Obst ist gesund und schmeckt. Aber wirkt es auch Wunder? Foto: Imago/Photocase
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Kolumne Losgelaufen Gesucht wird: das Wundermittel

Was tun gegen Muskelkater? Auf dem Weg zum Berlin-Marathon probiert unser Autor nicht nur Maultaschen und Hotdogs aus – mit unterschiedlichem Erfolg.

Hätte ich doch einmal kurz in den Kalender geschaut. Halbmarathon, Gefängnislauf, Airport Run. Drei Wettkämpfe in nur sieben Tagen. So müssen sich die Spieler vom FC Bayern in englischen Wochen fühlen – wobei, die sind in der Champions League ja schon im Achtelfinale rausgeflogen. Also Eintracht Frankfurt. Wie kommen die Profis da nur ohne Muskelkater durch?

Ich will es wissen und begebe mich bei der Laufmesse im Tempelhofer Flughafen auf die Suche nach dem Wundermittel. Die Stimmung ist super, das Rennen kommt erst noch. Menschen posieren stolz mit ihrer Startnummer, es gibt Maultaschen und Hotdogs. Ob die helfen? „Die Ernährung nach dem Rennen ist der Schlüssel“, sagt Nils, den ich an einem Stand treffe. Er erklärt mir etwas von struktureller und hormoneller Regeneration. Dafür brauche es einen Mix aus Lebensmitteln mit viel Magnesium (Kakao), Zink (Kalbsleber), Selen (Kokosnuss oder Hering) und Bor (Zucchini und Rotwein). Dazu empfiehlt er mir das Wundermittel! Den „Refresher Tropic“. Ein Regenerationsgetränk mit Molkeneiweiß von grasgefütterten Weidekühen. Ich greife gierig zu!

Laufen boomt und mit der steigenden Zahl von Wettkämpfen und Teilnehmern nimmt auch die Zahl der Ausstatter rapide zu. Es gibt Gels, Pulver, Cremes, Riegel, Getränke, Sprays und Sporttapes. Helfen soll alles. Bei der Messe im alten Flughafen wird in zwei Hangars ausgestellt. Gefühlt hat jeder ein Mittel gegen Muskelkater im Angebot. Oliver schwört auf seinen Iso-Drink, Ronald auf die Black Roll und bietet mir eine Kostprobe nach dem Halbmarathon an. Nur am Traubenzucker-Stand macht man mir keine Hoffnung. „Wir sind doch keine Wunderheiler. Der Muskelkater gehört zum Lauf.“

Stimmt nicht, sagt ein paar Meter weiter ein Arzt des Veranstalters. Der kenianische Superläufer Eliud Kipchoge, der am Sonntag mal wieder den London-Marathon gewonnen hat, bekomme trotz 42 Kilometer im Dauersprint keinen Muskelkater. Sein Geheimnis? „Intensive Massagen und eine heiße Dusche“, vermutet der Arzt. Das soll alles sein. Der Mediziner druckst ein wenig. „Vermutlich bekommt er einen Medizin-Cocktail aus Paracetamol, Aspirin und Ibuprofen.“ Und meine Wunderwaffe aus Molkeneiweiß von grasgefütterten Weidekühen? „Das ist vor allem Marketing.“ Verschämt verschweige ich meinen Einkauf.

Dann kommt der große Tag. Halbmarathon. Das Rennen ist hart, es ist warm und ich starte zu schnell. Die letzten Kilometer schleppe ich mich ins Ziel. Horror! In 72 Stunden soll ich wieder an der Startlinie stehen?

Fisch, Kokosriegel, Rotwein

Schnell gönne ich mir den Refresher. Er schäumt, ist klebrig und riecht nach Babykotze. Egal. Dann zu Ronald und seiner Black Roll. 20 Minuten zwingt er mich, meine Muskeln über die Rolle zu schieben. Ich stöhne vor Schmerzen, bilde mir beim Aufstehen aber ein, dass die Beine schon wieder lockerer sind. Jetzt noch schnell etwas Fisch und einen Kokosriegel, später ein Glas Rotwein. Das sollte den Muskelkater besiegen, nur auf die Kalbsleber verzichte ich.

Am nächsten Morgen erwache ich erwartungsfroh. Die ersten Schritte sind eine Genugtuung. Nichts zwickt – das Wundermittel wirkt! Da beginnt mein Magen heftig zu rumoren. Offenbar hat sich niemand Gedanken über die Wechselwirkungen von Molkeneiweiß, Fisch, Kokosnuss und Rotwein gemacht. Ich renne zur Kloschüssel. Nicht das letzte Mal an diesem Tag. Zum Glück habe ich keinen Muskelkater. Noch 149 Tage bis zum Berlin-Marathon.

Felix Hackenbruch ist Volontär beim Tagesspiegel und leitet die Checkpoint-Laufgruppe. Hier schreibt er im Wechsel mit Radsporttrainer Michael Wiedersich.

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