Am Unfallort in der Grunerstraße, im Januar 2018. Foto: imago/Olaf Selchow
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Tödlicher Unfall in Berlin Der Fall Fabien – eine Rekonstruktion

Eine junge Frau stirbt in Berlin, weil ein Polizeiwagen in ihr Auto rast. Wollten Polizisten vertuschen, dass einer ihrer Kollegen dabei betrunken war?

Peter G., 51, Hauptkommissar, drei silberne Sterne auf der Schulterklappe, kommt am Montag, dem 29. Januar 2018, zum Spätdienst. Direktion 3, Abschnitt 32, das Dienstgebäude steht in der Keibelstraße, im nördlichen Hinterland des Alexanderplatzes. Es ist 12.45 Uhr. Um 13 Uhr geht ein Notruf ein, gemeldet wird ein Raubüberfall in der „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz. Einsatz, los! Es ist falscher Alarm, wie sich später herausstellen wird.

DER UNFALL
Peter G. steuert den Einsatzwagen – mit Blaulicht. Er fährt von der Otto-Braun-Straße durch den Tunnel am Alexanderplatz und raus auf die Grunerstraße. Der Wagen hat noch nicht einmal einen Kilometer zurückgelegt. Fabien Martini, 21 Jahre alt, sitzt in ihrem Renault, der Wagen rollt auf der Grunerstraße in Richtung Leipziger Platz. An dieser Stelle und in dieser Richtung hat die Straße vier Spuren. Von ganz rechts lenkt Martini ihren Wagen nach links zu den Parkplätzen auf der Mittelinsel. Dann ein Knall. Es ist 13.05 Uhr. Der Streifenwagen schlägt mit voller Wucht in die Fahrerseite des Renault ein. Fabien Martini hat keine Chance, sie stirbt noch am Unfallort. Peter G. und sein Beifahrer, ein junger Beamter, werden leicht verletzt in die Charité gebracht.

DER VERDACHT
Ein Jahr nach dem Unfall steht das Vertrauen in den Rechtsstaat auf dem Spiel. Denn erst jetzt kam heraus, dass der Fahrer nicht nur viel zu schnell unterwegs war, sondern dass er zum Unfallzeitpunkt betrunken gewesen sein könnte. Bei einer medizinischen Untersuchung in der Charité etwa eine Stunde danach werden 1,1 Promille Alkohol im Blut des Beamten festgestellt. Haben seine Kollegen verschwiegen, dass sich Peter G. betrunken ans Steuer gesetzt haben könnte?

Tagesspiegel-Recherchen deuten darauf hin, dass nicht nur bei der Polizei einseitig ermittelt wurde, sondern dass offenbar auch die Staatsanwaltschaft lange Zeit wenig Interesse daran zeigte, den Fall lückenlos aufzuklären. Sollte ein Polizist geschützt werden? Warum wurde nicht danach gefragt hat, was mit Peter G. los war? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

DER UNFALLORT
Mittagszeit an der Grunerstraße – das hier ist Gefahrengebiet. Viele Menschen sind nicht zu sehen, dafür Autos. Der Verkehr donnert ohne Unterlass über die Straße. Aus dem Tunnel am Alexanderplatz schießt ein Fahrzeug nach dem anderen in Richtung Leipziger Straße hervor. Die Spur ganz links grenzt direkt an die Parkplätze auf dem Mittelstreifen. Wer die Strecke kennt, weiß: Nur wenige Autofahrer halten sich an die Tempobeschränkung von 50 Stundenkilometern. Polizisten im Einsatz, wie Peter G., müssen sich laut Dienstvorschrift auch nicht daran halten. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Blaulichtfahrten gibt es nicht, nur die Maßgabe, dass niemand gefährdet werden darf. Dabei sind Berlins Polizisten nicht selten in Unfälle verwickelt. Allein 2018 insgesamt 1167 Mal, im Schnitt etwa alle acht Stunden.
In der Grunerstraße kracht es regelmäßig. In den vergangenen vier Jahren gab es hier mindestens 165 Unfälle – pro Jahr. Trotzdem hat die Polizei den Verkehr dort lange kaum beobachtet, erst 2018 gab es 18 Geschwindigkeitskontrollen, davor nie mehr als vier im Jahr. Als Ursache für Unfälle an dieser Stelle nennt die Polizei zu geringen Sicherheitsabstand, Fehler beim Rückwärtsfahren und beim Fahrstreifenwechsel.

DER UNFALLFAHRER
Eine Woche nach dem Unfall schreibt Peter G. auf seinem Facebook-Profil: „Ich bin grad verdammt froh, dass Polizeifamilie wirklich real sein kann. Danke an euch, die gerade da sind und ihren Arsch riskieren.“ Jeder Versuch, ihn zu kontaktieren, über Bekannte, über Vertraute, läuft ein Jahr nach dem Unfall ins Leere. Aber der Beamte hat im Internet Spuren hinterlassen. Er war in den sozialen Netzwerken aktiv, betrieb einen Blog, zeigte Fotos von sich: an den Seiten kurz rasiertes Haar, oben lang, nach hinten zum Zopf gebundenes, am Kinn ein langer Zickenbart. Für einen Polizisten zumindest ein ungewöhnliches Aussehen.

Die Accounts in den sozialen Netzwerken und die meisten seiner Texte hat er mittlerweile gelöscht, einige lassen sich rekonstruieren. Sie zeichnen das Bild eines offenbar frustrierten Menschen. Frustriert von schlechten Arbeitsbedingungen, von einer Gesellschaft, die Polizisten keinen Respekt entgegenbringe, von Bürgern, die sich nicht einmal bei einer Verkehrskontrolle anständig benehmen könnten.

Von Politik und Behörden scheint sich Peter G. im Stich gelassen zu fühlen. Immer wieder greift er in seinen Beiträgen die Berliner Politik an. Mal schreibt er, die Stadt kapituliere vor der Kriminalität, mal zweifelt er die offiziellen Kriminalitätsstatistiken der Polizei an. Beamte wie er müssten ihren Kopf „für eine Kuschelpolitik“ hinhalten, sinnlose Überstunden schieben.  

Peter G. schreibt,  wie gern er  Gewalt anwenden möchte, wenn ihn ein Flüchtling  nach der Festnahme wegen Ladendiebstahls auch noch provoziert („Eigentlich zuckt die linke Gerade, aber wir sind Profis... meistens“). Ein anderes Mal schreibt er über „die blöde Sau, die es verdient hat, bei der Festnahme zu leiden, weil sie einfach ein menschenverachtendes Stück Scheiße ist.“

Er wütet gegen jene, die seiner Meinung nach  schuld sind an der Überlastung der Polizei. Zum Beispiel verweichlichte Mitmenschen: „Überstunden werden immer öfter durch einen belanglosen Kackpissdreckscheiss produziert. Hilflose Bürger, die mimimi winseln, weil sie der Meinung sind, dass hier die Polizei einschreiten muss, weil sie sich selber nicht die Finger schmutzig machen wollen.“ An anderer Stelle beschwert er sich über eine – aus seiner Sicht – unnütze „Weltverbesserungsdemo“, die ein „gelangweilter Gutmensch“ angemeldet hat. Auch wenns keine Sau auch nur ansatzweise interessiert.“

 Seine Frau hat ebenfalls Texte im Internet publiziert, in denen sie über das Berufsleben ihres Mannes berichtet. So habe er ihr etwa erzählt, dass „Du verlierst, wenn Dir jemand in zehn Meter Entfernung mit einem Messer gegenüber steht. Verbale Deeskalationsscheiße sollte man da eher lassen und einfach die Knarre ziehen. Und schießen.“

Er ist begeisterter Fotograf, liebt düstere, morbide Motive. Für eine Fotosession hält er sich einen Revolver an die Schläfe. Auf einem anderen Bild posiert er mit Axt, dazu ein Zitat aus dem Kinofilm „Django Unchained“: „Krieg ist ne schmutzige Sache. Da halt’ ich mich dran. Jetzt wird es schmutzig.“

Ermittler am Unfallort in der Grunerstraße. Foto: imago/Olaf Selchow Vergrößern
Ermittler am Unfallort in der Grunerstraße. © imago/Olaf Selchow

Immer wieder lichtet er seine Freunde von der Berliner Metal-Band „Vlad in Tears“ ab – ist aber auch in anderen Kreisen unterwegs. Er dokumentiert Harley-Davidson-Treffen, porträtiert einen Kreuzberger Flüchtling oder Teilnehmer des Christopher Street Days. Auf den Fotos, auf denen er selbst zu sehen ist, schneidet er Grimassen oder hält seinen ausgestreckten Mittelfinger in die Kamera. Auf den ist die Zahlenfolge „110“ tätowiert.

Aber machen ihn solche Details verdächtig? Zumindest bekommt er eine Warnung von den Vorgesetzten bei der Polizei wegen all der Fotos und Posts: Treib es nicht zu weit.

Andere beschreiben Peter G. als „tollen Menschen“, einen Mann mit großem Herzen, fair, einer der sich auch um seine Kollegen kümmert – und wenn es im Dienst sein muss, auch robust zupackt. Etwa wenn er auf dem Alexanderplatz im Einsatz ist, ein Kriminalitätsschwerpunkt.

Dass Peter G. mal „einen getrunken“ hat, auch „über den Durst“, wird erzählt. So wie es viele tun, eben auch bei der Polizei, bei Rettungskräften, bei der Bundeswehr. „Wenn dir was schlimmes passiert ist, gibt der Chef schon mal einen Schnaps aus“, sagt ein Beamter. Alkohol, sagt er, ist das Schmiermittel. Für die Kameradschaft, die Truppe. Blut, Tod, menschliche Abgründe, alles, was sonst niemand sieht, wird ertragen – und heruntergeschluckt, im wörtlichen Sinn.

Als der Alkoholverdacht bekannt wird und Fernsehteams vor seiner Tür in Prenzlauer Berg stehen, verlässt Peter G. die Stadt. Die Polizei verbietet ihm die Ausübung der Dienstgeschäfte – bei vollen Bezügen. Es ist eine Vorstufe, um ihn aus dem Dienst zu entfernen. Für eine Suspendierung, so heißt es, seien die Beweise noch zu dünn, dass G. tatsächlich betrunken am Steuer saß.

Peter G. schreibt am 29. Dezember auf seinem inzwischen gelöschten Facebook-Profil: „Jetzt mal der ganz persönliche Rückblick. Mir ist etwas passiert, was nie hätte sein dürfen. (…) Und nun steht eine Entscheidung an, die mir noch weniger leicht fällt, als der ganze Scheiss aus dem letzten Jahr.“

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