Kaiserliche Loge. Die Arena ist Schauplatz der Römerspiele. Foto: Andreas Austilat
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Römerspiele in Nîmes Provenzalisches Gemetzeltes

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Einmal im Jahr trägt man sogar im Dönergrill Tunika – dann feiert Nîmes die Antike, und in die alte Arena marschiert die römische Legion ein.

Andrea Ferretti ist bemerkenswert gut gelaunt – obwohl er weiß, dass er heute Nachmittag gekreuzigt wird. So wie gestern schon und morgen wieder. Doch bis dahin darf der 30-jährige Italiener rumlaufen, wie er es mag: Ferretti trägt eine karierte Wollhose, über seiner Schulter liegt eine Decke im gleichen Muster, um den Leib hat er sich eine geflochtene Kordel geschlungen.

Der junge Mann aus Verona ist eigens nach Nîmes an den Rand der Provence gereist, um einen gallischen Rebellen zu spielen. Gekleidet wie vor 2000 Jahren spaziert er vor seinem Auftritt durch die Jardins de la Fontaine, den schönen Stadtpark der südfranzösischen Stadt. Und niemand mustert ihn mit neugierigem Blick.

Hier sind sehr viel seltsamere Gestalten unterwegs: Römische Legionäre üben in rasselnden Kettenhemden den Gleichschritt. Barbarenkrieger haben sich blaue Farbe ins Gesicht geschmiert, sehen sie ein Kameraobjektiv, fletschen sie die Zähne und zücken ihr Schwert. Auch sie sind Rebellen, erklärt Ferretti, da gehöre eine gewisse Wildheit zum guten Ton.

Nîmes war ein wichtiger Ort im römischen Imperium

Seit 2010 geht es in Nîmes immer um den 1. Mai herum für drei Tage so zu. Dann werden in der alten Arena im Zentrum die Römerspiele ausgetragen. Es ist mit 500 Beteiligten das wohl größte Antike-Reenactment Europas – wenn nicht der Welt. Wo sonst marschieren heutzutage schon so viele Legionäre? Es sei denn, in Hollywood wird gerade ein Sandalenfilm gedreht. Mancher Bürger mag da nicht zurückstehen. So hat Cyril, Wirt des Bistros „Les Alizés“, die Rüstung eines römischen Offiziers angelegt, eines Zenturios also. Die Belegschaft des benachbarten Dönergrills trägt ziemlich knappe Leinentuniken.

Es kann kaum einen geeigneteren Ort geben für ein derartiges Schauspiel. Das antike Stadion von Nîmes wurde vor beinahe 2000 Jahren errichtet, die Verwandtschaft mit dem Kolosseum in Rom ist unverkennbar. Zwar ist die Arena hier eine Arkadenreihe niedriger und fasst mit rund 25 000 nur halb so viele Zuschauer, dafür ist sie besser erhalten und regelmäßig ausverkauft, wenn drinnen die Gladiatoren zum Gefecht antreten.

Nîmes war ein wichtiger Ort im römischen Imperium. Nach dessen Untergang schrumpfte die Stadt im Mittelalter, aber sie florierte weiter. Seidenweber und Tuchmacher ließen sich hier nieder, ihre Stoffe waren begehrt. Etwa der Denim, der im 19. Jahrhundert über Genua nach Amerika exportiert wurde und als Jeans Karriere machte. Und wohlhabende Patrizier ließen sich prächtige Häuser im Stil der Renaissance erbauen. Weshalb man sich in den engen Gassen manchmal wie in Italien fühlt. Das gilt im Prinzip für die gesamte Provence, nirgendwo sonst sind sich Frankreich und Italien nicht nur räumlich so nahe.

Norman Foster baute hier ein neues Kulturzentrum

Heute ist die Altstadt mit ihren Bars, Cafés und kleinen Geschäften nahezu vollständig Fußgängerzone. Im Sommer gibt es den Kulturdonnerstag, dann wird auf den vielen kleinen Plätzen musiziert und getanzt. Doch die Altstadt ist nicht nur deshalb so lebendig, sondern weil hier nach wie vor gewohnt wird. Ein Drittel des Bestandes ist für Sozialmieter reserviert.

Auch die Gegenwart hat in Nîmes also ihren Platz, ebenso ihre Kunst. Norman Foster baute mit dem Carré d’Art ein neues Kulturzentrum, bis zum 16. September stellt Wolfgang Tillmans dort aus. Das ändert alles nichts daran: Besonders stolz ist man im ehemaligen Nemausus auf das mehr als 2000 Jahre alte antike Erbe. Da ist nicht nur die Arena, weitere Bauten sind im Stadtbild erhalten. Vor allem das Maison Carrée, das einst dem Augustus geweihte „rechteckige Haus“, es ist neben dem Pantheon in Rom und einem weiteren Tempel im französischen Vienne das einzige römische Sakralgebäude, das bis hin zum Dach komplett erhalten ist. 20 Kilometer außerhalb überspannt ein Aquädukt, der Pont du Gard, seit Jahrtausenden den Fluss Gardon.

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Zuweilen trägt die Erinnerung an die römische Vergangenheit skurrile Züge. So hängen im Rathaus vier mumifizierte Krokodile im Treppenaufgang. Das Stadtwappen mit Krokodil und Palme geht auf eine dem Augustus ergebene, hier stationierte Legion zurück. Sie zeichnete sich in Ägypten aus, zu Zeiten der legendären Kleopatra.

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