Zur feierlichen Verlegung der Stolpersteine für die Familie Fernbach kamen rund 80 Menschen. Foto: Sven Darmer
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Stolpersteinverlegung vor Weihnachten Die späte Würdigung der Familie Fernbach

Eine Familie verfolgter Juden lebte in seiner Wohnung? Özcan Ayanoglu beginnt zu recherchieren. Nun erinnern Stolpersteine an die Familie Fernbach.

Seine Hände zittern ein wenig, vielleicht wegen der Kälte, aber aufgeregt ist er auch. Es ist ein Freitagmorgen im Dezember, nasskalt, Nikolaustag. Özcan Ayanoglu steht vor einem Mikrofon auf der Straße, um ihn herum etwa 80 Leute. Vor ihnen auf dem Boden beginnt der Künstler damit, Pflastersteine aus dem Boden zu heben. Es ist der Moment, auf den Özcan Ayanoglu, 72 Jahre alt, graue wilde Locken, Brille und Bärtchen, zwei Jahre lang hingearbeitet hat: die Stolpersteinverlegung vor seiner Wohnung.

Der rosafarbene Altbau in der Wilhelmshöher Straße, Berlin–Friedenau, Nummer 24. Wenige Tage nach der Verlegung sitzt Özcan Ayanoglu auf der Couch in seinem Wohnzimmer und zeigt mit dem Finger an die Decke: der wunderschöne Stuck. Den hatte schon die jüdischstämmige Familie Fernbach an der Decke, als sie noch in der Wohnung lebte. „Wir sind 1978 hier eingezogen, als wir am Stuck gekratzt haben, war dort goldene Farbe zum Vorschein gekommen“, erinnert sich Ayanoglu. Auch der Kachelofen in der Küche ist noch von damals. 36 Jahre nachdem die Fernbachs deportiert wurden, zog Ayanoglu in die Wohnung. Nun hat er die Familie aus der Vergessenheit geholt – mithilfe von sechs goldfarbenen Steinen, jeder von ihnen steht für ein Leben. Özcan Ayanoglu sagt, es brauche „so Verrückte“, die akribisch die Geschichten der Opfer recherchieren, Verrückte wie ihn.

Der Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine seit fast 30 Jahren, zehn mal zehn Zentimeter große Betonquader mit einer Oberfläche aus graviertem Messing. Will man die Inschrift lesen, muss man sich vor ihnen leicht verneigen. Was 1991 als illegale Aktion begann, ist heute zum größten dezentralen Denkmal der Welt geworden. Es erinnert an die Opfer der Nationalsozialisten. Eingraviert sind Namen, Geburtsjahre und Details zum jeweiligen Schicksal. In 26 Ländern liegen die Steine derzeit. Am 29. Dezember wird Nummer 75 000 verlegt, in Memmingen, Bayern.

„Ein Wettlauf gegen die Zeit“

Es sei, sagt der 72-Jährige Gunter Demnig am Telefon, wenn man so wolle, ein Wettlauf gegen die Zeit. Demnig ist nicht leicht zu erreichen. Er fährt mit seinem Auto jeden Tag durchs Land, manchmal ist er in drei Orten an einem Tag und verlegt Steine. Deshalb fertigt er sie auch nicht mehr selbst an. Dies macht seit Jahren der Berliner Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer. Demnig sagt, einen Tag, an dem er nicht arbeite, gebe es nicht. Für das Telefonat fährt er – unterwegs zwischen Duisburg und Mönchengladbach – rechts ran. „Die meisten Angehörigen sind ja schon die Enkel der Zeitzeugen und möchten die Ehrung ihrer Vorfahren noch miterleben“, sagt er.

Özcan Ayanoglu und seine Frau Christiane Zieger-Ayanoglu. Foto: Sven Darmer Vergrößern
Özcan Ayanoglu und seine Frau Christiane Zieger-Ayanoglu. © Sven Darmer

Inge Fernbach Rabe verstarb eine Woche, bevor ihr Vater Ernst Fernbach nun mit einem Stolperstein geehrt wurde. Sie war 95 Jahre alt und lebte in Michigan, USA. Ihre Nichten aber, Korie und Susan Fernbach, sind extra aus den USA angereist. „Vielleicht musste sie auf der anderen Seite sein, bei ihrer Familie, wenn das hier passiert“, sagt Korie Fernbach. Die 60-Jährige und ihre ältere Schwester stehen dabei, als Özcan Ayanoglu am Mikrofon eine kleine Rede hält, und schauen Gunter Demnig zu, wie er die Stolpersteine verlegt, es ist sein dritter Termin an diesem Tag, es folgt noch ein weiterer. „Diese Menschenmenge hier. Das ist so wichtig für mich. Das ist Heilung für mich“, sagt Korie, Susan nickt. Für sie sind Özcan Ayanoglu und seine Frau Christiane „Engel, die der Himmel geschickt hat“.

Vor rund drei Jahren haben sie begonnen, die Trauer um die lange verstorbenen Vorfahren ihrer Familie väterlicherseits zuzulassen. Sie flogen nach Berlin. „Wir standen vor dem Haus, genau an dieser Stelle. Doch wir haben uns nicht getraut zu klingeln“, erzählt Susan. In anderen Berliner Straßen entdeckten sie die Stolpersteine und wussten: Das wollen sie auch. Doch wie?

Die Steine sind auch Mahnung

Katharina Kretzschmar, 39, Historikerin und Stolpersteinbeauftragte des zuständigen Bezirks Tempelhof-Schöneberg, sagt, es gebe zwei Wege, wie Stolpersteine initiiert werden können. Einmal über Hausgemeinschaften und Stolpersteininitiativen, aber auch durch Angehörige aus dem Ausland, die bei ihr anrufen und sich einen Stein für ihre Vorfahren wünschen, die in Tempelhof-Schöneberg gelebt haben. Ein Stein kostet 120 Euro. Es ist so gewollt, dass jene, die ihn verlegen lassen wollen, den Stein bezahlen oder private Spender eine „Patenschaft“ übernehmen. Es soll ein zivilgesellschaftliches Engagement bleiben. In Schöneberg wurden schon gut tausend verlegt.

Die Steine erinnern an alle Opfer des Holocaust. Sie sind auch eine Mahnung – und Rechten ein Dorn im Auge. 2014 hatten Neonazis Stolpersteine in Greifswald herausgerissen und sich damit gebrüstet. Vor drei Monaten versuchten in der Schöneberger Crellestraße Unbekannte, einen Stein herauszureißen.

Die Stolpersteine starteten als „utopische Konzeptkunst“, die Gunter Demnig so erklärt: Es sei eine Utopie, dass für alle Opfer, überall auf der Welt, wo die deutsche Wehrmacht, die SS, die Gestapo, kurz die Nazis, ihre Verbrechen begingen, symbolisch Steine auftauchen. Aber jeder Stein ist ein Schritt näher dran.

Inzwischen seien die Steine so bekannt, dass sie Anrufe und E-Mails aus aller Welt bekomme, erzählt Katharina Kretzschmar. Susan und Korie Fernbach hörten jedoch auf andere Weise davon.

Er recherchiert er zwei Jahre

Im Januar 2018 hatte Özcan Ayanoglu einen Termin beim Bauamt im Rathaus Schöneberg – und entdeckte die dortige Dauerausstellung über jüdisches Leben in den 1930er Jahren „Wir waren Nachbarn“. Auf einem Kärtchen an der Wand stand seine Adresse: Wilhelmshöher Straße 24. Zunächst fand er dort nur drei Namen – Leo, Amalie und Hans Fernbach. Daneben war „AT“ vermerkt, das heißt „Alterstransport“, und: „Deportation. Zug. Theresienstadt“, erinnert sich Ayanoglu und sagt: „So hat die Geschichte damals angefangen.“

Der Gedanke, dass eine Familie, die von den Nazis ermordet worden war, in seiner Wohnung gewohnt hatte, ließ ihn nicht los. Gemeinsam mit seiner Frau recherchierte er zwei Jahre – und setzte die Geschichte der Fernbachs aus Akten zusammen. Ayanoglu besuchte mindestens zehn Archive in Deutschland, seine Suche führte ihn auch nach Prag, Auschwitz und Theresienstadt.

„Bevor die Menschen deportiert wurden, mussten sie eine Vermögenserklärung darüber, was sie besitzen, unterschrieben haben“, erzählt Ayanoglu. Er fand die Akten über die Eltern der Familie, Leo und Amalie, und ihren Sohn Hans im Brandenburgischen Landesarchiv in Potsdam. Er lernte die altdeutsche Schrift entschlüsseln und las: „Größe der Wohnung: fünfeinhalb Zimmer, davon vier Schlafzimmer, eine Kammer, ein Wohnzimmer, zwei WC, eins mit Bad, Ofenheizung“ – das war seine Wohnung. Über das Online-Archiv der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem fand er mehr über die Biografien heraus.

360 Steine im Jahr in Berlin

Leo und Amalie Fernbach wurden in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren. Leo war Professor und bis zur Pensionierung 1924 in Berlin als Oberlehrer angestellt. Sie wohnten seit 1915 bis zur Deportation 1942 in der Wilhelmshöher Straße. In dieser Wohnung lebten auch die beiden Töchter Anna, eine Säuglingskrankenschwester, und Ruth, eine Musiklehrerin. Die Söhne Hans und Ernst waren Kinderarzt und Steuerberater, sie lebten in Leipzig und Pirna. Schon lange vor der Machtergreifung Hitlers, 1906, hatte Amalie sich und die Kinder christlich taufen lassen. Von den Nazis wurden sie dennoch als Juden verfolgt.

Nachdem Özcan Ayanoglu diese Details und noch mehr herausgefunden hatte, reichte er im Frühjahr 2018 im Namen seiner Hausgemeinschaft den Antrag für sechs Stolpersteine im Bezirk ein. Er wurde enttäuscht: Für Nicht-Angehörige bestehe eine Wartezeit von drei bis vier Jahren, sagte man ihm.

Auf Anfrage bestätigt die Koordinierungsstelle des Landes, die für ganz Berlin zuständig ist, dass die Bezirke Mitte, Schöneberg-Tempelhof und Charlottenburg-Wilmersdorf jene mit den längsten Wartelisten seien. Derzeit sind allein in Schöneberg rund 150 Anträge offen. Dabei werden jährlich in Berlin „nur“ rund 360 Steine verlegt. Etwa alle sechs Wochen versammeln sich die Stolpersteininitiativen und Koordinatoren der Bezirke und verhandeln regelrecht darüber, wer beim nächsten Mal, wenn der Künstler in Berlin ist, wie viele Steine bekommt.

Er schrieb einen Brief in die USA

Gunter Demnig ist drei- bis viermal im Jahr in Berlin, verlegt dann 60 bis 80 Steine. Er als Künstler hat das Urheberrecht, doch um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, gibt es inzwischen auch ein freies Kontingent von 120 Steinen im Jahr, die jemand anderes verlegen kann. In Schöneberg macht dies ehrenamtlich ein ehemaliger Berufsschullehrer für Bautechnik. Gibt es keine Ehrenamtlichen im Bezirk, beauftragt die Landeskoordinierungsstelle ein Straßenbauunternehmen.

In seinem Wohnzimmer, in der Ecke neben der Couch, steht ein vielleicht 1,10 Meter hoher Turm aus Büchern, die Özcan Ayanoglu gelesen hat, um die damalige Zeit besser zu verstehen. Das Buch ganz oben war bei seiner Suche ein besonders wichtiges Puzzleteil. Auf dem Titel ein schwarz-weißes Passbild einer jungen Frau mit dunklen halblangen Haaren: Inge, Tochter von Ernst Fernbach. Sie hatte das Buch „Obstacles, Miracles and Love“ 2005 geschrieben. Es handelt von ihrer Kindheit in Deutschland, der Verfolgung durch die Nazis und ihrer Auswanderung nach Amerika. So fand Ayanoglu heraus: Es gibt Angehörige in den USA. Vor einem Jahr schrieb er einen langen Brief an Inge Fernbach Rabe und erzählte ihr von den Recherchen. Inge litt da bereits an Demenz, doch ihre Kinder meldeten sich zurück – und auch die Nichten Korie und Susan hörten so von den Ayanoglus. Fremden Menschen, die sich in den Kopf gesetzt hatten, ihrer Familie ein Stück Würde zurückzugeben. Dafür seien sie ihnen unendlich dankbar, sagen die beiden. Weil Inge bereits so alt war, wurde der Antrag vorgezogen und die Verlegung der Steine auf den 6. Dezember festgesetzt, auf den Todestag von Inges Vater Ernst Fernbach, das war Zufall.

„Obwohl wir das Schlimmste befürchtet hatten, waren wir geschockt“

Ernst Fernbach heiratete die „Arierin“ Lilly Linders und lebte seit 1923 mit den Zwillingen Linders und Inge in Pirna bei Dresden. Ab 1933 konnte Ernst seinen Beruf als Steuerberater wegen des Berufsverbots für jüdische Unternehmer nicht mehr voll ausüben, die Kinder wurden als Juden beschimpft und ausgegrenzt. In schlechter gesundheitlicher Verfassung reiste Ernst Fernbach im November 1936 für einen der wenigen beruflichen Aufträge nach Berlin. Dort starb er einen Monat später in einem Krankenhaus. Er hatte kein Geld gehabt, um seine Nierenerkrankung behandeln zu lassen. Nach seinem Tod lebten seine Frau und die beiden Kinder ein halbes Jahr in der Wilhelmshöher Straße, dann zogen sie in Lillys Heimatstadt Cuxhaven. Sie überlebten dort bis 1945. Die Kinder wanderten nach Kriegsende in die USA aus.

Ernsts Geschwister Ruth, Anna und Hans starben 1943 in Auschwitz, ihre Eltern Leo und Amalie Ende 1942 in Theresienstadt. Inge schreibt: „Obwohl wir das Schlimmste befürchtet hatten, waren wir geschockt vom Ende von Papas Familie. Sie waren alle gute und ehrliche Menschen gewesen. Angesehene Bürger und Fachleute in ihren Berufen, die niemals jemanden verletzt haben.“

Özcan Ayanoglu verliest diese Passage bei der Stolpersteinverlegung, während Gunter Demnig die Steine setzt. So wurde es ein feierlicher Moment. Katharina Kretzschmar, die in Schöneberg stets dabei ist, freut sich, wenn die Verlegungen so liebevoll gestaltet werden. Das sei nicht selbstverständlich.

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