Spiel mit Widerständen: Im deutschen Volleyball (hier die DVV-Männer in der Nations League gegen Japan) ist nach dem Rücktritt des Vorstandes eine Führungskrise ausgebrochen. Foto: Christoph Schmidt/dpa
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Verbandschaos Der deutsche Volleyball marginalisiert sich selbst

Die Sorgen im deutschen Volleyball werden nach dem Rücktritt des Vorstandes immer größer. Mitglieder sowie Sponsoren fehlen - und Reformen scheitern.

Derart harsch und verbittert hat sich im deutschen Sport selten ein komplettes Präsidium verabschiedet. „Von deprimierenden Diskussionen“, „kompletter Verweigerungshaltung“ und „vorgefassten Meinungen“ war in einer Erklärung der Vorstände des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) am Sonntag die Rede. Präsident Thomas Krohne und weitere fünf Vorstände traten zurück. Rekordnationalspieler René Hecht vom Volleyball-Verband Berlin wurde vom Hauptausschuss zu Krohnes Nachfolger gewählt. Erhard Rubert und Thomas Petigk werden Vize-Präsidenten.

Der Grund für das Beben im deutschen Volleyball liest sich nichtig: Das alte Präsidium um Krohne wollte eine neue digitale Plattform namens „Volleyballpassion“ errichten, auf der sich jedes Vereinsmitglied für einen Beitrag von bis zu einem Euro registrieren sollte. Die Landesverbände erteilten dem Projekt auf dem DVV-Hauptausschuss aber eine Absage – woraufhin Krohne und seine Mitstreiter ihr Engagement für beendet erklärten.

Um das Chaos im deutschen Volleyball zu verstehen, müssen mehrere Ebenen berücksichtigt werden. Da gibt es die persönliche. Es geht um Männer wie Krohne, der sechs Jahre lang dem Präsidium vorstand. Krohne kommt aus der Wirtschaft, der 46-Jährige gilt als jemand, der die Dinge schnell anpackt und auch erwartet, dass Pläne nicht nur entworfen, sondern auch zügig umgesetzt werden. Und dann gibt es die Ebene des Sportverbandswesens, das nicht gerade progressiv ist. Beim DVV mit seinen rund 7000 Vereinen und knapp über 411 000 Mitgliedern ist das nicht viel anders. Zumal der DVV keinen direkten Zugriff auf die Mitglieder hat, den haben nur die einzelnen Landesverbände. Das bedeutet: Wer im deutschen Volleyball etwas verändern will, der muss viel Überzeugungsarbeit leisten, der muss dicke Bretter bohren, um Ideen in die Tat umzusetzen – selbst dann, wenn die Not groß ist.

Und die Not ist riesengroß. In den vergangenen 18 Jahren verlor der Verband ein Drittel seiner Mannschaften und die Vereine circa 20 Prozent ihrer Spieler. In kaum einer anderen Mannschaftssportart ist der Rückgang der Mitglieder derart drastisch. Dies geht damit einher, dass den Vereinen die ehrenamtlichen Helfer wegbrechen. Ein großes Problem für den Volleyball sind zudem die Ganztagsschulen. Neben dem Alltag in der Schule bleibt für die Kinder nur noch wenig Zeit für den Vereinssport, und wenn sie sie doch noch aufbringen können, dann vor allem für Sportarten wie Fußball, Basketball oder Tennis. Volleyball droht in der Breite aus dem deutschen Sportraum mehr und mehr zu verschwinden. Und als wäre nicht alles schon finster genug, ist da noch die wirtschaftliche Lage: „Dem Volleyball fehlen dramatisch Mittel im Breiten- wie Spitzensport“, hieß es auch in der Rücktrittserklärung der DVV-Vorstände.

„Dem Volleyball fehlen dramatisch Mittel im Breiten- wie Spitzensport“

Letzteres war auch der Grund, warum die Vorständler um Krohne ein neues digitales Modell für den Volleyball implementieren wollten. Sie erhofften sich dadurch eine direktere Teilnahme der Mitglieder an ihrem Sport. Videos und Statistiken etwa von Spielen in allen Regionen und allen Klassen versprach das Konzept. Volleyball sollte für alle seine Mitglieder erfahrbarer werden. Und bei reger Benutzung des personalisierten Accounts der Mitglieder – so das Kalkül von Krohne – würden sich auch neue Sponsoren gewinnen lassen.

„Das Konzept und die Idee waren grundsätzlich gut. Aber man hätte es professioneller vorbereiten sollen“, sagt Hubert Martens. Der Präsident vom Westdeutschen Volleyballverband findet, dass die Zeit für die Umsetzung vom DVV zu kurz bemessen gewesen sei und Krohne die Mitglieder nicht mitgenommen habe. Vertraute von Krohne wiederum verweisen darauf, dass der Vorstand das Grundmodell schon vor einem Jahr vorgestellt habe. Im Lager von Krohne liegt vielmehr der Verdacht nahe, dass die Landesverbände schlicht keine Lust und keinen Willen zu den dringend benötigten Reformen im digitalen Bereich gehabt hätten.

Der im Stillen geäußerte Vorwurf lautet überdies: Die Landesverbände wollen weiter die Daten und somit auch die Hoheit über die Mitglieder haben. Eine Registrierung über ein vom DVV gesteuertes Tool würde an den Machtverhältnissen im föderalen Verband rütteln, glauben Krohnes Mitstreiter.

Das kann sein, auf der anderen Seite sind die Pläne von „Volleyballpassion“ noch nicht ad acta gelegt. Viele Landesverbände und auch das neue Präsidium wollen es einführen, nur soll es die Mitglieder vorerst nichts kosten dürfen. Die Frage wird sein, wie der klamme Verband die neue Leidenschaft für den Volleyball in der digitalen Welt finanzieren will.

Es wird am Ende also wieder ums liebe Geld gehen und weder der DVV noch die Landesverbände haben zu viel davon. Der Konflikt ist durch den Rücktritt des alten Vorstandes daher längst nicht beendet. „Ich habe Angst, dass sich die Landesverbände weiter entzweien vom DVV“, sagt Kaweh Niroomand, der Manager der BR Volleys aus Berlin. Der Volleyball in Deutschland – so viel steht fest – muss jetzt die Kurve kriegen, wenn er bald nicht völlig von der Bildfläche verschwinden will.

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