„Der Leistungsdruck wird immer da sein“

Einsatz. Teresa Enke und Gesundheitsminister Jens Spahn stellen eine Aufklärungskampagne über Depressionen vor. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Teresa Enke im Interview „Das ist eine Krankheit, die kann jeden treffen“

Heißt das auch, die Krankheit Ihres Mannes wurde nicht durch den Fußball ausgelöst oder verstärkt?
Genau. Natürlich können bestimmte Lebensumstände wie ein schlimmer Schicksalsschlag oder ein finanzieller Einbruch begünstigend wirken. Aber der Fußball hat ihn nicht in diese Krankheit getrieben. Wenn er gesund war, war er überhaupt nicht anfällig für die Druck- und Stresssituationen des Profifußballs, die zum Beispiel Per Mertesacker einmal beschrieben hat. Robbi musste sich nicht vor einem Spiel übergeben. Ich habe ihn immer gefragt: „Wie kannst du da hineinlaufen in ein Stadion mit 50 000 Menschen?“ Aber wenn er gesund war, hatte er vor so etwas keine Angst. Nur sobald die Krankheit wieder kam, wurde er unsicher. Und deshalb möchte ich auch ein Bild von Robbi unbedingt bewahren.

Welches?
Er war kein unglücklicher Mensch. Er hatte seine Krankheit, seine depressiven Phasen. Und er war vielleicht auch kein extrovertierter Mensch. Aber er war trotzdem ein lustiger Geselle, mit dem wir viel Spaß haben konnten. Wir hatten eine tolle Zeit im Ausland. Wenn diese Krankheit kam, hat sie ihn aber übermannt. Und in dieser Situation war der Fußball vielleicht doch etwas schwieriger zu händeln als andere Berufe, weil er eine große Verantwortung gespürt hat. Es geht um viel Geld. Es herrscht ein großer Konkurrenzkampf. Robbis größte Angst war immer, dass er seinen Platz im Tor verliert, wenn er seine Krankheit öffentlich macht oder in Therapie geht.

Ihre Stiftung bietet eine App an, für die Sie mit den Worten werben: „Robert Enke konnten wir nicht retten. Dich schon.“ Was können Menschen mit Depressionen aus diesen Erfahrungen lernen?
Dass du immer die Chance hast, wiederzukommen. Das hat Robbi immer wieder gezeigt. Er ist nach seiner schlimmen Depression in Barcelona und Istanbul wieder Bundesliga-Torwart geworden und hat es sogar zur Nummer eins der Nationalmannschaft gebracht. Das hat er sich alles erarbeitet - trotz des Todes seiner Tochter und trotz seiner ersten Depression 2003. Er war also stark, nur konnte er gegen seine Krankheit nicht ankommen. Natürlich sind Depressionen behandelbar. Die allermeisten Menschen gelten als geheilt. Aber wie bei anderen schweren Erkrankungen gibt es auch bei Depressionen Fälle, die nicht geheilt werden können. Deshalb mag ich auch den Begriff Selbstmord nicht. Die Depression hat ihn glauben lassen, dass der Suizid die einzige Möglichkeit wäre, diese Krankheit loszuwerden. Was für ein fataler Trugschluss!

Bei der Beerdigung Ihres Mannes lautete die Kernbotschaft in der Trauerrede des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger: Fußball darf nicht alles sein. In den vergangenen zehn Jahren ist aber alles an dem Fußball-Geschäft noch einmal gewachsen: Sein Stellenwert in der Gesellschaft. Die Geldsummen, die dort hineinfließen. Oder auch die Enthemmungen, die in Stadien oder sozialen Netzwerken zu sehen sind. Wie gehen Sie damit um?
Fußball ist Fußball geblieben - und das ist grundsätzlich auch gut so. Der Leistungsdruck wird immer da sein, schließlich definiert sich der Spitzensport durch erbrachte Leistungen. Das kenne ich selbst noch vom Modernen Fünfkampf. Auch dass Journalisten darüber schreiben, dass lieber der spielen sollte oder der: Das wird sich ebenfalls nicht ändern. Das gehört irgendwie dazu. Die Rede von Theo Zwanziger war toll. Aber sie hatte nichts mit Robbis Krankheit zu tun, weil es nicht der Fußball war, der ihn kaputt gemacht hat. Dass er auch unter gewissen Auswüchsen gelitten hat, war klar. Heute müssen die Spieler in den Sozialen Medien noch viel mehr aushalten, auch das ist mir klar. Das ist ein Teil des Geschäfts, weshalb wir vor allem junge Leute darauf besser vorbereiten müssen.

Löst das etwas in Ihnen aus, wenn tagelang ein Konkurrenzkampf zwischen Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen öffentlich diskutiert wird, während Sie genau wissen: Durch so etwas hat sich mein Mann früher immer unter Druck gesetzt gefühlt?
So etwas wie der Konkurrenzkampf zwischen Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen ist für viele ein gefundenes Fressen. Die Leute wollen offenbar das große Spektakel und einen gewissen Nervenkitzel. Was ich damals angeprangert habe: Wenn Menschen sich persönlich äußern. Ottmar Hitzfeld hat zum Beispiel einmal gesagt, Robert Enke habe keine Ausstrahlung. Sportlich kann man immer sagen: Ich finde den oder jenen besser. Aber das Menschliche sollte man da herauslassen und nur die Leistung sachlich beurteilen. Bei Robert hat das die Angst davor vergrößert, einen Fehler zu machen.

Torwart. Robert Enke nahm sich im November 2009 das Leben. Foto: Peter Kneffel/dpa Vergrößern
Torwart. Robert Enke nahm sich im November 2009 das Leben. © Peter Kneffel/dpa

Wer wendet sich häufiger an Ihre Stiftung? Leistungssportler, die an dem eben beschriebenen Druck leiden, oder ganz normale Menschen, die eine Depression haben?
Die Mehrheit kommt aus dem Sportbereich. Die Stiftung kümmert sich ausdrücklich um Depressionen im Leistungssport und um Depressionen als Volkskrankheit. Wir haben eine Beratungshotline in Aachen eingerichtet. Es gibt eine Enke-App, die man herunterladen kann. An uns kann sich jeder wenden.

Ist die Zahl der Anrufe in den vergangenen Jahren gestiegen?
Ja. Aber ich glaube nicht, dass es mehr Erkrankungen gibt. Sondern dass die Bereitschaft, sich schneller helfen zu lassen, gewachsen ist. Therapeuten haben mir berichtet, dass sich zunehmend Männer in eine Behandlung begeben, weil sie gemerkt haben: „Sogar einer wie der Enke hatte das, ich will mir helfen lassen.“ Auch Angehörige oder Freunde sind sensibler geworden, wenn sie merken, dass mit jemandem etwas nicht stimmt. Deshalb hatte es für uns als Stiftung auch oberste Priorität, ein Netzwerk zu schaffen. Am Anfang landeten noch alle Anrufe in der Stiftung, da hat teilweise mein Mitarbeiter die Vermittlung übernommen. Mittlerweile haben wir an fünf Tagen der Woche für sechs Stunden einen Psychiater am Telefon. Er kann einschätzen, wie weit und wie schnell Hilfe benötigt wird und er kann diese Hilfe auch vermitteln. Das ist für uns sehr wichtig.

Hat es in den vergangenen Jahren auch einen medizinischen Fortschritt bei der Erforschung und Behandlung von Depressionen gegeben?
Die Verfügbarkeit von Therapieplätzen und vor allem die Versorgung von Menschen mit schweren Depressionen muss sich verbessern. Für die Enttabuisierung des Krankheitsbildes wäre es ein großer Fortschritt, wenn sie objektivierbar wird. Also wenn ich über ein Blutbild oder MRT-Scan genau erkennen kann: Es liegt eine Depression vor. Das ist ein großer Traum von mir und meinem Team!

Wie geht es Ihnen persönlich zehn Jahre nach dem Tod Ihres Mannes? Wie sieht Ihr Leben aus?
Das Leben verändert sich permanent. Ich bin wirklich mit mir im Reinen. Die Stiftung nimmt einen großen Anteil davon in Anspruch - und ich liebe meine Arbeit. Es ist etwas Schönes, wenn ich vielen Menschen helfen kann und dafür die Rückmeldung bekomme, dass ich etwas Gutes tue. Von daher: Mir geht es gut. Ich denke mittlerweile mit Dankbarkeit und Freude an Lara, an Robbi und an die gemeinsame Zeit zurück. Es gibt natürlich Momente, in denen ich traurig bin. Aber wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich wieder glücklich werden kann - dann hätte ich das nicht geglaubt.

Und wie werden Sie den zehnten Todestag verbringen?
Meine Familie, Freunde und Robbis Mama werden kommen. Dazu führen wir mit der Stiftung zurzeit eine Aktionsreihe durch. Zusammen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn haben wir ein Sensibilisierungsprojekt „Impression Depression“ vorgestellt, am Montag kam auch der Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, extra zu einem Podiumsgespräch nach Hannover. Darauf bin ich sehr stolz. Ich möchte diesen Tag auch gar nicht so besonders machen, wir zelebrieren eher Robbis Geburtstage. Wir werden aber auch kein Trübsal blasen, sondern uns erinnern und auch lustige Geschichten erzählen. Ich stelle mir dann immer vor: Robbi sitzt da oben neben Lara, meinem Bruder und meinem Papa. Die gucken zu uns runter und ihnen geht es gut. Diese kindliche Vorstellung habe ich noch.

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