Erinnert sich, wie Demonstranten eine Statue des Diktatorenvaters anzündeten: Khalid Alaboud, syrischer Journalist. Foto: Thilo Rückeis
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Stimmen des Exils Und da kippte er vom Sockel

Khalid Alaboud

Die Bilder ähneln sich: In vielen Ländern werden Statuen umgeworfen. So war es auch in Syrien, als der Arabische Frühling begann.

Es gab keinen öffentlichen Platz, keine Fläche in Syrien, wo es keine Statue oder Bilder des Diktators gab. In den Sportstadien wurden seine Bilder und Statuen mit der Bezeichnung „Bester Sportler“  aufgestellt.  In Universitäten trugen sie die Bezeichnung „Bester Student“. Selbst in der Justiz galt der Diktator als „Bester Richter“.Diese Bilder beschränkten sich nicht nur auf öffentliche Flächen, die Bilder des Diktators drangen auch in unsere Häuser ein, so waren seine Bilder auch auf unseren Schulzeugnissen und in unseren Büchern. Selbst in den Klassenräumen füllten seine Bilder die Wände. Als der sogenannte Arabische Frühling Ende 2010 in Tunesien anfing, das Land mit Abzug des ehemaligen Regimes von Zine El Abidin Ben Ali, Babyschritte auf den Weg zur Demokratie machte und dann im März 2011 in Syrien ankam, führten die Demonstranten und Protestierenden ein weiteres Gespräch mit den Statuen und Bildern. Sie sahen in ihnen Dolche, die einerseits die Körper der Menschen zerrissen und andererseits Hindernisse auf ihrem Weg zur Freiheit, zur Demokratie und zu einem menschenwürdigen Leben waren. Diese Forderungen wurden zu Parolen der meisten Volksbewegungen des Landes, das Zeuge von Volksprotesten gegen sein herrschendes Regime wurde. Diese Parolen erreichten sogar Europa und Amerika.

Diktaturen aus Plastik

Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, der zufällig ein Freitag war, als Zehntausende auf den öffentlichen Plätzen der Stadt Daraa demonstrierten. Die Demonstranten zündeten eine Statue des Diktatorenvaters Hafez Al Assad an, der ihn winkend zeigte. Ich nahm diesen Moment mit der primitiven Kamera meines Mobiltelefons auf, da es der Presse verboten war über diese Ereignisse zu berichten. Dieser Moment  wurde von allen Fernsehsendern übertragen. Der ganzen Welt wurde die Botschaft vermittelt, dass die Ära der Diktatur vorbei ist und dass diese Feuer, die durch die angezündeten Bilder und Statuen in ganz Syrien entfachten, nichts als Kerzen waren, die den Weg in ein freies, würdevolles Leben, basierend auf demokratische Fundamente, beleuchteten. Ironischerweise und um die Szene noch etwas verständlicher zu machen: Alle damals Anwesenden dachten, dass diese vor Jahrzehnten errichtete Statue aus Gips, Bronze, Eisen oder sogar aus Kupfer bestand. Überraschenderweise stellte sich aber heraus, dass es aus behandeltem Plastik war, so das die Statue, von dem Feuer ergriffen, nur so dahin schmolz. Es war wie eine Botschaft, die besagte, dass diese Diktatoren, die von sich denken, dass sie auf starken und konsistenten Fundamenten basieren, im Grunde nur Plastikpuppen sind.

Wiederaufbau von Statuen

Vor zwei Jahren begannen die Sicherheitskräfte des syrischen Regimes mit Hilfe iranischer Milizen, der Hisbollah, die dieses Jahr von Deutschland als terroristische Partei eingestuft wurde, und mit Hilfe Russlands, ihrem größten Verbündeten, die Kontrolle über Gebiete zu übernehmen, in denen Proteste stattfanden. Diese Proteste wurden durch das Regime zu bewaffneten Konfrontationen. Nachdem das Regime die Kontrolle über die von syrischen und russischen Flugzeugen zerstörten Gebäude übernahm, die Familien umsiedelten, baute es die Statuen wieder auf. Es stellte  Bilder des Diktators in den Eingängen der zerstörten Vierteln und in der Mitte der Stadtzentren, die von ihren Bewohnern verlassen wurden, auf. Als würde er ihnen allen sagen „Ich oder die Zerstörung“. Das war auch der Slogan, den seine Soldaten an den Wänden der Städte und Dörfern hinterließen, „Al Assad oder wir verbrennen das Land“ hieß es. Das setzte er auch im Detail um. Und so blieb Al Assad und verbrannte das Land.

Ihr habt Eure Geschichte und wir haben unsere

Es ist ein ganz anderer Kontext, dennoch ähneln sich die Bilder. In den USA haben sich die Aktivisten und Aktivistinnen der Black Lives Matter Bewegung gegen die Statuen aus der Sklavenhalter-Vergangenheit der USA gewandt und diese gestürzt. Und auch in Deutschland wird an den Sockeln so mancher Bismarck-Statue gesägt; zumindest wird darüber diskutiert, ob die Verherrlichung dieser Ära der deutschen Geschichte und insbesondere der Kolonialzeit noch zu demokratischen Grundordnung passt. In Hamburg wurde die Otto-von-Bismarck-Straße schon einmal symbolisch in Black-Lives-Matter-Straße umbenannt. Okay, es sind alles nur symbolische Aktionen, aber mit ihnen zeigen die Aktivisten die Veränderung fordern den Mächtigen, gegen die sie sich erheben: „Ihr habt eure Geschichte und wir haben unsere“. Das gilt in Syrien und zunehmend auch im Rest der Welt.

Der Autor, 36, arbeitete in der syrischen Presse und unterrichtete die arabische Sprache in Syrien. Jetzt arbeitet er als Journalist und Redakteur für Amal Berlin. Übersetzung aus dem Arabischen: Karin El Minawi

Dieser Text erscheint im Rahmen des Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel veröffentlicht seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist*innen unter dem Titel #jetztschreibenwir. Die Körber-Stiftung macht in ihrem Fokusthema „Neues Leben im Exil“ die journalistischen, künstlerischen, politischen oder wissenschaftlichen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland sichtbar. Dafür kooperiert sie z.B. mit den Nachrichtenplattformen „Amal, Berlin!“ und „Amal, Hamburg!“ oder organisiert Fachveranstaltungen (Exile Media Forum).

 

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