Karl Lagerfeld auf einer Chanel-Modenschau im Jahr 2012. Foto: Gao Jing/imago/Xinhua
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Zum Tod von Karl Lagerfeld Der Inbegriff des perfekten Modedesigners

Grit Thönnissen

Pferdeschwanz, Fächer, Sonnenbrille: Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld beherrschte die Selbstinszenierung – und er war die Konstante der französischen Mode.

Vor zwei Wochen erhielt die Modewelt eine Vorahnung. In einem Instagram-Film verkündete der Modeschöpfer Karl Lagerfeld, dass die ehemalige Chefredakteurin der französischen Vogue, Carine Roitfeld sich jetzt mit um die kreative Leitung seiner persönlichen Marke kümmern würde. Nicht so sehr die Botschaft, sondern vor allem sein Zustand erschrak die Modewelt: Mit so brüchiger Stimme hatte er noch nie gesprochen, sein Gesicht wirkte eingefallen, so hatte man ihn noch nicht gesehen.

Erstaunlich, dass er sich überhaupt noch zeigte, er, der früher verächtlich über menschliche Schwächen gesprochen hatte. Am Dienstag ist Karl Lagerfeld gestorben.

Irgendwie hatte man in der Modewelt wohl gedacht, dass es dieser Designer schaffen würde, einfach immer weiter zu machen. Karl Lagerfeld war eine der wenigen verbliebenen Konstanten in der Modewelt, seit 1983 unangefochten an der Spitze der Modemarke Chanel, für das italienische Modehaus Fendi entwarf er sogar seit 1965.

Wenn es so etwas überhaupt geben kann, war Karl Lagerfeld der Inbegriff des perfekten Modedesigners, der es schaffte, bis zuletzt seiner Zeit immer ein wenig voraus zu sein, der der Welt da draußen spiegelte, dass ein Designer genau so reden, aussehen und sich benehmen und vor allem überraschen muss.

Dabei war er immer erkennbar geblieben: Sein Pferdeschwanz, sein Fächer und seine schwarze Sonnenbrille waren Markenzeichen, zu denen sich immer wieder neue gesellten: Dass er vor 19 Jahren 40 Kilo abnahm, um in die schmalen Dior-Anzüge seines Kollegen Hedi Slimane zu passen. Dass er fort an nur noch Diätcola trank, seine Hände mit dicken Silberringen schmückte und sich dann auch noch 2011 die Katze Choupette zulegte, die mit ihm zusammen in einem Werbespot für Kleinwagen auftrat und ihren eigenen Twitter-Account hatte.

Dabei gab sich Karl Lagerfeld seltsamerweise nie der Lächerlichkeit preis, wurde nie dafür verspottet, dass er sich in solche Niederungen begab. Er wurde dafür gefeiert: Das kann er also auch noch und was für eine tolle Katze!

Immer war er es, der sich über seine Mitmenschen mit spitzer Zunge her machte, nicht nur über Heidi Klum, die er nicht zu kennen vorgab, auch Angela Merkel verschonte er nicht. Im vergangenen Jahr sagte er dem französischen Magazin „Le Point“, dass er die Bundeskanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik verabscheue, weil sie dafür verantwortlich sei, dass 100 Nazis im Parlament seien, und er würde überlegen, seine deutsche Staatsangehörigkeit abzugeben.

Über sich und seine Weltanschauungen zu reden, war ihm ein solches Grundbedürfnis, dass er früh kultivierte, in atemberaubendem Tempo doppelt so viel Inhalt von sich zu geben wie jeder andere. Zeitungen, Magazine und Talkshows räumten gerne ihre Seiten und Studios für Karl Lagerfeld frei. Es war garantiert immer etwas Zitierfähiges dabei, es reichte ihm Stichwörter hinzuwerfen wie „Jogginghose“: „Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Oder: „Am Fließband stehen, das ist Arbeit. Was ich mache, ist Freizeitgestaltung mit beruflichem Hintergrund.“ Und selbst Claudia Schiffer, die er einst überredete, für ihn über den Laufsteg zu gehen und zu seiner Muse machte, blieb von seinem Spott nicht verschont. „Die Schiffer kann ja niemand mehr sehen“, frotzelte er, um sie ein paar Jahre später als gereiftes Model wieder an seiner Seite zu feiern.

Etwas Neues aus alten Zutaten zu schaffen, gelang Lagerfeld als Allererstem

Keine Stunde nach der Meldung seines Todes erschienen online dutzendfach Berichte mit den „15 besten Zitaten des großen Modekünstlers“. Dabei ging es ihm sicher nicht nur um Kokettiere, sondern auch um Kontrolle – indem er seine komplette Familiengeschichte und Gedankenwelt vor aller Augen ausbreitete, machte er sich unangreifbar und behielt die Deutungshoheit über sein Leben. Dazu kam seine Disziplin, die in der Modewelt von vielen seiner Kollegen nur mit zusammengebissenen Zähnen, Drogen und Depressionen durchgehalten wird, um irgendwann ausgebrannt das Handtuch zu werfen, wie es bei Yves Saint Laurent der Fall war.

Nicht so Karl Lagerfeld. Nur zu gern ließ er sich dabei beobachten, wie er an seinem Schreibtisch mit der Hand die neusten Entwürfe zeichnete, bei Anproben genaue Anweisungen zu Saumlänge und Kragenweite gab, um dann zusammen mit seiner guten Freundin Prinzessin Caroline von Monaco eine Benefizgala zu eröffnen.

Sein Talent war tatsächlich das eines alten Meisters. Er konnte Silhouetten mit wenigen Strichen zeichnen, brachte so eine genaue Vorstellung von einem Kleidungsstück aufs Papier. Aber ikonische Kleidungsstücke gibt es von ihm eigentlich nicht. Sein größtes Lebenswerk neben der Erschaffung seiner eigenen Kunstfigur ist, dass er als erster Designer ein Modehaus aus der Belanglosigkeit zurückholte und es schaffte, dass das über Jahrzehnte so blieb. Als er Chanel übernahm, war die Namensgeberin Coco Chanel schon seit mehr als zehn Jahren tot, die Kollektionen waren altbacken und längst aus der Mode.

Was heute zur Berufsbeschreibung jedes Designers gehört, nämlich sich mit dem Archiv eines Hauses zu beschäftigen und dann etwas Neues aus den alten Zutaten zu erschaffen, gelang Karl Lagerfeld als Allererstem. Noch heute gibt es keine Modenschau von Chanel,  bei der nicht die kleine Tweedjacke, die Perlenkette, das Logo aus zwei sich überkreuzenden Cs und Twin-Sets vorgeführt werden. Aber dazu tragen die Models eben auch Surfbretter, Ghettoblaster oder wie zuletzt sehr schicke Demonstrationsplakate mit feministischen Sprüchen mit sich herum. Dazu passt, dass Lagerfeld 2004 der erste Designer war, der sich in die Niederungen von Fast-Fashion begab, und zusammen mit dem Discounter Hennes & Mauritz eine Kollektion herausbrachte, die innerhalb von wenigen  Minuten ausverkauft war. Auch dazu hatte er den passenden Spruch parat, der sein damals unter  Designern verpöntes Handeln erklärte: „Menschen sind billig, Bekleidung ist dagegen teuer oder preiswert.“

Karl Lagerfeld hatte bei Chanel einen Vertrag auf Lebenszeit

Karl Lagerfeld blieb unanfechtbar: Um ihn herum mochten die Chefposten in den Luxushäusern in schöner Regelmäßigkeit mit neuen Designhoffnungen neu besetzt werden – und vom nächsten neuen Ding berichten zu können, vom Bruch mit der Tradition, um wieder ein wenig Schnappatmung bei den Fashion Vicitims da draußen hervorzurufen.

All das war bei Chanel nicht nötig. Dafür sorgte Karl Lagerfeld, der einen Vertrag auf Lebenszeit hatte, einfach selbst, mit bombastischen Modenschauen, in denen er mal eine Demo auf französischen Straßen mit Topmodels nachstellte, einen ganzen Supermarkt mit Regalen voller Nudeln, Kaffee und was man sonst so zum Luxusleben braucht, aufbaute, oder gleich den Eiffelturm. Zuletzt hatte er den Strand ins Pariser Grand Palais gebracht, mit weißem Sand, Wellenmaschine, Holzstegen und tiefblauem Meer.

Vielleicht war das ja schon ein Hinweis darauf, dass er sich nach Ruhe sehnte. Aber die konnte es für Karl Lagerfeld tatsächlich nur in für ihn aufgebauten Kulissen geben. An wirklichen Rückzug war für ihn nicht zu denken – dass Dabeisein hielt ihn am Leben. Und das war nicht nur seine Arbeit für Chanel. Er machte nicht einfach Bücher mit Gerd Steidl, er gab sie gleich mit ihm in einem eigenen Verlag heraus, und das gleich dutzendweise.

Mal waren es seine Fotografien von seiner Villa in Südfrankreich, mal zeichnete er, inszenierte Claudia Schiffer melodramatisch zusammen mit Brad Kroenig, seinem männlichen Lieblingsmodel, oder veröffentlichte seine Bonmots, die er für die Zeitung „Die Welt“ geschrieben hatte. Und er hatte seine eigene Marke, die aber immer ein wenig lieblos wirkte, als könne man das Potenzial dieses Namen nicht ungenutzt lassen und müsste es einfach vermarkten.

Seine Mutter schickte nach Paris

Seine Direktheit hatte er von seiner Mutter. „Denk daran, du bist sechs Jahre alt, aber ich nicht, Also versuche mit mir zu reden, oder sei still.“ Elisabeth Lagerfeld, verheiratet mit einem Dosenmilchfabrikanten, wollte das Leben einer Grand Dame führen und hatte damit großen Einfluss auf ihren Sohn. Den schickte sie 1952 nach Paris. Dort gewann er zwei Jahre später mit einem Mantelentwurf einen Wettbewerb des internationalen Wollsekretariats – zusammen mit Yves Saint Laurent. Es war die Grundlage für eine lebenslange Konkurrenz.

Das Altwerden hat ihm nicht gefallen. Er sagte einmal, dass er sich wünscht, wie Coco Chanel bei der Arbeit zu sterben. Genau deshalb war auch die Nachricht, dass er bei seiner letzten Modenschau für die Haute-Couture nicht selbst erschienen war, so eine weitere Vorahnung, dass Karl Lagerfeld nicht mehr lange zu leben hatte. Jetzt soll seine engste und langjährige Mitarbeiterin Virginie Viard seine Arbeit weiterführen, teilte Chanel am Dienstag mit.

Und auch für Deutschland ist sein Tod tragisch, war er doch der Beweis, dass auch Deutsche zu modischer Kreativität fähig sind, die sogar den Franzosen den Rang abläuft. Denn spätestens mit dem Tod von Yves Saint Laurent war er die letzte verbliebene Ikone der französischen Mode. 

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