Flugbegleiterin Friederike Sandow. Foto: Kai-Uwe Heinrich
p

Flugbegleiterin Friederike Sandow „Wenn es ganz schlimm wird, haben wir Handschellen an Bord“

13 Kommentare

Sie kann Piloten-Durchsagen und dubiose Gerüche deuten. Flugbegleiterin Friederike Sandow über betrunkene Passagiere und warum sie Moritz Bleibtreu streichelte. Ein Interview.

Urlaubszeit ist Reisezeit. Für viele Deutsche heißt es deshalb: Bordkarte bereithalten und einsteigen. Denn trotz Streiks und wenig Beinfreiheit verreisen jedes Jahr Millionen mit dem Flugzeug. Wir haben mit Friederike Sandow über ihre Arbeit als Flugbegleiterin gesprochen, um die sich viele Klischees und Mythen ranken. Sandow hat viele Jahre für die Lufthansa gearbeitet und kennt nicht nur die Codes für die Crew.

Frau Sandow, Fliegen ist heute so banal wie Busfahren, die Tickets kaufen wir online zu Ramschpreisen. Hat Ihr Beruf den einstigen Glamour verloren?

Manche Kurzstrecken sind schlichte Abfertigung. Die Gäste nehmen uns gar nicht wahr. Da stehe ich am Eingang wie ein Getränkeautomat. Die Passagiere kennen die Regeln, gehen aber lax damit um. Das Handy wird nicht in den Flugmodus geschaltet, Kinder liegen über drei Sitze verteilt und die Mutter beschwert sich dann auch noch, dass sie es wecken muss, um es anzuschnallen. Die Langstrecke ist dagegen für viele etwas Besonderes.

Sie haben sieben Jahre lang für die Lufthansa als Flugbegleiterin gearbeitet. Die erste Stewardess in Europa, Nelly Pflüger, brachte den Passagieren selbstgekochtes Essen mit und jodelte, um ihnen die Nervosität zu nehmen. Was war Ihre Geheimwaffe gegen Flugangst?
Ich rede viel mit den Leuten, gehe an ihren Platz, frage zwischendurch nach. Viel mehr kann ich nicht tun. Wir können niemanden mit Beruhigungsmitteln dopen. Das Risiko ist zu groß, dass uns da einer wegknallt und ich ihn in einem Notfall aus dem Sitz schaufeln muss.

Ist es unverschämt, bei der Sicherheitsunterweisung nicht zuzuhören?
Einmal habe ich morgens die Anweisungen gemacht und gesehen, dass der ganze Flieger pennt und ich Ballett alleine mache. Da hat meine Kollegin durchgesagt: „Liebe Fluggäste, meine Kollegin hat sich gerade beschwert, dass ihr niemand zuhört und zuguckt.“ Mir war das so peinlich, die Passagiere waren einerseits pikiert und andererseits amüsiert. Aber alle haben geschaut.

Eine Flugbegleiterin verteilt Menüs an Fluggäste in einem Passagierflugzeug. Foto: IMAGO
p

Früher konnte die Crew in Codes miteinander sprechen, ohne die Passagiere zu beunruhigen. Heute lassen sich die Alarmsignale leicht im Internet finden. „Attention Crew on Station“ ist offenbar so eines.
Da würde ich heute noch nachts um drei senkrecht im Bett stehen, wenn das jemand sagt. Das ist die Vorstufe zu einer möglichen Evakuierung, wenn das Flugzeug noch am Boden steht. Der erste Blick geht nach draußen: Wäre der Weg frei, falls ich eine Tür öffnen muss, und hätte die Rutsche genug Platz? Oder blockiert da womöglich ein Tanklaster den Ausgang? Solche Szenarien übt man mehrmals im Jahr. Ich hatte das Kommando aber auch schon im Ernstfall.

Sie mussten evakuieren?
Zum Glück ging das glimpflich aus, ohne alle aus der Maschine holen zu müssen. Ein Feueralarm hinten im Crew-Bereich einer Boeing 747. Wir konnten den Alarm zunächst nicht lokalisieren. Die Passagiere haben nichts mitbekommen. Für die war das eine Ansage wie jede andere.

Wie teilen Sie Ihren Kollegen Dinge mit, die nicht für Passagiere bestimmt sind?
Wir beherrschen das Zeigen mit den Augen gut. Das geht ganz schnell, kriegt keiner mit. Augen nach links, guck dir den da mal an. Ohnehin würde ich eine Kollegin oder einen Kollegen immer nur allgemein aufmerksam machen, wenn mir etwas komisch vorkommt. Die müssen von allein zum gleichen Schluss kommen. Wenn ich sage: Schau mal, der ist doch betrunken, würden sie das voraussetzen. Ich würde nie sagen: Es riecht nach Batterie. Ich würde fragen: Riechst du das?

Wie riecht Batterie?
Nach verschmortem Walkman.

Und was bedeutet der Geruch?
Alarm. Irgendwas verkohlt.

Das scheint häufiger zu passieren.
Meist ist das ein Fehlalarm. Einmal, auf einem Flug aus Asien nach Europa, roch das ganze Flugzeug nach Elektrobrand. Wie sich rausstellte, hatte ein Passagier eine Tüte voller Gewürze dabei, die für europäische Nasen ziemlich ungewohnt waren.

Mehr zum Thema

Wie oft waren Sie selbst an Bord in brenzligen Situationen, ohne den Passagieren etwas gesagt zu haben?
Drei, vier Mal. Im Winter habe ich mal auf einem Flügel Eis gesehen. Das hat mir im ersten Moment niemand geglaubt, das Cockpit sagte: Quatsch, wir wurden enteist, kann nicht sein. Und da hat sich dann herausgestellt, dass die Enteisung abgebrochen und das vom Bodenpersonal nicht kommuniziert wurde. Das wollten wir nicht in einem Flieger durchsagen, in dem 300 Menschen sitzen.

Zur Startseite