Ein Klops am Wasser. Das Auditorio Alfredo Kraus ist einem der größten Tenöre Spaniens gewidmet. Foto: Alamy Foto: Alamy Stock Photo
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Gran Canaria Runter vom Liegestuhl, rein in die Altstadt von Las Palmas
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"Im Zimmer 3 hat der Spanische Bürgerkrieg begonnen"

Die größte Beachtung findet jedoch ein in hellem Pastellgelb gestrichenes Haus gleich nebenan, es duckt sich hinter einer riesigen und einer kleinen Palme. Das Hotel Madrid an der Plaza de Cairasco wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Es verfügt nur über 17 Zimmer, sie sind fast alle ausgebucht, vor allem Zimmer 3, was weniger an dem dunkel gestrichenen Holzbett liegt, noch an dem großen Spiegel gegenüber. Durch Zimmer 3 weht auch bei geschlossenen Fenstern der Wind der Geschichte. „Hier hat der Spanische Bürgerkrieg begonnen“, sagt Øystein Eide, „Sie glauben gar nicht, wie viele Touristen ich immer wieder hinführen muss.“

Unten an der Bar drängen sich Gäste an zerschrammten Tischen, die Wände sind voll von gerahmten Schwarz-Weiß- Fotos (natürlich auch mit Franco). Hinter dem Tresen hängt noch das hölzerne Kalenderbrett mit dem Datum des 17. Juli 1936. Am Vormittag stieg der Generalísimo Francisco Franco in Zimmer 3 ab, um an der Beerdigung eines Soldaten teilzunehmen, in Zivil und mit zur Tarnung abrasiertem Schnauzbart.

Nachmittags wurde er über den Aufstand antirepublikanischer Einheiten in Marokko informiert. Von Zimmer 3 aus richtete Franco ein Telegramm an alle Divisionskommandos in Spanien, sich „in diesem historischen Moment“ dem Aufstand in „blindem Glauben an den Sieg“ anzuschließen. Noch in der Nacht flog er über Casablanca zu den aufständischen Truppen. Die Geschichte nahm ihren Lauf – in Spanien, Europa und der ganzen Welt. Wegen eines Telegramms aus dem Hotel Madrid in Las Palmas.

Im Pueblo sind Bilder des kanarischen Malers Néstor zu sehen

Weiter durch die geschäftigen Straßen durch den Parque Doramas mit dem Pueblo Canario, einem Modelldorf im einheimischen Stil mit bunten Fassaden und geschnitzten Balkonen. Herzstück des Pueblo ist das Museo Néstor mit den Gemälden des Symbolisten Néstor Martín-Fernández de la Torre. Sein Hauptwerk ist in einer Rotunde im Erdgeschoss zu bewundern, das zwischen 1913 und 1924 entstandene „Poema del Atlántico“. Ein Zyklus von acht Gemälden rezitiert das atlantische Gedicht, dargestellt wird der Ozean zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten. Die Meeresbewohner scheinen einem aus den Rahmen entgegenzuspringen und samt der sie tragenden Wellen den Raum zu überfluten. Die kleine Rotunde ist für gewöhnlich überlaufen, weil so ziemlich jeder Besucher Mühe hat, sich von der fantastischen Welt des Wassers zu lösen.

Mit Néstors Visionen vor Augen gestaltet sich der Spaziergang an der Atlantikküste noch mal so anregend. Vorbei am Parque Romano, die Festung im Blick. Das Castillo de la Luz steht seit 1941 unter Denkmalschutz, wurde zu Beginn des dritten Jahrtausends aufwendig saniert und 2014 als Museum neu eröffnet.

Das Auditorio Alfredo Kraus thront auf einem Sockel aus Vulkangestein

Seitdem ist Martín Chirino hier zu Hause. Er hat seine Karriere auf dem Bau begonnen, als Werftarbeiter mit einer begleitenden Ausbildung als Schweißer und Gießer. Das prägt sein Schaffen bis heute, der Mann wurde gerade 82. Sein Lieblingsmotiv sind Spiralen in allen Größen und Formen, sie finden sich überall im Castillo. Øystein klettert eine Treppe hinauf in den zweiten Stock. Hier befindet sich Chirinos berühmteste Skulptur: „Momentos II. Reflexión sobre El Guernica“, keine zehn Jahre alt. In dramatischen Kurven biegt sich der Stahl, die Form erinnert an Picassos Friedenstaube. Sie öffnet den imaginären Schnabel zum verzweifelten Schrei in Gedenken an Guernica, das von der Legion Condor bombardierte Dorf im Baskenland.

Draußen weht der Wind über die Landenge, vom Hafen im Osten Richtung Westen nach Las Canteras, wo sich die Stadt mit ihrem kilometerlangen Sandstrand scheinbar in das alte Klischee der ausgeruhten Badeinsel fügt. Ganz am Ende der Liegestühle erhebt sich ein spektakuläres Bauwerk über das Meer. Das Auditorio Alfredo Kraus thront auf einem Sockel aus Vulkangestein, ein mit Meeressymbolen verkleidetes Viereck, modernes Äquivalent zum alten Castillo. Gewidmet ist die neue Burg dem in Las Palmas geborenen Alfredo Kraus, er hat die Einweihung im Dezember 1997 noch um zwei Jahre überlebt. Die Zeitung „El Mundo“ hat über Kraus mal geschrieben: „Der vierte Tenor ist eigentlich der erste“, eine hübsche Anspielung auf die eitlen Kollegen Carreras, Domingo und Pavarotti.

Natürlich hat Øystein Eide auch eine Anekdote zu Alfredo Kraus, sie geht so: „Kraus war schon 70, da hat er in Madrid ein großes Comeback gegeben. Am Ende hat das Publikum 45 Minuten lang applaudiert, das ist bis heute Weltrekord.“

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