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Martin Hyun. Bei den Winterspielen 2018 in Südkorea war der gebürtige Krefelder in der Organisation der tätig. Foto: promo
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Rassismus beim Eishockey „Wir müssen ehrlich sein, wenn wir über Rassismus reden“

Martin Hyun

Der Umgang mit dem rassistischen Vorfall in einem Testspiel offenbart die Unbeholfenheit der Klubs. Ein Gastbeitrag des Geschäftsführers von Hockey is Diversity

Martin Hyun war der erste Spieler mit koreanischen Eltern in der Deutschen Eishockey-Liga. Er war als Berater für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang tätig. Auch im paralympischen Sport ist er als Funktionär aktiv.

Der rassistische Vorfall zwischen dem ERC Ingolstadt Spieler Daniel Pietta und dem schwarzen Spieler der Straubing Tigers Sena Acolatse zeigt eines sehr deutlich – Klubs und Organisationen reagieren meist nur, wenn etwas passiert ist. Eishockey ist nicht immun gegen Rassismus.

Als ehemaliger Eishockeyspieler mit koreanischen Wurzeln wurde ich mit „Schlitzauge“, „Reisfresser“, „Spiel doch auf dem Reisfeld!“, mit sämtlichen Namen asiatischer Gerichte betitelt – mit dem Ziel mich zu demütigen und klarzumachen, dass jemand, der so aussieht wie ich, nicht Teil des Spiels ist. Gegen diese permanenten rassistischen Angriffe wurde nichts unternommen. Kein Journalist schrieb darüber. Die Liga forschte nicht nach. Kein Zuschauer wurde ausgeschlossen. Damit musste ich selbst fertig werden. Das war mit der Hauptgrund Hockey is Diversity ins Leben zu rufen. Ein Verein der sich aktiv gegen Rassismus und für eine inklusive Gesellschaft einsetzt.

Im Oktober 2018 haben wir von Hockey is Diversity proaktiv alle 14 DEL-Teams mit konkreten Ideen und Vorschlägen angeschrieben, um gemeinsam und präventiv gegen Rassismus in unserem Sport vorzugehen. Von den 14 DEL-Teams haben nur drei auf unsere Anfrage reagiert, nämlich die Eisbären Berlin, Adler Mannheim und Krefeld Pinguine. Diese drei Teams haben uns eine Plattform für unsere Botschaft geboten. Die anderen 11 Mannschaften hielten es nicht für notwendig, auf unsere Anfrage zu antworten. Im Gegenteil wir mussten uns sogar bei einer Mannschaft aus Bayern entschuldigen, weil wir sie in dieser Angelegenheit kontaktiert hatten. Es ist bedauerlich, dass unsere präventive Anti-Rassismus Arbeit und unsere Idee der Zusammenarbeit mit den Teams weitestgehend abgelehnt wurde.

Ein Vertreter der Deutschen Eishockey Liga (DEL) hatte mir vor einigen Jahren einmal gesagt: „Im Eishockey gibt es kein Rassismus!“ Dieser Vertreter ist seit einigen Jahren nicht mehr für die Liga tätig, dafür aber für die AFD. Sein Satz ist ein Schlag ins Gesicht für alle Black und People of Colour (BPoC) die im Eishockey rassistische Erfahrungen erdulden mussten.

Weiße Menschen können sich nur schwer in die Lage von Black und People of Colour hineinversetzen. Weiße Menschen erfahren kein Rassismus.

„Wir können nicht einfach hoffen, dass Rassismus zufällig verschwindet“

Wie sehr es keinen Rassismus im Eishockey gibt, haben wir nun gesehen. Wir sehen die Unbeholfenheit der Klubs im Umgang mit der Thematik. So entstehen unehrlich und halbherzig verfasste Pressemitteilungen, die nicht mehr als leere Hülsen sind: „Wir stehen für alle Werte, für die der Sport steht - Fairness, Respekt, Toleranz und Teamgeist. In der Liga spielen Spieler aus 19 verschiedenen Nationen. Wir alle profitieren von ihren unterschiedlichen Einflüssen, Kulturen und wollen auf diese Vielfalt nicht verzichten. Rassismus, egal gegen wen und in welcher Form, hat in der Gesellschaft und im Eishockey keinen Platz.“ Es ist so, als wenn ein Unternehmen Diversity predigt, aber im Vorstand nur alte weiße Männer sitzen.

Erst jetzt nach dem rassistischen Vorfall zwischen Pietta und Acolatse hat sich der ERC Ingolstadt an uns gewandt mit der Bitte einer langfristigen Zusammenarbeit. Auch der Fanbeauftragter einer Mannschaft, die sich auf die erste Anfrage unsererseits nicht gemeldet haben, hat sich an uns gewandt. Wir sind bereit mit den Teams zusammenzuarbeiten. Es darf nicht passieren, dass wir einfach zur Tagesordnung übergehen, dass die Aufmerksamkeit der Thematik verblasst, ohne dass sich strukturelle und systemische Veränderungen ergeben.

Wir können nicht einfach hoffen oder davon ausgehen, dass Rassismus nicht existiert oder irgendwann zufällig verschwindet. Wir müssen ehrlich sein, wenn wir über Rassismus reden. Wir können Rassismus nicht mehr als isoliertes Vorkommnis behandeln, sondern als eines, mit dem wir uns konsequent beschäftigen müssen.

Martin Hyun und Kim Davis (NHL) in New York: Die Willkommenskultur der NHL erwartet Hyun auch vom Deutschen Eishockey-Bund. Foto: Vergrößern
Martin Hyun und Kim Davis (NHL) in New York: Die Willkommenskultur der NHL erwartet Hyun auch vom Deutschen Eishockey-Bund.

Es braucht ein Protokoll darüber, wie mit rassistischen Vorfällen umzugehen ist

Als wir die nordamerikanische Profi-Liga NHL und Spielergewerkschaft NHLPA im Kampf gegen Rassismus um Unterstützung baten, empfingen uns geöffnete Türen. Beide Parteien waren sofort bereit uns und unsere Arbeit zu unterstützen. Die NHL bat uns sogar, ihnen beratend zur Seite zu stehen für die Weiterentwicklung ihres Diversity-Programms. Diese offenen Türen und Willkommenskultur wünschten wir uns auch von den DEL, DEL2 Teams und dem Deutschen Eishockey Bund (DEB).

Trotz der anfangs mehrheitlichen Ablehnung der DEL-Klubs mit uns zusammenzuarbeiten, sind wir weiterhin gewillt, mit DEL, DEL2-Teams, DEB, anderen Organisationen, Entscheidungsträger unseres Sports, Fans, Spielern und Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, um sie zum Thema Rassismus zu sensibilisieren, ihr Bewusstsein zu schärfen, Vorurteile abzubauen und sinnvolle und dauerhafte Veränderungen herbeizuführen. Alle im Eishockeybereich Tätigen sollten dazu verpflichtet werden, ein Diversity-Training und eine Diversity-Ausbildung, mit den Schwerpunkten Antirassismus, Geschichte, interkulturelle Kompetenz und Konfliktlösung, zu durchlaufen.

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Es muss ein klares Protokoll darüber geben, wie man mit rassistischen Vorfällen umzugehen hat. Das muss den Trainern, Spielern und Funktionären klar kommuniziert werden, wie dies bei anderen Sportregularien der Fall ist. Es muss eine Plattform geben, auf der Spieler, Fans und Personal rassistische Vorfälle melden können. Diese müssen auch untersucht und sanktioniert werden.

Alle oben genannten Organisationen müssen auch ihre Einstellungspraktiken überdenken. Um unsere Eishockeykultur zu verändern und die vielfältige Gesellschaft, in der wir leben, besser widerzuspiegeln, ist es wichtig, Menschen aus nicht-traditionellem Eishockeyhaushalt einzustellen. Nur so kann der Sport weiterwachsen. Ein Freund von Hockey is Diversity sagte einmal: „Das Gesicht des Eishockeys zu verändern, wird nicht die Kultur des Eishockeys verändern, aber die Eishockeykultur zu verändern, wird das Gesicht des Eishockeys verändern.“

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