Boden der Tatsachen. Für Vedad Ibisevic und seine Kollegen geht es am Freitag um wichtige Punkte im Abstiegskampf. Foto: dpa
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Vor dem Bundesliga-Spiel am Freitag Eintracht Frankfurt ist da, wo Hertha BSC hinwill

Hertha und Frankfurt sind einst unter ähnlichen Vorzeichen gestartet – heute ist die Eintracht in vielen Bereichen deutlich weiter als die Berliner.

Sebastian Rode war nun wirklich nicht auf Konfrontation aus, ganz im Gegenteil. Eigentlich wollte sich der Kapitän von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt am späten Montagabend nur anhören, was dem Fanvolk auf der Seele liegt und ein bisschen Bürgernähe zeigen. Rode machte sich also auf den Weg in Richtung Gästeblock des Mainzer Stadions, aber mit der Kommunikationsbereitschaft des Anhangs war das so eine Sache. „Die haben zur mir gesagt: Verpiss dich!“, berichtete Rode später.

Allzu persönlich wollte er die Beleidigungen nach der jüngsten 1:2-Niederlage aber nicht nehmen. Derartige Entgleisungen „von ein oder zwei Leuten auf einem Fußballplatz verstehe ich nicht als Beleidigung einer ganzen Fangruppe“, schrieb er tags darauf bei Facebook. „Ich glaube, es tut allen gut, den Ball flach zu halten.“

Beide Klubs haben Ärger mit den Fans

Wie sich die Szenen ähnelten. Zwei Tage zuvor, nach Jürgen Klinsmanns verpatzter Premiere als Cheftrainer von Hertha BSC, hatten auch die Profis des Berliner Bundesligisten aus dem Stadtteil Charlottenburg üble Tiraden von Teilen der Ostkurve über sich ergehen lassen müssen. „Absteiger! Absteiger!“-Rufe waren dabei noch das Harmloseste. Bierbecher und Tetrapaks flogen auf die Tartanbahn des Olympiastadions. Und man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass das Verhältnis einiger Fans zu ihrem Herzensklub so angespannt und kritisch ist wie schon lange nicht mehr.

Abgesehen davon und von der Zugehörigkeit zu Deutschlands höchster Spielklasse enden die Parallelen zwischen den Sportsfreunden von Hertha BSC und Eintracht Frankfurt damit aber auch. Im Grunde ist die Eintracht vor dem direkten Duell am Freitagabend (20.30 Uhr) – trotz drei Bundesliga-Niederlagen in Folge – in jenen Sphären angekommen, die den Verantwortlichen bei Hertha BSC perspektivisch vorschweben.

Okay, am Standort Berlin soll es irgendwann bitte nicht nur mit der Europa League, sondern mit der Champions League klappen, so hat es Investor Lars Windhorst öffentlich proklamiert. Im Moment wären alle Beteiligten aber schon froh, wenn Hertha im Sommer über jenem Strich in der Tabelle steht, der die Absteiger respektive Relegationsteilnehmer vom restlichen Feld separiert.

Überraschend erfolgreich. Unter Trainer Adi Hütter läuft es bei Eintracht Frankfurt. Foto: Uwe Anspach/dpa Vergrößern
Überraschend erfolgreich. Unter Trainer Adi Hütter läuft es bei Eintracht Frankfurt. © Uwe Anspach/dpa

Dabei sind beide Traditionsvereine vor gar nicht allzu langer Zeit unter ähnlichen Voraussetzungen ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gestartet: Die Eintracht stieg zuletzt 2012 wieder in die Bundesliga auf, Hertha korrigierte den mit einem Abstecher in Liga zwei verbundenen Betriebsunfall ein Jahr später und ist seit 2013 ebenfalls dauerhaft erstklassig. Gerade in der jüngeren Vergangenheit ist die Schere zwischen den Klubs aber wieder auseinander gegangen.

In der Europa League etwa haben die Frankfurter vergangene Saison eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die ihnen wahrscheinlich nur wenige zugetraut hätten. Die Mannschaft des Österreichers Adi Hütter begriff den Wettbewerb – im Gegensatz zu vielen anderen Bundesligisten zuvor – nicht als unangenehme und schlecht bezahlte Zusatzbelastung, sondern als das, was er tatsächlich ist: ein renommierter, geschichtsträchtiger Europapokal.

Spieltage waren in Frankfurt stets Feiertage; ob die Mannschaft nun in den Stadien Europas spielte oder in der heimischen Arena, der Neid vieler Mitbewerber aus Deutschland war ihr sicher. Am Ende fehlte im Halbfinale gegen den großen FC Chelsea nicht viel – und die Eintracht wäre als erste deutsche Mannschaft seit der Umbenennung von „Uefa Cup“ in „Europa League“ ins Endspiel des Wettbewerbs eingezogen.

Frankfurt hat Hertha in der Entwicklung überholt

Angeleitet vom Berliner Niko Kovac schafften die Frankfurter darüber hinaus etwas, wofür sie bei Hertha wahrscheinlich das letzte Tafelsilber hergeben würden: zwei Mal in Folge, 2017 und 2018, erreichten sie das Endspiel um den DFB-Pokal im Berliner Olympiastadion. Der sensationelle 3:1-Sieg gegen den hochfavorisierten Rekordmeister aus München wird in der Vereinschronik für Ewigkeiten mit einem Sternchen versehen sein. Er bestärkte den Eindruck, dass Frankfurt Hertha in der Entwicklung überholt hat und mittlerweile um einiges voraus ist.

Das trifft auch auf die sportliche Gegenwart zu. „Sie verfolgen einen klaren Plan. Man sieht, dass sie eine gute Abstimmung haben, dass es über Jahre gewachsen ist“, sagt Herthas Co-Trainer Alexander Nouri, der die Eintracht am Montag beim 1:2 in Mainz beobachtet hat. „Sie haben sehr gute Muster in ihrem Spiel und wissen genau, wie sie gegen die verschiedenen taktischen Systeme des Gegners aufbauen müssen“, analysiert Nouri.

Das sei ein Prozess, „in dem sie deutlich weiter sind als wir“, ergänzte Klinsmanns oberster Assistent. Auch er war nicht auf Konfrontation aus – sondern sprach nur: die Wahrheit.

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