Baumkänguru Nunsi, hier mit Pfleger Mirko Klenz, zog gerade noch vor Transportstopp in den Park ein. Foto: Tierpark Berlin
© Tierpark Berlin

Was passiert, wenn die Besucher ausgesperrt sind? Der Tierpark wird zur Wildnis

Affen im Ausnahmezustand: Im Berliner Tierpark hat die Simulation der Natur einen unvorhergesehenen Idealzustand erreicht – es gibt keine Besucher mehr.

Christian Kern spricht von einer „heißen Phase“. Er ist Naturwissenschaftler und könnte nun leicht im Dunstkreis derjenigen vermutet werden, die momentan an Viren forschen. Doch der ernste Mann mit der Brille ist Zoologischer Leiter im Berliner Tierpark. Er meint Brehm, nicht Corona. Es gibt noch andere Baustellen in der Stadt.

Zum Beispiel die des Alfred-Brehm-Hauses, das 1963 als Raubtierhaus errichtet wurde und an diesem Wochenende als Tropenanlage für Besucher wieder eröffnen sollte. Wäre der Park nicht seit dem 17. März geschlossen.

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Es ist Montag, der 30. März, noch vier Tage bis zum Einweihungstermin. Im Tierpark modifizieren sie nun ihre Vorhaben, trotz Virus und Ausgangssperre arbeiten sie weiter nach Plan auf den großen Tag hin – führen das Haus notgedrungen eben ohne Besucher seiner Bestimmung zu. Die Tiere warten nicht.

Als holte sich die Wildnis ihr Recht auf Privatheit zurück

Christian Kern richtet Kleinterrarien für Schlangen oder Echsen ein, kontrolliert die neue Terrasse bei den Brillenpinguinen, pflanzt mit Schippe und Spaten die letzten großen Pflanzen in der Tropenhalle ein.

Der Park in Friedrichsfelde erlebt derzeit seine wohl seltsamste Zeit, wie viele Zoos weltweit: Raubtiere fressen ohne Besucher, Affen klettern ohne Zuschauer, Tiere leben ohne Voyeure. Die Simulation der Natur hat einen unvorhergesehenen Idealzustand erreicht. Kein Mensch stört, kein Tier flüchtet.

Es sind Bilder wie aus einer Apokalypse. Leere Gehwege entlang von Freianlagen, ein einsamer Pfleger in tarngrüner Kleidung. Als holte sich die Wildnis ihr Recht auf Privatheit zurück. Die Antilopen? Könnten nun unbeobachtet aus der Deckung kommen. Die kleine Eisbärin Hertha: muss nicht mehr Kinderschreie ertragen bei jedem herzhaften Biss in den Ball.

Sehnsüchtig schaut der Mensch auf die Normalität der Tierwelt

Christian Kern blickt auf seine Schützlinge mit den Augen eines Gerichtsmediziners. Er seziert Verhaltensweisen so lange, bis Fakten und Muster übrig bleiben. Ob die Tierparkbewohner die Menschen vermissen? „Den Tieren ist das vollkommen egal.“ Das Leben im Park geht seinen gewohnten Gang, es muss.

Ein Zwerggänsegeier und ein Pekari sind gerade gestorben, zwei Buntmarder und eine Giraffengazelle geboren, ein Bartgeier geschlüpft, die Weißhandgibbons mussten zur routinemäßigen Blutkontrolle, bevor sie auf die Außenanlage durften, und haben sich bei der Gelegenheit gleich den Zahnstein behandeln lassen. „Die Tierhaltung hat sich nicht verändert“, sagt Kern.

Biologe Christian Kern sagt: Den Tieren sind die Menschen egal. Foto: Tierpark Berlin Vergrößern
Biologe Christian Kern sagt: Den Tieren sind die Menschen egal. © Tierpark Berlin

Nur der menschliche Blick darauf ist nun ein anderer geworden: vielleicht ein leicht sehnsuchtsvoller. Man befindet sich im Ausnahmezustand der Menschheit und schaut auf die Normalität der Tierwelt.

Sie bemerken den Unterschied

An den ersten Tagen haben die Affen noch registriert, dass um neun Uhr morgens keine Besucher mehr vor ihren Kletterbäumen stehen, meint Kern, irritiert habe sie das nicht. Der Tierpark hat auf seinem Instagramkanal Videos gepostet, wie die Gibbons ihre Freianlage beziehen, wie sie sich von Bambusrohr zu Bambusrohr hangeln und über diese dann laufen wie angetrunkene Spieler. Man hat nicht den Eindruck, dass ihnen dabei Menschen fehlten.

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Genießen sie möglicherweise das Ungestörtsein ganz bewusst? Christian Kern ist milde amüsiert, wenn er über Post-Corona-Folgen nachdenken soll. „Wir erwarten keinen Babyboom.“ Im Tierpark betreibe man Populationsmanagement. „Wir züchten kontrolliert“, sagt Kern. Ein Biologe muss auch das sein: ein Verwalter der Artenvielfalt.

Beispielsweise bei den Sibirischen Tigern, die jetzt von der Öffentlichkeit abgeschirmt im neuen Alfred-Brehm-Haus leben. Jedes Jahr bekommt das Weibchen eine Spritze unter die Haut, darin ein Verhütungsmittel. Selbst wenn sich die Raubkatzen paaren würden, könnten sie keine Jungtiere bekommen. Bei anderen Säugetieren wie Paarhufern werden männliche Exemplare während der Brunftzeit abgetrennt.

Mitarbeiter sind in Kurzarbeit

Christian Kern erklärt das wie alles – der Kontaktsperre wegen – per Liveschalte über Facetime. In einer grünen Windjacke steht er jetzt vor grauen Felsen.

Die Coronakrise und ihre Auswirkungen scheinen den Tieren egal. Nicht so denen, die sich um sie kümmern. Von den Besuchern hängen die Einnahmen ab. Diese Woche hat der Verband der zoologischen Gärten einen Aufruf an die Bundeskanzlerin geschickt, sie möge deshalb die Einrichtungen mit 100 Millionen Euro Soforthilfe unterstützen.

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Ein Teil der Belegschaft des Tierparks Berlin befindet sich in Kurzarbeit. Seit zwei Wochen gibt es ein Blocksystem: Zwei Teams wechseln sich wöchentlich in den Revieren ab und kommen dadurch so wenig wie möglich miteinander in Kontakt. Ein Team besteht aus etwa der Hälfte der sonst üblichen Mitarbeiter, muss jedoch den normalen Arbeitsaufwand verrichten. Was entfällt: besucherrelevante Tätigkeiten wie die kommentierten Fütterungen oder das Scheibenputzen.

Ein Känguru kam gerade noch rechtzeitig vor dem Transportstopp

Morgens um neun trifft sich Christian Kern mit der Schrumpfmannschaft aus sechs Pflegern im Pausenraum des Brehm-Hauses, um die Tagesaufgaben zu besprechen. So schnell sich draußen Corona verbreitet, so rasch wollen sie drinnen im Park die Anlage übergeben.

Hintergründe zum Coronavirus:

Das neue Tierhaus konzentriert sich auf Arten des tropischen Regenwalds, Schwerpunkt Südostasien. Bären, Vögel, Raubkatzen. Es wird ein seltenes Goodfellow-Baumkänguru aus Neuguinea zu sehen sein. Kern schwärmt von der Freianlage, die Besucher betreten dürfen – und in der das braungelbe Knuddelding mit den großen Ohren über sie hinweghüpft.

Das Weibchen kam vor drei Wochen aus Duisburg in den Tierpark, rechtzeitig vor dem Transportstopp, den Corona verursacht hat. Zwei seltene Schlangenarten aus Zoos in der Schweiz und Tschechien haben es nicht mehr geschafft. Sie müssen zu einem späteren Datum ins neue Domizil einziehen.

Dem Elefanten ist der Mensch egal

Um Nunsi, so heißt das Känguru, kümmert sich Mirko Klenz. Reviertierpfleger, seit 23 Jahren im Park tätig. Seine Laufbahn könnte man salopp so beschreiben: früher Elefanten, jetzt Tiger.

Er glaubt: „Manchen Tieren fehlt die Besucherfütterung.“ Elefanten beispielsweise seien „sehr gefestigt in ihrem Ablauf“, da gehörte eine organisierte Besucherführung mit Pfleger und Naschzeug dazu. Äpfel als Betragensnote dafür, dass die Zahlenden so dicht an die Dickhäuter herankommen. „Dem Tier ist der Mensch egal, aber nicht das Obst“, stellt er klar. „Das werden die schon vermissen.“

Jeden Morgen fährt Klenz mit der S-Bahn aus Brandenburg nach Friedrichsfelde, guckt als Erstes nach, wie seine Tiere die Nacht überstanden haben. Lebendkontrolle heißt das im Tierparkjargon. Die Raubkatzen begrüßen ihn mit einer Art Husten, Klenz erwidert die Höflichkeit. Bläst die Backen auf und prustet zweimal kurz zurück. Man kennt sich, man schneuzt sich an, natürlich mit Sicherheitsabstand.

Sie müssen die Tiere beschäftigt halten

Tagsüber bekommen die Tiere Aufgaben, dafür haben die Biologen Beschäftigungspläne erstellt. In Bambusrohren verstecken Pfleger Karottenstücke für Affen. Currypulver animiert Tiger. Mirco Klenz verteilt das Gewürz auf Steinen oder Wurzeln, ihr feiner Geruchssinn führt die Katzen direkt an jene Stellen, an denen sie sich dann mit Hingabe wälzen oder reiben. Das Parfüm des Dschungels, es riecht streng im Tierpark.

Die Tiere, hier Malaienbären, haben ihr neu saniertes Zuhause ohne Zuschauer bezogen. Foto: Tierpark Vergrößern
Die Tiere, hier Malaienbären, haben ihr neu saniertes Zuhause ohne Zuschauer bezogen. © Tierpark

Gerade steht Klenz vor dem Brehm-Haus, ein Glaskasten mit zwei Ausläufern, der von oben wie ein Raumschiff aus einem 60er-Jahre-Film aussieht. Achtung, ein Bauwagen fährt vorbei, Klenz tritt in seiner grünen Uniform zur Seite und sagt: „Sie sehen, kein Stillstand hier. Nur wenn ich durch den Park gehe, bemerke ich die Ruhe.“

Seine Routine bleibt bestehen: Futter vorbereiten, Füttern, Gehege reinigen. „Außenanlagen, Innenanlagen, Mutterstuben.“ Keine Kommunikation mehr mit den Besuchern, dafür Vertrauensaufbau zu den Neuankömmlingen.

Baumkänguru Nunsi füttert er jeden Tag aus der Hand, zu ihr habe er direkten Kontakt. „Auch mal schön für ein Tierpflegerherz. Das ist für die Seele wichtig.“ In Zeiten abnehmender Gesprächsbereitschaft anderswo vielleicht noch mehr als sonst.

Niemand betätigt den Futterautomaten

Etwa zehn Minuten Fußweg entfernt, einmal an Kleinen Pandas und Kamelen vorbei, steht Sabine Buchholz im olivfarbenen Tierparkstaat vor dem Streichelzoo. Die 45-jährige Pflegerin trägt eine Mütze auf dem Kopf, unter der ihre schwarzen Haare hervorlugen.

Aus der Jackentasche kramt sie eine Packung Pellets heraus, die Besucher am Automaten vor dem Gehege ziehen können. Sie klappert damit, und sofort – mäh, mäh – kommen sechs Zwergziegen herangelaufen, trainiert auf das Geräusch, mit dem sonst Kinder ihre Annäherungsversuche ankündigen. Sabine Buchholz lacht. Der Trick klappt immer.

Seit 21 Jahren kümmert sie sich um die Haustiere im Tierpark. Sie räumt ein, dass die Ziegen und Schafe im Streichelzoo die Abwesenheit der Zweibeiner und damit das Versiegen des Mannastroms an Getreidepellets zumindest verwirren könnte. „Die finden das komisch, dass keiner vorbeikommt und den Futterautomaten betätigt.“ Leiden die Blöker unter Liebesentzug? So weit würde Buchholz nicht gehen.

Kein Mundschutz. Kein Jogger. Leere

Vor zehn Tagen haben zwei Thüringer Waldziegen das Licht der Welt erblickt, am vorvergangenen Sonntag ein Mongolenschaf. Natürlich kontrolliert, die Rassen gelten als „haltungswürdig“ und teils vom Aussterben bedroht.

Das schwarz-weiße Lamm zuckelt neben seiner Mutter her, zweite Reihe hinter den Ziegen, die ihre Schnauze zu Sabine Buchholz auf der anderen Seite des Zauns recken. Ganz hinten trottet ein Bergschaf heran, größter Bewohner des Streichelgeheges. Die Ohren hängen träge herunter – kein Depressionszeichen, nur Rassemerkmal.

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Morgens fährt Buchholz mit dem Auto zur Arbeit, eine halbe Stunde durch die autoberuhigte Stadt. Im Tierpark arbeitet sie allein, von acht bis fünf, kein Mensch mit Mundschutz, der ihr entgegenkommt, kein Jogger, dem sie ausweichen müsste, um Abstand zu wahren. „Ein bisschen heile Welt“, findet sie ihren Arbeitsplatz in diesem seltsamen Frühling 2020.

Arbeit, die nicht gesehen wird

Ruhig. Zu ruhig. Wie ihre Kollegen hofft die Tierpflegerin auf Rückkehr zur Normalität. Nicht nur für die streichelsüchtigen Zicken. Sondern auch für die Kollegen, die hier arbeiten. Dass deren Arbeit geschätzt und gesehen wird, dass Besucher vorbeikommen, um sich bei Sabine Buchholz nach Striegelbürsten für die Ponys zu erkundigen und bei Mirko Klenz nach Geschichten aus der Tigerei.

Christian Kern möchte, dass die Öffentlichkeit das Alfred-Brehm-Haus nach zwei Jahren Umbauzeit nun endlich belebt. Die Tiere sind bereits da. Sabine Buchholz sagt zum Abschied: „Wir passen so lange auf sie auf.“

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