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In dem Podcast „Schweißausbruch“ geht es um die Geschichten und Erfahrungen von LGBTQ* Personen im Sport Foto: imago images
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Podcaster Adriano Lenti im Interview „Eine Realität, die über verrückte Sexgeschichten und schrille Partys hinausgeht"

Adriano Lenti will mit seinem Podcast „Schweißausbruch“ Stigmata im Sport brechen. Im Interview spricht er über Tabus, queere Vereine und Vorbilder.

Adriano Lenti (28) moderiert seit November den queeren Sportpodcast "Schweißausbruch", in dem er Profis und Sporttreibende zu ihren Ängsten und Erfahrungen im Sport interviewt. Damit möchte er Stigmata um Queerness brechen. Wie er dazu kam, warum Queerness immer noch so ein Tabu im Sport ist und wo queere Menschen ihre Vereine finden, erklärt Lenti im Interview.

Worum geht es in dem Podcast? Was ist Ihr Ziel?
In meinem Podcast „Schweißausbruch“ geht es um die Geschichten und Erfahrungen von LGBTQ* im Sport. Ich unterhalte mich mit Menschen, die von Hürden sprechen und ihre Erfolgsgeschichten erzählen. Zum einen möchte ich den Zuhörer*innen einen Einblick in die queere Sportwelt ermöglichen, zum anderen möchte ich andere queere Menschen empowern Hindernisse zu überwinden, die ihnen in den Weg gelegt werden.

Welche Hindernisse sind das?
Zum einen ist es im Schulunterricht ganz klar, dass queere Menschen in Schubladen gesteckt werden. Dass sie nicht sportlich sind. Ich möchte Vorbilder bieten, die das Gegenteil zeigen. Es gibt zum Beispiel trans Menschen, die in meinem Podcast über ihre Diskriminierungserfahrungen sprechen. Die unsicher wegen der Duschsituation sind. Das kann trans Menschen abhalten, überhaupt Sport zu machen und sich einen Verein zu suchen. Cis Menschen denken da hingegen gar nicht drüber nach: Werde ich gleich in der Dusche angegriffen? Max war zum Beispiel zu Gast. Er macht Crossfit, ist nach dem Training duschen gegangen und hatte sehr viel Angst davor. Roman hingegen wollte Poledance machen. Dabei gab es die Hürde, dass viele Studios ihn nicht zugelassen haben, da sie nur Kurse für Frauen anbieten. Er musste sehr lange recherchieren.

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Welche Stigmata sollen durch den offenen Umgang mit Queerness im Sport gebrochen werden?
Die Repräsentation von LGBTQ* in den Medien ist meiner Meinung nach momentan sehr einseitig und wenig divers. Ich möchte eine Realität widerspiegeln, die über verrückte Sexgeschichten und schrille Partys hinausgeht.

Zum Beispiel?
Die Realität, dass wir im Alltag stattfinden und uns nicht in irgendwelchen Clubs verstecken. Wir sind in jedem Dorf, jedem Sportverein, jeder Turnhalle. Wir sind nicht immer schrill und bunt und laut. Sondern wir sind immer da, auch ganz still und unauffällig.

Wieso ist Queerness immer noch so ein Tabu im Sport?
Ein großes Problem ist, dass Sport immer noch sehr binär funktioniert. Queere Menschen passen oft nicht in das vorgegebene Muster und die meisten Sportarten haben eine lange Tradition, die sich nur sehr langsam und mit viel Mühe und Kraft anpassen lässt. Fast alle Sportarten werden stigmatisiert. Gewichtheben ist für starke Männer und Poledance für schlanke Frauen. Das macht es schwer für Menschen, die diesen Stereotypen nicht entsprechen ihre Leidenschaft zu entdecken und dieser nachzugehen. Ein weiteres großes Problem ist die Sprache. Auf vielen Sportplätzen wird zum Beispiel schwul immer noch als Ausdruck für etwas Schlechtes benutzt. Am meisten erschreckt mich aber, dass viele queere Menschen schon im Schulsport sehr negative Erfahrungen machen müssen und sich später im Leben nicht mehr trauen sportlich aktiv zu werden.

Mit dem Podcast will Adriano Lenti Stigmata brechen und queere Menschen empowern. Foto: Sophia Emmerich Vergrößern
Mit dem Podcast will Adriano Lenti Stigmata brechen und queere Menschen empowern. © Sophia Emmerich

Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?
Da muss ich überlegen, welche Erfahrung ich nehme. Ich fand es persönlich immer ganz schrecklich, von meiner Bezugsgruppe getrennt zu werden. Ich hing immer mit Mädchen ab. Dann ging der Vorhang in der Mitte der Turnhalle runter und ich musste mit den Jungs Sport machen. Mit denen war ich nicht nah und hatte keinen Bezug. Ich konnte die Übungen nicht machen und ich wusste, dass ich mich lächerlich machen würde. Das prägte mich sehr. Bis heute habe ich Angst vorm Sport. Die anderen Jungs haben dann meist auch tatsächlich gelacht. Im Sportunterricht kommen oft Situationen auf, in denen man vorgeführt wird oder nicht reingepasst hat. Das höre ich auch oft von anderen Menschen, die jetzt meinen Podcast hören.

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Wieso fühlen sich queere Menschen im Sportunterricht so unwohl?
Zum einen ist man in einer Phase, in der sich der Körper verändert und man unsicher ist. Dadurch ist man automatisch verletzlich. Vor allem queere Menschen haben eine zusätzliche Unsicherheit mit ihrer Identität, wer sie sind. Im Sportunterricht dann solch negativen Erfahrungen zu machen, prägt nochmal stärker.

Welche persönlichen Berührungspunkte haben Sie heute mit dem Thema Sport?
Ich selbst war nie besonders sportlich und musste mich sehr überwinden, um zum Sport zu finden. Ich spiele mittlerweile Rugby in einem schwulen und inklusiven Rugbyteam. Immer wieder treffe ich Leute, die ähnliche Geschichten haben und verschiedene Hürden überwinden mussten.

Wo finden queere Menschen queere Vereine?
Es gibt ganz viele unterschiedliche. In Berlin gibt es Seitenwechsel und Vorspiel, das sind große Vereine mit großen Angeboten. Kleine Vereine fokussieren sich meist auf eine Sportart. Ich habe meinen Rugbyverein über das schwul-lesbische Straßenfest gefunden. Es ist cool zu wissen, dass ich nach dem Training von meinem Freund erzählen kann und keine Angst haben muss, ausgelacht zu werden. Am besten kann man aber einfach bei Google suchen.

Welche offen queeren Vorbilder gibt es?
Leider viel zu wenige. Im Rugby gibt es große Vorbilder wie den offen schwulen Schiedsrichter Nigel Owens und den bekannten Spieler Gareth Thomas. In vielen anderen Sportarten fehlt es aber noch an Vorbildern. Ich denke jedoch, dass jede*r Sportler*in ein Vorbild sein kann.

Und vielleicht auch muss?
Gute Frage. Ich würde sagen, leider ja. Queere Sportler*innen haben die Verantwortung, Vorbild zu sein. Solange es nicht normalisiert wird, werden sie immer ganz automatisch Vorbilder sein. Auch wenn es nur um den Sport geht, geht es bei LGBTQ* auch immer um die Identität. Gerade in ländlichen Gegenden ist das wichtig. Dabei geht es nicht nur um den Profisport, sondern vor allem um das Vereinsleben. Die Kinder und Jugendlichen brauchen dort Rollenvorbilder.

Für wen ist der Podcast?
Der Podcast ist für alle queeren Menschen auf der Suche nach LGBTQ* mit ähnlichen Erfahrungen wie den eigenen und für alle Leute, die ihren Horizont erweitern möchten.

Wie oft erscheint eine neue Folge?
Jeden Freitag erscheint eine neue Folge auf allen gängigen Podcastplattformen.

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