Die Bilder in diesem Artikel stammen aus der Serie "Funpark" der Berliner Fotografin Lisa Wassmann. Foto: Lisa Wassmann
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Techno in Berlin Die Nachtschicht

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Irrsinnige Schlangen, illegale Drogen, steile Karrieren: Das Berliner Nachtleben ist heute so legendär wie professionell. Ein großer Zirkus – und ein sagenhaftes Business.

"Alles klar bei dir?"

Cristobal schürzt seine Lippen, nickt, seine Hände bleiben in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke. Er schaut hoch, dem Türsteher lange genug in die Augen, um blickfest zu wirken. Cristobal weiß, was er tut. Er macht das häufiger.

Er hat ein bisschen Ecstasy im Blut, getrunken und gekifft hat er auch. Seit 24 Stunden ist er schon unterwegs, es ist ein Uhr nachts, für ihn ist es Nacht Nummer zwei. Cristobal aber wirkt agil. Mit seinem breiten Kreuz, dem Zehn-Tage-Bart, kurzen Haaren und leicht tänzelnden Gang könnte er ein Boxer sein. Runde sieben. Etwas mitgenommen, aber bereit, über die volle Distanz zu gehen.

Neben dem Kopf des Türstehers hängt ein grelles Licht, so ein Aggro-Licht, das Cristobals Augenringe in all ihrer violetten Pracht erstrahlen lässt. Für ihn fühlen sich Berliner Partynächte "like Paradise" an, sagt er, aber hier scheint es, als müsse erst durch die Höllenpforte, wer in den Himmel will. Es verstreicht ein Moment und noch einer. Dann endlich geht der Türsteher beiseite. Cristobal tritt ein.

Foto: Lisa Wassmann
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Das Berliner Nachtleben ist legendär. Aus der ganzen Welt kommen die Menschen, um diese Party mitzuerleben, um mitzufeiern, um einmal in diesen Mythos einzutauchen, der wie jeder Mythos aus der Ferne betrachtet noch größer wirkt. Es ist auch nötig, einen Schritt zurückzugehen, um zu sehen, dass dieses Nachtleben ein hartes Geschäft ist, in dem es um viel Geld geht, um harte Arbeit, Kontakte und Likes.

House und Techno, natürlich das Berghain, das Watergate, das Sisyphos, aber auch die unzähligen anderen Clubs von der Griessmühle in Neukölln und eben das About:blank hinter dem neuen Bahnhof Ostkreuz sind für Berlin, was das Kollosseum und das Forum Romanum für Rom, was Eiffelturm und Arc de Triomphe für Paris und was Ballermann und Schinkenstraße für Mallorca sind: Touristenmagnete, die lange Schlangen und großen Rummel produzieren und längst Teil des ganz speziellen Bildes der Stadt geworden sind, einerseits. Und ein knallhartes Business andererseits - und neben der oft besungenen Berliner Startup-Branche ein Weg, in relativ kurzer Zeit sehr, sehr wohlhabend, wenn nicht sogar richtig reich zu werden. In wenigen Branchen sind die Einkommensunterschiede zwischen prekären Clubbetreibern und weltweiten Superstars so massiv. Und die Wege zu kurz. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man in Berlin als DJ mit viel Ehrgeiz und etwas Glück Millionär werden kann.

"Hinter der Liebe lagen auch einige Taler"

Und natürlich spricht gleichzeitig im Berliner Nachtleben niemand gerne konkret über Geld, Gagen, Budgets, Kalkulationen. Weil sich Berlin - wie der Kulturwissenschaftler Jan-Michael Kühn in seiner Dissertation "Die Wirtschaft der Techno-Szene" schreibt, allem Geld und allem Zuspruch zum Trotz als Hochburg des Undergrounds versteht. Kühn schreibt über seinen eigenen Weg in die Nacht und ins Geschäft: "Hinter der Liebe lagen auch einige Taler. Und irgendwie entwickelte er auch einen Marktwert. Damit konnte er mehr Gage bekommen, aber auch auf den cooleren Partys spielen und dabei eine Menge Spaß haben."

An dieser Stelle muss kurz der Bass aussetzen und Licht ins Dunkel der Clubs geworfen werden: Wer es in Berlin schafft, sich als DJ zu etablieren, sich einen Namen zu machen, einen Booker zu finden, vielleicht auch eine PR-Agentur, dem stehen jedes Wochenende über 30 verschiedene Clubs offen. Clubs, die oft von Freitag bis Montag geöffnet sind und dementsprechend auch viele DJs, nun ja, verbrauchen: Begeisterte Anfänger, die für eine Stunde Musik am Anfang des Abends grob 300 Euro bekommen. Die Fortgeschrittenen, die mit 800 Euro nach Hause gehen und auch schon mal in die Schweiz fliegen dürfen. Die Oberklasse, die eigene Fans in die mittelgroßen Clubs bringen und dafür 4000 Euro mit nach Hause nehmen. Und auch große Namen, wie den des Innervision-DJs Dixon mit seinem eleganten, melodiösen House (77.000 Follower auf Instagram) oder Marcel Dettmann, der Berghain-Resident mit seinem kompromisslosen, reduzierten Techno (112.000 Follower auf Instagram) oder Ellen Allien, die Anfang der 2000er eines der Aushängeschilder für Berliner Techno schlechthin war und bis heute zu dem Größen der Stadt gehört (174.000 Follower auf Instagram). Und die allesamt deutlich mehr verdienen.

Foto: Lisa Wassmann
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Allein die Berghain Ostgut GmbH, unbestrittener Branchenprimus, hat im Geschäftsjahr 2016 eine Million Euro offiziellen Gewinn verbucht. Die Berliner Politik weiß das: Ende vergangenen Jahres erst hat der Senat hat den Clubs der Stadt eine Million Euro für die "Minderung von Feierlärm" aus Steuergeldern zur Verfügung gestellt - die Berliner CDU hatte sogar fünf Millionen gefordert. Detroit Techno und Chicago House sind längst nicht mehr nur Berliner Kultur. Es sind Boombranchen.

Und das liegt vor allen Dingen an Menschen wie Cristobal, der es in diesem Augenblick auf seine Weise geschafft hat: hinein ins Paralleluniversum, hinein in den Club, hinein ins About:blank.

Die wichtigste Person im Club

Sofort packt der Bass, wummert, dringt durch, als könnte mit diesem Bass im Ohr ein jeder durch Wände gehen. Cristobal ist noch nicht so weit, erst einmal ein Club Mate mit Wodka, abtrinken, Sprit rein, in die Flasche, in Cristobal, dann vor, erster Floor, zweiter Floor, wieder zurück, kurz chillen, ankommen, Leute suchen. Durchatmen.

Cristobal ist an diesem Abend, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, die wichtigste Person im Club. Er entscheidet, aus welchem Club am Ende des Abends große Stapel mit Bargeld getragen werden. Er entscheidet, wer wieviel Geld für seinen Auftritt bekommt.

Nicht er persönlich, natürlich nicht. Aber er und all die anderen Menschen, die hier herumirren, herumstehen, erst langsam und zögerlich, dann zunehmend selbstverloren tanzen: Alles hängt an ihnen, den vielen tausenden Cristobals, die jedes Wochenende zu den Partys strömen. Weil sie das Geld in die Clubs bringen, das andere später heraustragen.

Foto: Lisa Wassmann
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Cristobal ist 27. Er hat es in Chile gut gehabt. Erst will er Natur, bekommt sie, als Weinbauingenieur. Er will dann Geld, das geht auch, er arbeitet bei einer Bank. Kohle, Freundin, alles, "aber ich wollte die Welt sehen". Also hinaus, so richtig ins Grüne, das ist sein Plan, doch sein Visum für Neuseeland kommt nicht rechtzeitig, er disponiert um, hat viel von Berlin gehört, kommt her, findet über Facebook Freunde, andere Chilenen, Spanier, schmeißt zum ersten Mal in seinem Leben eine Pille. "Ich habe früher nie elektronische Musik gehört", sagt er, der immer mehr der Gitarre-am-Lagerfeuer-Typ war. "In Chile ist das Ausgehen so formell. Menschen beurteilen einander ständig. Und dass ein Club tagelang geöffnet hat, das existiert da nicht."

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