionelle Gerichte in moderner Fassung. In die Suppe kommt fermentierter Kürbis, und wo normalerweise mit Majoran gewürzt wird, nimmt Groß Minze. Die quirlige „Maria aus der Ostzone“, wie sie sich ironisch nennt, macht mit ihrer Truppe alles selbst, auch das Brot, das die Gäste als kleinen Laib auf den Tisch bekommen. Die Fritteuse wurde als Erstes abgeschafft. Was der Thüringerin, die in Berlin Philosophie studiert und lange in der Schweiz gearbeitet hat, an Erfurt besonders gefällt? „Die Natürlichkeit der Menschen. Die heimelige Atmosphäre. Das unaufgeregte Treiben der kleinen Stadt.“

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