Das Recht, deine Rechte zu kennen. Kinder in Syrien lernen nichts über die Menschenrechte. Foto: dpa
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Stimmen des Exils - zum Tag der Menschenrechte Das Grundgesetz, ein Traum

Hareth Almukdad

Ein halber Bürger bin ich schon, ein ganzer will ich werden: Unser syrischer Autor ist froh, dass die Schulkinder hier keine Parolen singen müssen.

Im Jahr 2008 besuchten mich einige Freunde aus einem der arabischen Golfstaaten in Damaskus. Sie wollten auf dieser Reise auch Jagdhunde kaufen. Einer meiner Bekannten besaß eine Hundezucht, bei der wir drei Hunde auswählten. Dann begannen wir, die Überführung der Hunde vorzubereiten, zum Beispiel medizinische Untersuchungen durchführen zu lassen und die Dokumente für die Pässe vorzubereiten. In einem der Regierungsbüros fragte uns einer der Angestellten erstaunt: „Haben Tiere das Recht, einen Reisepass zu erhalten?“ Unsere Antwort war: „Ja, natürlich!“ Er lachte laut und flüsterte dann: „In unserem Land haben wir das Recht, über Tierrechte zu sprechen. Menschenrechte dagegen sind eine rote Linie.“

Wie aus Tausendundeiner Nacht

Die Meinung dieses Mitarbeiters spiegelt die Meinung der Mehrheit des syrischen Volkes wider. Bis 2011 glaubten wir, dass Menschenrechte Geschichten aus Tausendundeiner Nacht und Fiktion sind. Die Familie Al-Assad regiert uns seit 1970 und erteilt uns nur Rechte, die für sie zum Vorteil sind. Zum Beispiel kann das Recht auf Leben genossen werden, solange man diese Regierung unterstützt und nicht kritisiert. Die Regierung kann die Menschen von einer Demonstration abhalten, wenn diese gegen sie gerichtet ist. Und das Recht auf Bildung bedeutet, dass man die ganzen Schuljahre damit verbringt, den Präsidenten und seine Familie zu bejubeln, und dass deren Bilder in jedem Schulbuch und an jeder Schulwand zu finden sind.

Mein Bruder und drei meiner Freunde wurden in syrischen Gefängnissen getötet

Was das Wahlrecht angeht, so habe ich 26 Jahre in Syrien gelebt und konnte an keiner Wahl teilnehmen. Das Recht auf Staatsbürgerschaft kann einfach deshalb verweigert werden, weil man Kurde ist. Im Norden Syriens gibt es Hunderttausende Kurden, die keine syrischen Dokumente besitzen. Nach 2011, mit Beginn der Demonstrationen gegen Assads Herrschaft, verhaftete Bashar al-Assad fast eine Viertelmillion Menschen, nur weil sie ihre Meinung äußerten, und Tausende von ihnen wurden unter Folter in Gefängnissen getötet, darunter mein Bruder und drei meiner Freunde.

Seit ich in Deutschland angekommen bin, habe ich beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen, mein Leben wieder neu aufzubauen und zwar vollständig. Während des Sprachkurses habe ich eine Kopie des deutschen Grundgesetzes in arabischer Sprache erhalten. In Syrien habe ich in meinem ganzen Leben keinen einzigen Artikel über die syrische Verfassung gelesen, weil jeder wusste, dass die Verfassung ohnehin auf die Ansprüche des Präsidenten zurechtgeschnitten wird. Ich fing an, die Artikel des deutschen Grundgesetzes zu lesen, und war skeptisch über deren Anwendung in der Realität, denn für mich erschienen die Artikel wie Träume, die oft nicht wahr wurden. Und ich dachte im Laufe der Zeit darüber nach, ob diese Artikel wirklich realistisch sind oder nur Tinte auf dem Papier waren.

Als Geflüchteter habe ich hier mehr Rechte denn als Staatsbürger in Syrien

In den letzten fünf Jahren habe ich viele Ereignisse erlebt, die zeigen, wie die Menschenrechte in allen Bereichen umgesetzt werden. Ich habe die deutsche Innenpolitik mit Interesse verfolgt und so auch die Wahlen zum Deutschen Bundestag mit allen Details zur Regierungsbildung erlebt. Für mich war allein diese Beobachtung eine besondere Erfahrung. Demokratie ist für mich die Grundlage der Menschenrechte, fehlt sie, dann fehlen auch viele Rechte. Persönlich habe ich als Geflüchteter hier mehr Rechte denn als Staatsbürger in meinem Land. Als Journalist kann ich meine Meinung offen äußern, ohne Angst um mein Leben und das meiner Familie zu haben. Ich habe einen Job gefunden und ein Reisedokument erhalten, ohne einem Beamten ein Bestechungsgeld zahlen zu müssen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Polizeiauto, weil die Polizei mich nicht ohne Grund verhaften darf. Weder hänge ich das Bild von Frau Merkel im Wohnzimmer auf, noch ist es ein Hintergrundbild auf meinem Handy.

Die Schulbücher hier enthalten keine Parolen des Präsidenten

Ich arbeite in einer Schule als Kulturvermittler. Die Notizbücher der Schüler und ihre Bücher enthalten keine Bilder und Sprüche des deutschen Präsidenten. Die Kinder stehen morgens nicht eine Viertelstunde in der Schlange, um Parolen von Frank Walter Steinmeier zu singen, sie dürfen über Politik sprechen, und in der siebten Klasse gibt es wöchentlich Unterricht über die neuesten Ereignisse in Deutschland und der Welt. Es sind Details, die manche Menschen vielleicht als nicht wichtig ansehen, aber für mich bedeuten sie alles. Ich behaupte nicht, dass die Rechte hier perfekt sind, und es liegt noch ein langer Weg vor uns. Ich kann aber jetzt sagen, dass ich schon ein halber Bürger dieses Landes bin und ich versuche, alle meine Rechte zu erlangen, um hier ein Vollbürger zu werden.

Der Autor (34) ist Mitarbeiter der Zeitschrift „KulturTür“, einer mehrsprachigen Zeitschrift des Deutschen Roten Kreuzes Berlin-Südwest.

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum). Mehr Beiträge zum Tag der Menschenrechte finden Sie hier - ein Video von „Amal, Berlin“-Redakteurin Amloud Alamir über die Menschenrechtlerin Joumana Seif, deren Familie verschwunden ist. Sie kämpft für die Rechte politischer Gefangener in Syrien. Außerdem einen Text von Can Isa Artar über Folter und Misshandlung von Dorfbewohnern in der Türkei.

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