Karin und Makoto Horisaki in ihrem Atelier. Foto: Tina Stafrén
© Tina Stafrén

Hüte aus Schweden Sei mein Hut, für immer

Das Beispiel des Hutmacherpaars Horisaki zeigt, dass Abgeschiedenheit kein Wettbewerbsnachteil mehr sein muss.

Das kleine Holzhaus mit dem spitzen Giebel liegt zwischen verschneiten Feldern, hier und da blättert Farbe von der Fassade. Durch das große Fenster sieht man eine Frau über eine alte Nähmaschine gebeugt. Die Idylle, die sich Karin und Makoto Horisaki in den Wäldern von Småland geschaffen haben, ist so konsequent, dass einem schon vom Zusehen angst und bange wird. Hier in Südschweden entstehen Hüte, die in die ganze Welt verkauft werden – sogar Lady Gagas Stilist hat schon bei Horisaki bestellt.

Wüsste man es nicht besser, würde man ihren Wohn- und Arbeitsort für die perfekt ausgestattete Hutwerkstatt eines Freilichtmuseums halten. Früher war hier ein kleiner Lebensmittelladen. Statt zerbeulter Milchkannen, speckigen Einwickelpapiers und Bonbongläsern liegen in den groben Holzregalen jetzt die Zutaten für das Hutmachen, daneben stapeln sich die fertigen Modelle.

Fürs Bullerbü-Gefühl fehlt nur noch, dass ein Junge aus der Nachbarschaft vorbeikommt, ausgestattet mit Schiebermütze, gestreiftem Hemd und Holzpantinen. Diese Rolle übernimmt der Designer selbst, Makoto Horisaki öffnet genau so gekleidet die Tür. So unschuldig er und seine Frau auch gucken, ihre Umgebung verrät ihren unbändigen Gestaltungswillen, der sich vielleicht nur hier in diesem Haus ungestört von allen Einflüssen entfalten kann. Alles ist mit Bedacht ausgewählt und arrangiert: ein alter Schreibtisch voller Tintenflecken, eine Glasvitrine, in der sich Stoffreste in Erdtönen stapeln, Marmeladengläser mit gesammelten Schätzen wie Möwenfedern.

Karin Horisaki hält einen Strohhut in der Hand, knautscht ihn zusammen, um zu zeigen, wie leicht er sich jeder Kopfform anpassen kann. „Entweder wir machen es auf unsere Weise oder gar nicht“, sagt sie. Vor sieben Jahren lernte sie ihren Mann, dessen Mutter Japanerin ist, in Stockholm kennen. Vor drei Jahren zogen sie nach Småland, in die Heimat von Karin. 2000 Hüte fertigen sie zusammen mit ihren vier Mitarbeitern im Jahr.

Eigentlich braucht heute niemand mehr einen Hut

Auch wenn sie ein Schild mit Öffnungszeiten vor die Tür gestellt haben, verschicken sie den größten Teil ihrer Hüte in 35 Läden bis nach Südamerika und Afrika. Auch nach Berlin gehen einige Exemplare. Zum speziellen Sortiment des avantgardistischen Modeladens „Darklands“ in einem Weddinger Hinterhof passen die Accessoires vorzüglich. Die Hüte sind minimalistisch in dunklen Farben, man kann sie sich gut zu teuren Lederjacken und kompliziert geschnittenen Anzügen von Comme des Garçons vorstellen.

Dass die Horisakis Hüte machen, ist schon speziell, in einer Zeit, in der niemand mehr einen Hut braucht. Im Gegenteil – heute trägt nur Hut, wer einen Hang zum Extravaganten, hat. Der klassische Humphrey-Bogart-Hut sieht zu Jeans und Sweatshirt einfach deplatziert aus und keineswegs verwegen. Da passt die Meldung, dass ebenjener Hersteller jetzt aufgeben musste, der viele Hollywoodstars ausgestattet hat. Borsalino aus dem italienischen Alessandria hat in dieser Woche Insolvenz angemeldet. Das lag aber vor allem an den Schulden des alten Besitzers, die einfach größer waren als die aktuellen Gewinne des 1857 gegründeten Unternehmens. Trotzdem klingt das Aus wie eine weitere unausweichliche Hiobsbotschaft für ein Kleidungsstück, das über viele Jahrhunderte hinweg absolut unabkömmlich war.

Die Botschaft der Hüte ist sehr klar

Bis in die fünfziger Jahre war man nur wer mit Hut. Weil er oben sitzt, wurde er immer auch als Erkennungszeichen genutzt. Wer den Hut aufhatte, der war dem überlegen, der den Hut ziehen musste. Bis die Kopfbedeckung in den sechziger Jahren als Relikt einer bürgerlichen Gesinnung durch lange Haare, lässigen Lebensstil und die Bequemlichkeit der Autofahrer erst hinten auf die Ablage und dann ganz aus dem Alltag verbannt wurde.

Wer heute Hut trägt, entscheidet sich dafür, eine modische Botschaft auszusenden. Und die fällt bei Horisaki-Hüten sehr klar aus. Denn Karin und Makoto Horisaki geht es um die Urform des Hutes. Das Herausputzen mit Federn, Schleiern oder anderen Verzierungen ist ihre Sache nicht. Meist verzichten sie sogar auf das Hutband, stattdessen bearbeiten sie das Material ausgiebig.

Nachdem Makato Horisaki ihnen im Keller seiner Werkstatt mit dem Bunsenbrenner zu Leibe gerückt ist, sehen die Hüte aus, als seien sie immer schon da gewesen. Der Filz bekommt eine fast lederne, leicht fleckige Oberfläche. Wer es so roh am liebsten mag, muss sich besonders um die Qualität des Materials kümmern, und die ist den beiden in der Tat sehr wichtig. Sie verwenden Hasen-, Kaninchen- oder Biberfell. Den Stumpen bearbeiten sie in verschiedenen Hutformen, mit Wasserdampf und Feuer. So sieht jeder Hut am Ende anders aus. „Wir sind Handwerker, keine Designer“, sagen sie. Und das klingt nicht bescheiden, sondern stolz.

Horisaki in Berlin bei Darklands, Lindower Str. 22, Wedding, www.darklandsberlin.com

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