Windiger Härtetest. Am Sonntag startet das Transat Jacques Vabres. Foto: Fred Tanneau/ AFP
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Segler überqueren Atlantik Belastungsprobe auf Hoher See

Beim Transat Jacques Vabres startet am Sonntag ein Großteil der Vendée-Globe-Teilnehmer zu einem letzten Härtetest. Der Vormacht der Franzosen droht das Ende.

Unter den Hochseeregatten gilt das Transat Jacques Vabres als eine der anspruchsvollsten. Nicht nur wegen der möglichen Herbststürme und viel befahrenen Schifffahrtsrouten, die es zu bewältigen gilt. Mit 4400 Meilen ist sie überdies eine der längsten Ozeanquerungen. Und ihre Route von Frankreich nach Brasilien folgt dabei exakt der Strecke, die die Teilnehmer des in einem Jahre startenden Vendée Globe Race zum Auftakt zurücklegen werden. Oft fielen dabei schon Vorentscheidungen.

Das macht das nach einem französischen Kaffeeröster benannte Transatlantikrennen, das diesen Sonntag startet und seit 1993 im Turnus von zwei Jahren ausgetragen wird, zur großen Generalprobe, zum letzten Härtest für die Imoca-Skipper. Unter ihnen ist der deutsche Segelstar Boris Herrmann, der zuletzt Aufsehen erregte, als er die Klimaaktivistin Greta Thunberg auf seiner silbergrauen Open-60-Yacht Malizia II über den Nordatlantik nach New York schipperte.

Nun will er sportlich zeigen, was in ihm steckt – mehr als ein „Greta-Fan“ und umsichtiger Navigator. Da die Schiffe von zwei Personen gesteuert werden, hat sich der 38-Jährige für diesen Trip den jungen Engländer Will Harris an Bord geholt, mit dem er beim Fastnet Race im Sommer schon unterwegs war.

Beiden genügt der achte Rang nicht, den sie dabei belegt hatten. Diesmal wollen sie zur Spitzengruppe zählen. Ob es für Herrmann so gut läuft wie vor zwei Jahren, als er an der Seite von Thomas Ruyant vierter wurde, ist schwer vorauszusagen. Denn unter den 29 Imocas, die sich am Sonntag an der Startlinie in Le Havre aufreihen, sind fünf Neubauten, die über die modernste Foil-Technik verfügen. Herrmanns Malizia benutzt dagegen immer noch Flügelschwerter von 2015.

Das muss kein Nachteil sein. Das Boot des Deutschen ist schnell, robust und hat das bewiesen. Während dem nagelneuen Imoca-Entwurf von Stardesigner Juan Kouyoumedjian bei der Anreise ein Foil wegbrach. Ohnehin entwickeln die weit ausladenden Tragflächen der neuen Generation ihr Potenzial erst unter Bedingungen, bei denen auch ältere Baujahre rasant unterwegs sind. So wird es wahrscheinlich wieder auf navigatorische Finessen ankommen, etwa der Frage, wo sich die Bahnsteigkante für die Passatfinde finden lässt, von der aus man unter Höchstgeschwindigkeit in den tropischen Süden Brasiliens rasen kann.

Der Brite Alex Thomson hat einen neuen Streckenrekord von zehn Tagen prophezeit. Was ziemlich vollmundig klingt, liegt der alte doch bei über 13 Tagen. Der um großspurige Worte selten verlegene Brite muss ziemliches Vertrauen in die werftneue Hugo Boss haben, die er erstmals unter Rennbedingungen testet. Dem radikalen Boot eilt der Ruf eines Quantensprungs voraus.

Deutsche Segler könnten vorne landen

Was die Foils betrifft, hat es ebenso sehr neue Wege beschritten, wie beim Cockpit-Design. Thomson muss das Innere seines nachtschwarzen Geschosses gar nicht mehr verlassen, um es zu steuern. Winschen, Grinder und Pinne befinden sich unter Deck. Mit diesem Spielzeug hofft Thomson, die französische Dominanz endlich brechen zu können, die auch auf der „Kaffeeroute“ vorherrscht.

Tatsächlich fühlten sich die Franzosen noch nie so sehr herausgefordert wie in diesem Jahr. Und neben einigen Briten, die sowohl in der Imoca-Klasse als auch bei den Class40 zu den Favoriten zählen, könnten auch deutsche Segler erstmals weit vorne landen.Neben Herrman ist das vor allem Jörg Riechers, der 51-jährige Hamburger, der seine Vendée-Globe-Ambitionen aufgeben musste und nun wieder eine Nummer kleiner bei den Class40 startet.

Das Mini-Transat vor zwei Jahren beendete er grandios als zweiter. Danach ist er mit seinem neuen 40-Fuß-Racer eigentlich immer auf dem Podium gelandet, zuletzt beim Normandy Channel Race. In derselben Klasse treten die Hamburger Brüder Arnt und Sönke Bruhns auf Iskareen an.

Der Fokus des Rennens wird jedoch auf die 60-Fuß-Klasse gerichtet sein. Denn nie zuvor erfreute sie sich solch eines Zuspruchs. Für das Vendée Globe im kommenden Jahr haben sich 34 Skipper qualifiziert, was, wenn sie es alle zum Start im November nach Les Sables d’Olonne schaffen sollten, ein Rekord wäre. Darüber hinaus werden dieselben Boote mit mehrköpfigen Crews 2021 beim Ocean Race starten.

Das hat das Interesse des Amerikaners Charly Enright geweckt. Er kaufte die alte Hugo Boss von Alex Thomson und sammelt auf ihr nun erste Rennerfahrungen beim Transat Jacques Vabres. Solo-Ambitionen verfolgt er nicht. So fallen Boris Herrmanns Ambitionen mit einem Boom zusammen, der rasante Entwicklungssprünge und viele jüngere Neueinsteiger hervorbringt.

Zumindest beim Transat Jacques Vabres wird das Teilnehmerfeld dann noch um die alten Helden ergänzt. Mit Vincent Riou, Armel Le Cléac’h, Jean Le Cam sowie Roland Jourdain segeln die Seriengewinner vergangener Jahre mit. Ob Erfahrung sich immer noch auszahlt?

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