Die Unbestechlichen. Andy García, Sean Connery, Kevin Costner und Martin Smith (v.l.) machten 1987 Jagd auf Al Capone. Foto: imago/United Archives
p
Interview mit Andy García „Ich sichere mich gegen Sexszenen ab“
Marco Schmidt
0 Kommentare

„Wer hat dich denn gefragt, du Schlampe?“

Ihre Eltern sind beide Kubaner. Inwieweit hat Ihre Herkunft Ihre Laufbahn geprägt?

Enorm. Damals, Ende der 70er Jahre, gab es in Hollywood so gut wie keine Rollen für Latinos. Deshalb bekam ich anfangs keinen Fuß in die Tür. Bis zu meinem ersten Filmauftritt vergingen sieben Jahre! Ich spielte Improtheater und musste als Kellner oder Möbelpacker arbeiten; in einer Nachtschicht habe ich mal zusammen mit Brian Cranston Lkws beladen. Jahrelang wurde ich nicht einmal zu Castings zugelassen. Wegen meines Nachnamens zog man mich für die meisten Rollen von vornherein gar nicht in Betracht. Und wenn ich doch einmal vorsprechen durfte, etwa für den Part eines mexikanischen Bandenmitglieds, schickte man mich nach fünf Sekunden wieder heim: „Was wollen Sie denn hier? Sie sehen ja gar nicht aus wie ein Hispano!“

Wie kam dann der Erfolg?

Durch Hal Ashbys Thriller „8 Millionen Wege zu sterben“. Ich bewarb mich für die Rolle des gewalttätigen Killers und Kokaindealers Angel Maldonado. Der Casting Director wollte mich zunächst nicht zum Vorsprechen einladen, weil er mich schon kannte und für einen eleganten Gentleman hielt. Ich wusste, wenn ich eine Chance haben wollte, durfte ich nicht als der nette Andy beim Casting erscheinen, sondern als Kotzbrocken. Also zündete ich mir gleich mal eine Zigarette an, und als man mir sagte, das Rauchen sei verboten, schnauzte ich: „Das interessiert mich ’nen Scheiß!“ Ich hatte zuvor eine Assistentin gebeten, im richtigen Moment eine bestimmte Dialogzeile zu sagen, doch als sie das tat, fing ich an, sie wüst zu beschimpfen: „Wer hat dich denn gefragt, du Schlampe? Halt die Fresse! Was glotzt du so blöd?“ Ich steigerte mich in einen minutenlangen improvisierten Wutanfall hinein, und das arme Mädchen, das mir nur einen Gefallen tun wollte, wurde kreidebleich. Aber ich bekam den Job!

Von da an ging es aufwärts?

Dann steckte ich erst einmal in der Killer-Schublade. Aber in Hollywood ist es per se nicht schlecht, in einer Schublade zu stecken. Es bedeutet, dass du zumindest als Schauspieler arbeiten kannst. Man bot mir also einen Haufen weiterer Mörder-Rollen an, so auch die des Auftragskillers Frank Nitti in „Die Unbestechlichen“. Ich wollte mich aber nicht wiederholen und viel lieber den Part des Polizisten Giuseppe Petri übernehmen. Nun musste ich Regisseur Brian De Palma nur noch überzeugen, dass ich auch einen Guten spielen konnte. Doch das fiel mir leicht, weil ich in Wirklichkeit auch einer von den Guten bin!

Deshalb durften Sie auch an der Seite von Al Pacino in „Der Pate III“ spielen?

Das habe ich dem Paramount-Studioboss Frank Mancuso zu verdanken, beziehungsweise seiner Frau Fay, die einen Narren an mir gefressen hatte, seitdem sie mich bei den Dreharbeiten zu „Die Unbestechlichen“ am Set kennengelernt hatte. Bis heute bin ich sehr eng mit den beiden befreundet und sogar Taufpate ihres Sohnes; Frank war es auch, der mir die Rolle des heißblütigen Nachwuchs-Mafioso in „Der Pate III“ anbot.

Hatte da nicht auch der Autor und Regisseur Francis Ford Coppola noch ein Wort mitzureden?

Natürlich, und er war anfangs überhaupt nicht von mir überzeugt. Erst einmal ließ er Dutzende meiner Kollegen für die Rolle vorsprechen, ehe er mich schließlich zu Probeaufnahmen in seine Residenz im Napa Valley einlud. Ich kam dort abends an und traf ihn; er erklärte mir die Szene, die ich am nächsten Morgen spielen sollte, und bat mich, den Text über Nacht einzustudieren. Doch ich war kaum zurück in meinem Motel, das etwas abseits lag, als es in unserem Tal einen kompletten Stromausfall gab. Es war überall stockdunkel. Ich stolperte von meinem Bungalow zur Rezeption, wobei ich auf dem Weg dorthin mehrmals stürzte, besorgte mir eine Kerze und versuchte, bei dieser Funzelbeleuchtung meinen Text zu lernen, bis meine Augen schmerzten. Irgendwie habe ich es anscheinend hingekriegt.

Sie wohnen zwar seit Ihrem fünften Lebensjahr in den USA, sind aber auf Kuba geboren. Was bedeutet Ihnen heute das Erbe Ihrer Heimat?

Extrem viel. Die kubanische Musik ist beispielsweise noch immer eine Quelle des Trostes und der Inspiration für mich. Ich bin stolz auf meine Herkunft. Wenn meine Eltern nicht den Mut gehabt hätten, ins Exil zu gehen, säße ich heute nicht hier. Nachdem meine Familie bereits zwei Jahre unter Castros Terrorregime gelitten hatte, wurde ein Gesetz erlassen, das alle Kinder zum Besuch einer staatlichen Schule verpflichtet. Wir sollten also der kommunistischen Indoktrination unterworfen werden. Doch mein Vater wollte sich seine Kinder nicht vom Staat rauben lassen und floh mit uns nach Miami. Das Verhältnis jedes Exilanten zu seiner Heimat ist vergleichbar mit einer verbotenen Liebesbeziehung: Du kannst sie lieben, aber nicht mit ihr zusammen sein. So geht es mir auch.

Zur Startseite