Krankenschwester, DHL-Zusteller, Polizistin Unsere Fußball-Elf der Coronavirus-Pause

Dieser Text über Berliner Amateurkicker wurde erstmals im Mai 2020 publiziert. Es geht um die einzig wahre Elf der Coronavirus-Pause.

EMRE DEMIR (SD Croatia), DHL-Zusteller
Es lief perfekt für Emre Demir. Nach einer Verletzung war der Abwehrspieler des Berlin-Ligisten SD Croatia dreimal in Folge als Stammspieler dabei – und alle drei Spiele gewann seine Mannschaft. Doch dann kam das Coronavirus. Seit Anfang März hat der 30-Jährige nicht mehr gespielt. Dafür war im Job umso mehr zu tun. „Es ist wie eine zweite Weihnachtszeit“, sagt der DHL-Zusteller, der seit 2014 seine Tour in Lankwitz fährt. „Aber dieses Mal habe ich fast alle zu Hause angetroffen.“

Viel Lob bekam er für seine Arbeit, auch Trinkgeld. „Und manche Kunden haben meinem Chef sogar lobende E-Mails geschickt, die er dann vorgelesen hat“, sagt Demir. Auch in den schwierigen Phasen handele er nach dem Motto: „Wenn man positiv und gut gelaunt bleibt, dann wird es schon.“ Deshalb glaubt er auch fest daran, dass er und Croatia die Siegesserie irgendwann endlich fortsetzen können.

Sara Dieng hat nicht nur den Ball immer im Blick. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Sara Dieng hat nicht nur den Ball immer im Blick. © Kitty Kleist-Heinrich

SARA DIENG (Rot-Weiß Viktoria Mitte), Polizistin
Sie ist ganz Teamplayerin. „Wir haben uns einfach immer besser eingespielt“, sagt Sara Dieng zur bislang starken Saison ihrer Mannschaft von Rot-Weiß Viktoria Mitte. Dass sie und ihr Team in der Landesliga noch Aufstiegschancen haben, liegt vor allem an der Stürmerin. 38 Tore hat sie in 16 Spielen erzielt, eine überragende Quote. Doch nicht das Toreschießen vermisse sie am meisten, sondern mit ihren Mitspielerinnen auf dem Platz zu stehen, sagt die 30-Jährige. Zuletzt hat das Team zumindest mal eine Taktikeinheit via Zoom-Konferenz abgehalten.

Erklären und kommunizieren muss sie im Beruf seit Beginn der Corona-Eindämmungsmaßnahmen umso mehr – wie alle Polizisten. „Und die allermeisten Leute, etwa in den Parks, waren auch überwiegen sehr einsichtig“, sagt Dieng. Natürlich habe sich die Arbeit in den vergangenen Wochen verändert. Die Polizisten mussten weniger Demonstrationen begleiten, dafür waren sie umso mehr in der Stadt unterwegs. „Aber gerade in diesen Zeiten ist es für mich besonders wichtig den Menschen Stabilität und Sicherheit zu geben“, sagt Dieng.

Und den Aufstieg hat sie dann spätestens für die nächste Saison fest im Blick.

Vergrößern

SANDY DE NICOLO (BSC Rehberge), Krankenschwester
Die vergangenen zwei Monate waren für Sandy de Nicolo extrem herausfordernd. Sie arbeitet als Krankenschwester im Virchow-Klinikum der Charité in Wedding und wechselte im März in die Rettungsstelle.

Fast jeden Tag betreute sie Coronavirus-Fälle. Am Anfang hatte sie auch Angst sich anzustecken. „Aber ich schütze mich ja gut mit Maske, Kittel und Handschuhen und befolge die Regeln“, sagt sie.

Zudem belastet die 27-Jährige die Situation in ihrer Heimat Norditalien: „Zum Glück geht es meiner Familie gut.“ Natürlich fehlte ihr der Fußball beim BSC Rehberge in der 7er-Landesliga. Nur in ihrem Garten konnte die Mittelfeldspielerin, die auch in Italiens zweiter Liga aktiv war, nach der Arbeit kicken.

 Vergrößern

JAN DIETRICH (SV Empor), Lehrer
Momentan ist es für Jan Dietrich nicht einfach, den Überblick zu behalten. Dietrich ist Lehrer an einem Pankower Gymnasium. Einige seiner Klassen sind wieder in der Schule, andere Schüler bekommen die Aufgaben weiter nach Hause.

„Das alles zu koordinieren, ist eine Herausforderung. Aber es funktioniert schon“, sagt der Mittelfeldspieler, der seit über einem Jahrzehnt für den SV Empor in der Berlin-Liga aufläuft. Bei Empor war er schon als Kind eingetreten.

Dietrich unterrichtet Mathe und Sport, die ältesten Schüler stecken in den Abiturprüfungen. „Beim Sport-Abi mussten wir einiges anpassen“, erzählt der 30-Jährige. So fällt die taktische Aufgabe mit vielen Spielern auf dem Platz komplett weg.

Vergrößern

BINTA LANGE (Polar Pinguin), Hebamme
Ständig gibt es neue Richtlinien: Darf man die Schwangere mit Wehen nochmal in den Park schicken? Wie lange ist Besuch am Wochenbett erlaubt? In ihrem Krankenhaus, dem Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikum, misst Hebamme Binta Lange neuerdings den werdenden Müttern die Temperatur und macht Corona-Abstriche - bislang war keiner positiv.

Empathie mit Mundschutz vermitteln, gar nicht so einfach in dieser sehr intimen Situation. Sich ohne Handschlag begrüßen und verabschieden, obwohl man Existenzielles miteinander erlebt, auch nicht.

Es wäre so schön, danach auf den Platz zu dürfen, die Lunge mal so richtig durchlüften. Denn dafür hat Binta Lange ja angefangen, Fußball zu spielen, vor erst zwei Jahren. Seitdem verteidigt die 24-Jährige im Frauenteam der Tempelhofer Polar Pinguine.

Wenn sie sich zu lange nicht bewegt, so wie jetzt während des Corona-Lockdowns, sei sie unerträglich hibbelig, heißt es in ihrer Familie. Früher hat sie Basketball gespielt, Judo und Kickboxen trainiert. Sie brauche das, gezwungen zu werden mal zu sprinten, an ihre Grenzen zu gehen. Jetzt sucht sie sich ausgiebige Strecken auf dem Rad. Das Üben mit dem Ball im Park ist ihr unangenehm. So gut, sagt sie, sei sie noch nicht.

Vergrößern

ENRICO JAKOB (Köpenicker FC), Supermarkt-Angestellter
Wann er zuletzt so viele Wochen keinen Fußball gespielt hat? Daran kann sich Enrico Jakob,29, nicht erinnern. Seit seinem sechsten Lebensjahr kickt er beim Köpenicker SC, später FC, schon sein Vater war dort aktiv.

Trikot und Stutzen musste Jakob erstmal gegen Gummihandschuhe und Plexiglasscheibe eintauschen. Statt Verlängerung gab es Überstunden wegen langer Schlangen voller Hamsterer.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie verbringt er noch mehr Zeit als Abteilungsleiter vom Getränkemarkt und an der Kasse des Rewe in Grünau. Um ihn herum hysterische Kunden, die um Zucker, Mehl und Toilettenpapier rangeln und ihn für den Mangel an Desinfektionsmittel verantwortlich machen.

Und das ausgerechnet, als seine Herrenmannschaft so gut im Flow war: sich nach dem Schiedsrichterstreik in der Hinrunde wieder gefangen hatte, bereit war für eine glorreiche Rückrunde. Die Fifa-Turniere mit den Jungs aus dem Team in den letzten Wochen waren kaum Ersatz für die Abende im Vereinsheim und samstägliches Pilgern zur Alten Försterei.

Um seine Laufstärke als zentraler Mittelfeldspieler nicht ganz einzubüßen, wenn es zumindest mit dem Training bald wieder los geht, traf Enrico Jakob sich zum Joggen mit den Kollegen, rannte mit bei einem Charity-Run, den der Verein organisiert hatte. Kilometerstand: Von Köpenick bis Madagaskar.

Vergrößern

ALEXANDER SMUCK (BSG Vivantes), Pfleger in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Selbstverständlich haben sich Alexander Smuck und seine Teamkollegen etwas einfallen lassen, um die Zeit ohne Fußball zu überbrücken. In ihrer mannschaftsinternen WhatsApp-Gruppe haben sich die Mitspieler gemeinsame Lauf-Aufgaben gestellt, um fit zu bleiben. „Aber das Zusammenkommen und das gemeinsame Kicken fehlt natürlich allen“, sagt er.

Der 35-Jährige arbeitet als Gesundheits- und Krankenpfleger in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain und spielt mit der Unternehmensmannschaft in der zweiten Betriebsfußball-Liga Berlins. Für ihn lief es in dieser Saison sehr gut, sechs Tore erzielte der offensive Flügelspieler in neun Spielen. „Vor allem war das Kicken ein wichtiger Ausgleich“, sagt Smuck. Denn bei der Arbeit stieg die Anspannung seit Mitte März. „Die Krisen für Jugendliche und die Kinderschutz-Fälle nehmen zu“, betont er. Smuck und seine Kollegen haben daher auch mehr Angebote geschaffen.

Seit zwölf Jahren ist Smuck Krankenpfleger. Deshalb hofft er vor allem auf eines: „Vergesst uns nach diesen zwei Monaten Krise nicht. Der Beruf muss attraktiver werden. Ich bekomme zwar eine Zulage und darüber freue ich mich, aber nur vom Klatschen kann ich mir nichts kaufen.“

Vergrößern

DIRK BOBERMIEN (Barnim Eagles), Rettungssanitäter
Als im März die Ausgangsbeschränkungen kamen, waren bei der Arbeit alle da. Weil sie wussten, dass sie gebraucht werden, wie Dirk Bobermien sagt. Bobermien ist als Rettungssanitäter im Krankentransport bei einer Tochterfirma der Charité angestellt: „Wir hatten einen Krankenstand von einem Prozent, so niedrig wie sonst nie“.

Die Anerkennung von vielen Seiten freut den 39-Jährigen. Er hofft, dass die Erinnerung daran die Coronavirus-Krise überdauert. Wenn es beispielsweise darum gehen wird, ob die Beschäftigten zukünftig nach Tarif bezahlt werden.

Erst einmal steht für Bobermien die Rückkehr auf den Fußballplatz an. Er ist Torwart des Freizeitteams Barnim Eagles in Eberswalde. Ab Montag dürfen die Eagles – unter strengen Auflagen – wieder kicken.

Vergrößern

JAKOB GUDE (Eintracht Südring), Kita-Erzieher
Samstagmorgens auf einem Bolzplatz irgendwo in der Pampa bei Nieselregen mit der Freizeitmannschaft von Eintracht Südring überraschend gewinnen: Dann hat Jakob Gude die Sorgen vergessen, die er sich unter der Woche manchmal um seine Kita-Kinder macht.

Seit der Erzieher wegen Corona nicht mehr trainieren kann, fällt dieser angenehme Ausgleich weg. Die nur noch fünf statt 16 Vorschulkinder, die er in seiner Schöneberger Arbeitsstelle notbetreut, können ungeahnt laut sein.

Besonders, wenn sie einem erklären, wie Händewaschen richtig geht, und wer gerade zu wenig Abstand hält. Und auch im Homeoffice wird Gude nicht langweilig: Berichte schreiben, Elterngespräche vorbereiten - Erzieher kann ein erstaunlich papierlastiger Beruf sein.

In der Whatsapp-Gruppe seiner Freizeitmannschaft geht es seit Wochen nicht mehr um den nächsten Gegner, sondern um lustige Corona-Videos und was der Berliner Senat mal wieder Fußballrelevantes beschlossen hat.

Sollte er bald wieder trainieren dürfen, wird Gude schwitzen: Er war weder joggen, noch hat er sich Fitnessapps aufs Handy geladen oder im Park Elfmeterschießen geübt. „Ich bin kein begnadeter Techniker, nicht so der Zauberer“, sagt der 38-Jährige, „aber ich kann gut da stehen, wo ich den Ball reinstolpern muss.“

Vergrößern

JENS WAGNER (Wartenberger SV), Busfahrer bei der BVG
An seinem Job als Busfahrer mag Jens Wagner, 39, vor allem den Kontakt zu den Menschen. Doch den gibt es derzeit kaum, weil die Fahrgäste alle hinten reingehen. „Der direkte Kontakt fehlt mir wirklich“, sagt Wagner. Es freut ihn daher sehr, wenn jemand beim Einsteigen „Guten Morgen“ in seine Richtung ruft.

Was sonst fehlt? „Die Kumpels, das Training, die Spiele.“ Kurz: der Fußball. Wagner spielt beim Wartenberger SV II in der Kreisliga C. Meist in der Abwehr, aber in der Schlussphase einer Partie manchmal auch im Sturm.

Wartenbergs Zweite steht knapp hinten den Aufstiegsrängen. Sollte die Saison weitergehen, will Wagner mit seiner Mannschaft noch den Aufstieg schaffen. Aber wichtiger wäre ihm, „dass wir überhaupt wieder spielen können“.

Vergrößern

DANIELA ROSTEK (DJK FFC Britz), Meisterbereichsleiterin bei der BSR
An den Tag kann sie sich noch genau erinnern. Es war der 18. März, als Daniela Rostek zum bisher letzten Mal einen Fußball geschossen hat, auf einem Bolzplatz. Danach wurde alles gesperrt. Zuletzt gespielt hat die 41-Jährige mit ihrer Mannschaft des DJK FFC Britz II in der 7er-Landesliga Anfang März. Und obwohl Rostek und ihre Teamkolleginnen um den Klassenverbleib kämpfen, vermisst sie die Spiele und das Training. „Besonders die Gemeinschaft fehlt mir“, sagt Rostek.

Die starke Gemeinschaft sei auch bei der Arbeit ein wichtiger Faktor. „Es geht bei uns immer sehr herzlich zu“, betont sie. Rostek ist Meisterbereichsleiterin bei der Straßenreinigung der BSR. In Neukölln ist sie zuständig für mehrere Gruppen mit insgesamt rund 30 Straßenreinigern. „Es musste natürlich einiges umgeplant werden, besonders wegen des Kontaktverbots. Da mussten die Gruppen entzerrt werden“, sagt Rostek.

Zunächst hätte es für die Kollegen auf der Straße sogar etwas weniger zu tun gegeben. Mittlerweile sei es wieder auf Normalniveau, sagt Rostek. „Dafür wird den Kollegen nun auch mal aus dem Fenster zugerufen, welch tolle Arbeit sie leisten.“ Über tolle neue Mitspielerinnen in Britz freut sich Rostek übrigens auch.

Zur Startseite