Kerzen und Abschiedsbriefe am Bahnhof Lichtenberg.  Foto: Robert Klages
© Robert Klages

Staatsanwaltschaft ermittelt Obdachloser mit 35-Jahren gestorben

Er lebte auf der Straße und hinterlässt eine Tochter. Die Staatsanwaltschaft teilt mit, er sei nicht ermordet worden. Viele Weggefährten nehmen Abschied.  

Mehrere Grabkerzen standen eine Zeitlang am Eingang zum U-Bahnhof Lichtenberg – dazwischen ein Abschiedsbrief, adressiert an einen "Papa" - der Mann hinterlässt eine Tochter.

Ein obdachloser Mensch ist gestorben, mit gerade mal 35 Jahren. Viele seiner Freunde und Weggefährten nahmen von ihm Abschied. Einige vermuten, er könne erschlagen worden sein.

Die Staatsanwaltschaft teilte auf Nachfrage mit, bei der Obduktion sei kein Fremdverschulden festgestellt worden. „Hinweise auf ein vorsätzliches Tötungsdelikt liegen nicht vor. Nähere Auskünfte zu dem noch nicht abgeschlossenen Todesermittlungsverfahren sind derzeit nicht möglich.“ 

Möglich ist, dass er an den Folgen einer Leberzirrhose verblutete, mit der er mehrfach im Krankenhaus lag, wie verschiedenen Weggefährten und Sozialpädagogen erzählen, die über seinen frühen Tod alle sehr schockiert und traurig sind. 

Eine Verblutung nach außen wird als Todesursache angegeben. Eine Wunde am Oberschenkel. Auch deswegen bleiben bei einigen Zweifel. Zudem soll er "Stress" mit anderen gehabt haben. 

Betreuer erzählen, einen Wohnheimplatz habe er meistens abgelehnt, seine Leute auf der „Platte“, wie obdachlose Menschen ihre Lagerplätze nennen, waren ihm wichtig.

Obdachlosenlager geräumt - zwei Tage nach "Nacht der Solidarität"

Gelegentlich verbrachte er die Nächte auch am Bahnhof. Doch das dortige Lager der Obdachlosen wurde bekanntlich Anfang des Jahres aufgelöst - nur zwei Tage nach der „Nacht der Solidarität“, in der die Senatsverwaltung obdachlose Menschen zählen ließ.

Indes trank der zuletzt 35-Jährige sehr viel, lebte in Friedrichshain. Im Dezember 2019 haben Betreuer die Polizei gerufen, „weil es sonst nicht anders möglich war“, wie sie sagen, und er wurde zur Entgiftung in ein Krankenhaus gebracht.

Danach erhielt er einen Wohnheimplatz – nach nur drei Tagen wurde er jedoch erneut zur Entgiftung eingeliefert. Das nächste Mal setzte man ihn aus dem Krankenhaus direkt auf die Straße, er landete danach in diversen Notunterkünften. Nachdem er orientierungslos bei Sozialpädagogen anrief, die ihm seine Nummer gegeben hatten, wurde er nochmals eingeliefert.

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Dann lief es besser, er suchte sich selbst Therapieeinrichtungen. Man dachte, er sei vielleicht auf einem guten Weg. Aber er flog aus der Einrichtung, die Pädagogen gaben fast auf, konnten wenig für ihn tun, er sprach nicht mehr mit ihnen.

Im Oktober schien bei ihm Vieles besser zu werden, er bewarb sich sogar um eine Wohnung, seine Eltern und soziale Einrichtungen halfen. Dann soll die Mutter nichts mehr von ihm gehört haben und rief die Polizei, die ihr nichts sagen konnte. Von dem Tod ihres Sohnes hatte sie zunächst aus den sozialen Medien erfahren. Vor zwei Wochen musste sie ihn auf Fotos identifizieren.

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