Wie Nierth sich die sprachlose Mehrheit erklärt

„Ich bin fassungslos.“ Markus Nierth redet gegen die Sprachlosigkeit seiner Mitbürger an. Auch nach seinem Rücktritt als Bürgermeister. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Tröglitz nach dem Brand im Aslybewerberheim Die leise Hoffnung

Tröglitz, am Ostersamstagnachmittag. Der ausgebrannte Dachstuhl der geplanten Asylunterkunft qualmt nicht mehr, doch die Feuerwehr ist noch da. 150 Meter die Ernst-Thälmann-Straße herunter, auf dem Friedensplatz, treffen die ersten Menschen ein. Nierth, seine Frau und einige Gleichgesinnte haben eine Kundgebung anberaumt. Zwischen dem alten Kaufhallengebäude, der Grundschule und einem Wohnblock wollen sie mit jedem, der vorbeikommt, Haltung zeigen, den Schrecken verdauen, in die Zukunft blicken.

Nierth, der nie bei den Pionieren und nie in der FDJ gewesen ist, wird am Ende das Pionierlied „Kleine, weiße Friedenstaube“ anstimmen lassen, und viele der dann anwesenden 250 bis 300 Menschen werden tatsächlich mitsingen. Sie werden sich auch, auf seinen Aufruf, an den Händen fassen. „Wir brauchen Gemeinschaft“, wird er sagen, „ich lade euch ein, dass wir uns alle an die Hand nehmen.“

Das unter Ideologieverdacht stehende DDR-Kinderlied, gesungen von den sich hinterher festhaltenden Menschen – zwei Wunder an einem Tag in einem Ort, dem es aus Nierths Sicht ganz grundsätzlich an Gemeinschaft mangelt, aber offenkundig nicht an der Sehnsucht danach.

Nierth hat eine Erklärung dafür. Tröglitz ist ein junger Ort. Er wurde 1937 als Arbeitersiedlung gebaut, als Wohnstätte für die aus allen Himmelsrichtungen zuziehenden Beschäftigten eines Kohle-Hydrierwerks, einer Anlage also, die aus der in der Umgebung gewonnenen Braunkohle Benzin machte. Es gibt kein jahrhundertelang gewachsenes Vereinsleben hier, nur über wenige Generationen greifende Familienbande. „Die Menschen hier haben sich lange Zeit nur über ihre Arbeit definiert“, sagt Nierth.

Er erlebt das bis heute. Nierth verdient seinen Lebensunterhalt als Trauerredner, er kennt hunderte Lebensläufe, und immer wieder stehe er an Gräbern von einstmals gestandenen Männern, verwurzelt mit der Arbeit im Werk, das sie dann nach 1989 selbst mit abgerissen haben, „zwei, drei Jahre lang“, sagt Nierth. Als Letztes mussten sie ihr Werkzeug in den Müll schmeißen.

Viele haben den Bruch nach 1989 nicht überwunden

Diesen Bruch, die dann oftmals folgende Arbeitslosigkeit, hätten viele nie verwunden. Sich künftig von allem und jedem zurückgezogen, aus Scham. Zum Teil komme das bei ihren Kindern wieder durch.

Mit dieser Erklärung von der „besonderen sozialen Struktur“ – so stand es auch im Gemeindeblatt – hat Nierth beim Landrat auch die reduzierte Zahl der geplanten Asylbewerber durchgesetzt. Der logische Gedanke dahinter: Tröglitz, das mit sich selbst Integrationsprobleme hat, kann bei der Integration von Asylbewerbern auf weniger Ressourcen zurückgreifen als andere Gemeinden.

Doch selbst diese vergleichsweise differenzierte Sicht auf den Ort wird dem, was hier in den vergangenen Wochen Aufmerksamkeit erregte, nicht gerecht. Etliche der trillerpfeifenden Anti-Asyl-Demonstranten stammten nicht aus Tröglitz, nicht einmal aus der Umgebung. Von den Brandstiftern vom Wochenende weiß man es noch nicht. Dass wiederum einstige Volkspolizisten unter den Protestierern gewesen sind, passt wieder wunderbar ins handelsübliche Bild von DDR-Biografien: einmal autoritär, immer autoritär.

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