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Jakob Schopf verpasste bei Olympia knapp eine Medaille im Einer, nun startet er außerdem im Vierer. Foto: imago images/Sven Simon
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Immer stärkere internationale Konkurrenz Kanute Jacob Schopf ist ein Grenzgänger

Nicht nur die vielen Rennen bei der WM fordern Schopf. Als Wassersportler ist er ganzjährig zum Reisen gezwungen, auch wenn er das als Umweltsünde bezeichnet.

Für viele Leistungssportler:innen ist 2022 ein schwieriges Jahr. Aufgrund der um ein Jahr nach hinten verschobenen Olympischen Spiele in Tokio hat sich die Vorbereitungszeit bis zu den Spielen in Paris 2024 massiv verkürzt. Das nacholympische Jahr, welches eigentlich dazu genutzt wird, um sich beruflich weiterzuentwickeln und es sportlich ein wenig lockerer anzugehen, fühlt sich entsprechend intensiv an.

Das bekommt der Berliner Kanute Jacob Schopf ganz besonders zu spüren. Der 23 Jahre alte Lehramtsstudent ist zwar bestrebt, auch den nicht-sportlichen Teil der dualen Karriere bestmöglich voranzutreiben. Allerdings lässt sich das nur bedingt vereinbaren mit den neuen Herausforderungen als Leistungssportler: Schopf ist nämlich der Nachfolger von Ronald Rauhe im Kajak-Vierer. Der hatte nach der Goldfahrt von Tokio seine Karriere beendet.

„Es ist ein ganz anderes Boot, auch wenn mit mir nur eine Person neu dazugekommen ist“, sagt Schopf. „Wir sind dabei, auf den gleichen Stand kommen, den die Jungs im letzten Jahr hatten. Aber das braucht Zeit.“ Bei den Weltmeisterschaften im kanadischen Halifax zeigt sich in dieser Woche, wie weit das Quartett um Schopf, Max Rendschmidt, Tom Liebscher und Max Lemke auf seinem Weg bereits vorangekommen ist. Den Vorlauf am Mittwoch gewann das Team schon mal knapp vor der Slowakei.

Die Neuausrichtung in diesem deutschen Paradeboot hat es in sich – für alle Beteiligten. Schopf startete bei Olympia im Einer, wo er als Vierter eine Medaille knapp verpasst hatte, und im Zweier mit Max Hoff, der nach der Silbermedaille seine Karriere wie Rauhe beendet hat. Als stärkster Individualist des Kanuverbandes (DKV) paddelt Schopf auch weiterhin im Einer und muss sich eben gleichzeitig an den neuen Rhythmus mit drei weiteren Kollegen im Boot gewöhnen. „Am Ende ist das Gesamtpaket entscheidend. Wie bei anderen Mannschaftssportarten ist man nicht gut, wenn man nur gute Einzelkönner hat, sondern alles muss zueinander passen“, weiß Schopf.

Erschwerte Belastungssteuerung

Der zweifache Weltmeister muss als Doppelstarter ohnehin besonders intelligent das Training steuern. Bei den 500 Metern im Vierer liegt die Belastung bei einer Minute und zwanzig Sekunden oder sogar leicht drunter. Bei 1000 Metern im Einer liegt die Belastung bei etwa drei Minuten und 30 Sekunden. „Da muss man sich schon breit aufstellen. Es braucht Ausdauer und Schnellkraft. Insgesamt sind viel Mühe und Anstrengung nötig, so vielseitig zu trainieren.“

Die Belastungssteuerung ist in diesem Jahr zusätzlich erschwert, weil nur zwei Wochen nach den Finalläufen in Kanada die Wettkämpfe der Heim-Europameisterschaft in München anstehen, die Teil der European Championships sind. Insgesamt neun Sportarten küren im August die Besten des Kontinents in der bayerischen Landeshauptstadt.

Dass es für einige deutsche Sportler:innen nicht ganz so einfach, den richtigen Fokus in diesem Jahr zu setzen, zeigte sich jüngst bei der Leichtathletik-WM in den Vereinigten Staaten. Das sehr durchwachsene Abschneiden des deutschen Teams mit nur einer Gold- und einer Bronzemedaille wurde teilweise auch damit erklärt, dass die kommenden Wettkämpfe vor den eigenen Fans sogar höher zu bewerten sind als das Event in Oregon.

Bei den Olympischen Spielen holte der deutsche Kajak-Vierer die Goldmedaille, nun soll Jacob Schopf für Ronald Rauhe übernehmen. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Bei den Olympischen Spielen holte der deutsche Kajak-Vierer die Goldmedaille, nun soll Jacob Schopf für Ronald Rauhe übernehmen. © picture alliance/dpa

Eine schwierige Bewertung, wenn es nach Kanute Schopf geht. „Die Wettkämpfe in München sind wichtig, weil wir hier mehr im Fokus stehen, zudem sind Freunde und Familie anwesend.“ Aber eine WM sei sportlich doch höher zu bewerten. Nicht nur wegen der stärkeren Konkurrenz, sondern weil hier auch Fördergelder auf dem Spiel stehen. Die zum Beispiel für Lehrgänge benötigt werden.

Die Herausforderungen steigen angesichts einer immer stärker werdenden internationalen Konkurrenz. Für den Kanu-Weltverband und seinen deutschen Präsidenten Thomas Konietzko, der zuvor lange den DKV geführt hatte, ist das ein gutes Zeichen. Gerade auch auf den Märkten außerhalb Europas zu wachsen, ist erklärtes Ziel der Branche. „Wir haben ein gewisses Maß an Präsenz und Popularität in Europa erreicht. Wir werden das nicht mehr groß steigern können“, sagt Konietzko. „Der Wachstumsmarkt liegt in Asien und Nordamerika. Mit den Spielen in Los Angeles 2028 ist es ein Muss für uns, dass wir dort präsenter werden.“

Den ökologischen Fußabdruck halbieren

Obwohl die Weltmeisterschaften im kommenden Jahr in Duisburg stattfinden, sind die anstehenden Wettkämpfe in Kanada ein klarer Fingerzeit, wohin die Reise geht. Zukünftig dürften ganze Weltcup-Serien außerhalb des europäischen Kontinents stattfinden, womit Schopf und Kollegen zukünftig weite Reisen auf sich nehmen zu müssen für Wettkämpfe. Bislang mussten sich die Athlet:innen anderer Kontinente auf den Weg nach Europa begeben. „Ich glaube nicht, dass der Aufwand so viel größer wird, nur weil eine WM mal in Brasilien oder wie jetzt in Kanada stattfindet“, sagt Schopf. „Ich bin zwei Drittel des Jahres ohnehin nicht zu Hause und auch nicht in der Uni.“

Viel größer wird ohnehin die Herausforderung sein, die angestrebten Klimaziele zu erreichen. Der Kanu-Weltverband (ICF) ist 2021 dem United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) beigetreten und hat sich somit verpflichtet, den ökologischen Fußabdruck bis 2030 zu halbieren. Die Wassersportler bekommen die Auswirkungen des Klimawandels fast täglich zu spüren.

„Wenn man bei einem Lehrgang in Kienbaum an den Rand des Sees paddelt, sieht man an den Wassergrenzen ganz eindeutig, dass der Wasserspiegel gefallen ist“, sagt Schopf.

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Der Kanu-Weltverband möchte einen Beitrag leisten, um den Klimawandel zumindest einzudämmen. Das beginnt damit, die Reiserouten zwischen den einzelnen Wettkämpfen zu verkürzen. Dazu gehört auch, den Transport des Equipments umweltverträglicher zu organisieren. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft im September in diesem Jahr wird zudem erstmals ein Pre-Booking-System für den Bustransport eingeführt. „Bisher gab es Buslinien, die alle halbe Stunde von morgens um 8 Uhr bis abends um 19 Uhr vom Hotel zur Strecke gefahren sind“, sagt Präsident Konietzko.

„Manche Busse waren proppenvoll und manche waren komplett leer. Jetzt haben wir die Teams gebeten, ihre Abfahrten vorzubuchen, so dass wir die Busse gezielt einsetzen und die Zahl der Fahrten auf das wirklich Nötige reduzieren.“

Speziell die deutschen Athleten werden – wenn sie zur Weltspitze gehören wollen – auch weiterhin im Winter zu Trainingslagern in weit entfernten Gefilden reisen müssen. „Wer im Dezember seine Hand ins Wasser hält, merkt, dass es nicht gerade angenehm ist“, sagt Schopf. „In den kalten Jahreszeiten kann man qualitativ und quantitativ nicht viel arbeiten.“ Daher müsse man der Kälte entfliehen. Nach Florida zum Beispiel, wo besonders gute Bedingungen vorherrschen. „Diese Umweltsünde ist uns bewusst, aber leider unumgänglich“, so Schopf.

Insbesondere für ihn persönlich und die Besatzung des Kajakvierers ist jede gemeinsame Minute wichtig, „damit wir zu einer schnellen funktionierenden Maschine werden“. In diesen Tagen in Halifax, aber auch dann auf dem Weg nach Paris 2024.

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