Der Raub der Töchter des Leukippos: Peter Paul Rubens interpretierte den antiken Mythos in seinem um 1618 entstandenen Gemälde. Foto: bpk / Bayerische Staatsgemäldesa
© bpk / Bayerische Staatsgemäldesa

Uralte Verbrechen Auf den Spuren des „Frauenraubs“

Leon Holly

Archäologinnen erforschen uralte Verbrechen mit moderner Wissenschaft.

Im Jahre 2003 stoßen Bauarbeiter im ungarischen Dorf Szólád, im hügeligen Südwesten des Landes, auf ein Gräberfeld. Nachdem die Überreste eines Mannes ausgegraben wurden, beginnen Forscher bald die gesamte Ruhestätte freizulegen. Schnell wird klar, dass hier Langobarden aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. begraben sind. Männer, Frauen und Kinder liegen in ähnlichen Bretter- und Baumsärgen. Doch ein Grab weist Besonderheiten auf: Es handelt sich um eine Frau, die mit relativ wenigen Grabbeigaben bestattet wurde und zu Lebzeiten wohl schlecht ernährt war. Hat man es hier mit einer „geraubten Frau“ zu tun?

Diese Frage stellen sich Christin Keller und Katja Winger. Sie forschen als promovierte Archäologinnen und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin. Das Phänomen des „Frauenraubs“ ist in vielen schriftlichen Quellen überliefert. Berichte aus Ägypten stellen Frauen häufig als Teil der Kriegsbeute dar. Im neugegründeten Rom kommt es laut römischer Mythologie zum Raub der Sabinerinnen. Die antiken Geschichtsschreiber Titus Livius und Plutarch erzählen von der galatischen Prinzessin Chiomara, die als Ehefrau eines Keltenfürsten in Kleinasien in römische Gefangenschaft gerät, wo sie vergewaltigt wird. Ihren Peiniger lässt sie nach ihrer Befreiung enthaupten.

Doch wie lässt sich ein freigelegtes Skelett als „fremde Frau“ – so der gängige Fachterminus – identifizieren? In der Untersuchung von prähistorischen Fällen müssen die beiden Forscherinnen ohne schriftliche Quellen auskommen. Fälle von Frauenraub lassen sich zudem nur schwer im archäologischen Befund nachweisen. Eine Vielzahl von Indizien können aber auf Frauenraub hindeuten: Liegt die Frau möglicherweise abseits der anderen Gräber oder in einer besonderen Position? Weisen Schmuck, Kleidung oder andere Grabbeigaben auf fremde kulturelle Einflüsse hin? Lassen sich an den Knochen Spuren von Gewalteinwirkung nachweisen, die von einer unfreiwilligen Entführung stammen könnten?

Isotopenanalyse liefert wichtige Erkenntnisse

Hilfreich für die Wissenschaftlerinnen sind naturwissenschaftliche Methoden, etwa die Untersuchung von Knochen mittels einer Isotopenanalyse. Die Untersuchung des Zahnschmelzes kann belegen, in welcher Region ein Mensch gelebt hat, als die Zähne als Kind und Heranwachsender gebildet wurden. Mit demselben Verfahren kann man daraufhin die Knochen untersuchen, die sich etwa alle sieben Jahre erneuern. Wenn sich dort andere Isotopen als in den Zähnen finden lassen, die zudem charakteristisch für einen anderen Erdteil sind, kann man nachweisen, dass die Frau in ihren späteren Jahren den Wohnort gewechselt haben muss. Natürlich kann ein solcher Standortwechsel auch freiwillig erfolgt sein. Ein starker Verdacht ergibt sich allerdings, wenn zum Isotopen-Nachweis weitere Auffälligkeiten im Grab und am Skelett hinzukommen.

Im Fall aus Ungarn wandten Wissenschaftler die Isotopenanalyse an den ausgegrabenen Überresten der Frau an. Es stellte sich heraus, dass sie – wie auch andere der dort begrabenen Menschen – ortsfremd war. Sie gehörte genetisch zur südeuropäischen Linie, ihre Überreste lagen aber im Gräberfeld zwischen Personen der nördlichen Gruppe. Die Indizien, dass die Frau ihren Wohnort gewechselt hat, sind zahlreich, doch ob sie freiwillig umgezogen ist, lässt sich nicht endgültig bestimmen. „Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die vor- und frühgeschichtliche Archäologie meist nur Indizien für Frauenraub sammeln kann, weswegen die Sichtbarmachung dieses Themas und der Blick auf andere Zeiten und Räume, in denen Frauenraub als sicher gilt, für uns so wichtig war“, erläutert Winger.

Die Gründe für den „Frauenraub“ sind vielfältig: Oft wurden Frauen zum Zweck der Vermählung entführt, da Ehepartner außerhalb der eigenen sozialen Gruppe heiraten sollten. Häufig kam es auch im Kontext von Kriegen und Raubzügen zu Verschleppungen von Frauen, die von den plündernden Soldaten als Teil der Beute betrachtet und als Sklavinnen entführt wurden. „Als weitere Motive sind sexuelle Begehrlichkeiten, Eifersucht oder die erzwungene Herstellung von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen zwei verfeindeten Parteien zu nennen“, ergänzt Keller.

Weibliche Grabfunde wurden früher fehlinterpretiert

Doch manchmal ist nicht der Grabfund weiblicher Überreste ein Indiz auf einen Raub, sondern gerade das Fehlen weiblicher Skelette. So etwa bei einem „Massakerbefund“, wie Keller erläutert: „Wenn zum Beispiel eine steinzeitliche Siedlung niedergebrannt wurde, und in einem dortigen Massengrab liegen ausschließlich männliche Skelette und keine Skelette von Frauen und Kindern, dann liegt die Vermutung nahe, dass diese Personen verschleppt wurden.“ Bei einem „Fesselbefund“ wiederum wird das Skelett einer Frau mit einer Fußfessel freigelegt, was von ihrem Status als Sklavin zeugt.

Obwohl viele schriftliche Quellen für „Frauenraube“ vorliegen, wird das Phänomen innerhalb der Archäologie immer noch häufig übersehen. Winger und Keller machten es deshalb vor Kurzem zum Thema einer Tagung an der Freien Universität Berlin, mit dem Anliegen, eine interdisziplinäre Diskussion über den „Frauenraub“ anzuregen. Damit Archäologinnen und Archäologen ihre Ausgrabungen richtig interpretieren, muss die Möglichkeit, dass Frauen unfreiwillig an den Fundort gelangt sein könnten, überhaupt erst einmal in Betracht gezogen werden. In früheren Generationen von vorwiegend männlichen Archäologen wurden weibliche Grabfunde gelegentlich fehlinterpretiert: Die Überreste einer reich geschmückten, wohl mächtigen Frau wurden einmal kurzerhand als die Gebeine eines sehr androgynen Mannes interpretiert, erzählt Keller kopfschüttelnd.

Auch zeugt die Thematik von großer Aktualität. Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen spannen einen traurigen Bogen von der Prähistorie in die Gegenwart. Der romantisierte Begriff des „Frauenraubs“ darf zudem nicht die brutale Realität des Menschenhandels verschleiern, der auch im 21. Jahrhundert noch betrieben wird. Durch die interdisziplinären Ansätze der Geschichts- und Naturwissenschaften versuchen die Wissenschaftlerinnen Winger und Keller ein kleines Stück Geschichte in prähistorischen Zeiten aufzuklären. Und damit auch die verklärenden Schleier zu lüften.

Zur Startseite