Die Dachterrasse des Spa-Bereichs im Hotel Almodóvar bietet Platz zum Abkühlen nach dem Schwitzen in der Sauna. Foto: Katharina Kern
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Hotelkolumne: In fremden Federn So viel Platz in Friedrichshain

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Als Touristen in der eigenen Stadt: In Friedrichshain gibt es mehr Platz als man denkt - für Protest und Avocadotoast, und für Entspannung im Almodovar Hotel.

In Friedrichshain geht es um Platz. Ständig. Wer darf wo bauen, wohnen, feiern? Ein Investor entnimmt für eine Baustellenzufahrt Mauersegmente aus der East Side Gallery, in der Simon-Dach-Straße streiten Anwohner mit Touristen.

Doch es gibt mehr Platz in Friedrichshain, als man denkt. Den Traveplatz etwa, zwischen Samariterstraße und Frankfurter Allee. An den Tischtennisplatten spielt an diesem Nachmittag niemand. Ein Junge mit einem Pullover, auf dem „Straight Outta School“ steht, läuft seine Runden um die Grasfläche. Junis und Emma schaukeln.

Hinter dem Klettergerüst wohnen welche, die um ihren Platz fürchten. Nicht den Traveplatz, den Platz in der Gesellschaft. „Kapitalismus tötet“ steht auf dem Banner, das vom Balkon des Wohnprojekts weht. Neben der Eingangstür hängt die „Rigaer Wandzeitung“ und schimpft auf Mieterhöhungen. Ein Haus weiter wird im „Aunt Benny“ Avocadotoast auf Englisch bestellt. Kindergeschrei und Klassenkampf.

Weiter zum Wühlischplatz. Hier sitzen fünf Menschen, lesen, trinken Bier, rauchen, jeder für sich. Ein Platz für Feierabendruhe, doch nach 18 Uhr wird es langsam kühl.

Im fünften Stock des Hotels Almodóvar in der Boxhagener Straße kann man die Kälte wegschwitzen. In der Sauna hat es 75 Grad. Lange hält man es nicht aus. Die Sanduhr zeigt fünf Minuten, der Schweiß rinnt, nach sieben Minuten tropft er, nach zehn Minuten wäscht die kalte Dusche alles weg. Danach auf die Terrasse, der Blick wandert über die Dächer.

Im Zimmer wird die Yogamatte ausgerollt, sie gehört zur Standardausstattung in allen 60 Räumen des stylischen Businesshotels. Während der Kriegerstellung fährt der Blick die dunkle Musterung des Bettrahmens nach. Das Holz schipperte einst übers Meer. Es kommt von indischen Schiffen, alle Möbel sind daraus gemacht. Platz für Tagträume. Wo es wohl schon überall war? Vielleicht trug es Seide und Gewürze, vielleicht trug es Piraten, die diese Fracht rauben wollten. Attacke!

„Geronimo!“, entfährt es einem auch beinahe, wenn der Ball auf den Platz sprich Kickertisch geworfen wird. Ein Schlachtruf und der Name der Bar in der Sonntagstraße. Der Partner ist Frank, die Gegner zwei Spanier.

Kurz vor der Rückkehr ins Hotel noch ein Spaziergang über den leeren Annemirl-Bauer-Platz. Bis vor wenigen Monaten hatten Obdachlose hier ihr Lager aufgeschlagen. Der Bezirk hat sie aber weggeschickt, erzählt ein Anwohner, der seinen Hund ausführt. Für sie gab es hier keinen Platz.

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