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Großer Jubel beim FSV Mainz 05, hier nach dem Siegtor in Köln vor einigen Wochen. Foto: imago images/Mika Volkmann
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Im Winter fast Absteiger, nun kurz vor dem Klassenerhalt Darum ist Mainz 05 das Team der Stunde in der Bundesliga

Johann Schicklinski

Mit drei alten Bekannten neben dem Spielfeld und klugen Transfers hat der FSV den Weg aus dem Keller geschafft. Jetzt geht es zu Hause gegen Hertha BSC.

Zu Beginn des Jahres war eigentlich nicht die Frage, ob der 1. FSV Mainz 05 absteigt, sondern eher wann. Sechs Punkte aus 13 Spielen lautete damals die für die Rheinhessen historisch schlechte Ausbeute, nach der Hinrunde waren es sieben Zähler. Noch nie hat eine Mannschaft mit dieser Zwischenbilanz am Ende die Klasse in der Bundesliga gehalten.

Doch nach mittlerweile 30 Spielen steht das Team in der Fußball-Bundesliga auf Rang zwölf, die historische Rettung scheint zum Greifen nah. Zuletzt wurde sogar der FC Bayern geschlagen. Die 05er weisen (bei zwei Spielen mehr) acht Zähler Vorsprung auf Hertha BSC auf Rang 17 auf, obwohl Hertha nach der Hinserie noch satte zehn Punkte vorne lag. Am Montag trifft Mainz auf die Berliner (18 Uhr, live bei Sky).

Ein wichtiger Faktor für die sportliche Wiederauferstehung war die Neubesetzung der „Kommandozentrale“. Ende Dezember kehrten der langjährige Manager Christian Heidel als Sportvorstand sowie der frühere Trainer Martin Schmidt als Sportdirektor zurück. Mit einer der ersten Amtshandlungen wurde Bo Svensson Anfang Januar als neuer Trainer installiert.

Svensson war dem FSV sogar eine Ablöse von knapp 1,5 Millionen Euro an den FC Liefering wert. Vor seiner Zeit beim österreichischen Zweitligisten war der 41-Jährige von 2007 bis 2019 als Spieler und Nachwuchstrainer in Mainz tätig. Als Profi konnte er damals von Coaches wie Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel viel lernen. Über Svensson heißt es, er habe bereits als Spieler wie ein Trainer gedacht.

Das Trio in der Verantwortung eint eine Vergangenheit im Klub, sie besitzen – und das ist in Mainz keine Phrase, sondern ein Faktor, an dem andere schon gescheitert sind – die sogenannte „05-DNA“. Svensson, Heidel und Schmidt arbeiten zielorientiert und unaufgeregt, sowohl in ihrem jeweiligen Bereich als auch miteinander.

Der „Mainzer Weg“ bringt den Erfolg

Auch hierfür gibt es mit dem viel zitierten „Mainzer Weg“ eine Begrifflichkeit. Dieser beinhaltet, dass von Anfang an war klar war, dass es im Falle eines Abstiegs einen Neuanfang in eben dieser Besetzung in Liga zwei geben wird.

Ein Vertrauensvorschuss, der zum Teil in der Vergangenheit begründet liegt, aber mit dem vor allem vermieden werden sollte, dass Entscheidungen kurz- statt langfristig getroffen werden. Man wollte sich vor dem im Abstiegskampf sonst omnipräsenten Aktionismus schützen.

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Die drei Protagonisten haben den in der Hinrunde chronisch unruhigen Verein – so gab es etwa einen Spielerstreik sowie Machtkämpfe in der Führungsebene des Klubs – zur Ruhe gebracht. Die Grundvoraussetzung, um wieder strukturierter und erfolgreicher Fußball zu spielen.

Unter diesen Rahmenbedingungen gewann die Mannschaft an Stabilität. Vermeintliche Auslaufmodelle wie Stefan Bell oder Adam Szalai kehrten bei Svensson auf den Rasen zurück, Bell sogar als Stammkraft und Abwehrchef. Der 29-Jährige dirigiert trotz seines Geschwindigkeitsdefizits lautstark die Dreier- oder Fünferkette, schließlich hat er mit Jeremiah St. Juste und Moussa Niakhaté zwei Verteidiger neben sich, die höchstes Tempo gehen können.

Routinier Bell gibt den Takt vor, löst viele Situationen mit Antizipation und Stellungsspiel, bevor sie brenzlig werden. Das Konstrukt funktioniert, 13 Gegentreffer hat Mainz in der Rückrunde bisher kassiert – der viertbeste Wert der Liga.

Trainer Bo Svensson kam Anfang des Jahres vom FC Liefering aus Österreich nach Mainz. Foto: dpa Vergrößern
Trainer Bo Svensson kam Anfang des Jahres vom FC Liefering aus Österreich nach Mainz. © dpa

Bell ist auch als Führungsspieler zurück. Sein Wort findet in der Mannschaft Gehör, der reflektierte und kritische Profi gilt als meinungsstarker Leader. Er bildet mit Torhüter Robin Zentner und den Mittelfeldspielern Danny Latza sowie Dominik Kohr ein Gerüst, an dem sich die anderen Spieler aufrichten können.

Sie geben der Mannschaft Halt, die in der Hinrunde beim geringsten Rückschlag in sich zusammenfiel. Das Selbstvertrauen in die eigenen Stärken ist wieder da – daran hat neben den Führungsspielern auch Coach Svensson seinen Anteil.

Wintertransfers schlagen ein

Zum  Aufschwung in der Rückrunde haben auch die Wintertransfers beigetragen. Sechser Kohr sowie Rechtsverteidiger Danny da Costa sind vom Nachbarn Eintracht Frankfurt für ein halbes Jahr ausgeliehen worden. Kohr gibt den spielstarken Abräumer, der nach Balleroberung sofort versucht, den Gegenangriff zu initiieren.

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Da Costa ist ein echter Flügelflitzer, der sich für keinen Weg zu schade ist. Zudem ist der 27-Jährige ein positiver Typ und als Stimmungskanone wichtig für das Klima innerhalb des Teams.

Der dritte Neue wurde ebenfalls auf Leihbasis verpflichtet: Stürmer Robert Glatzel kam von Cardiff City. Er wurde behutsam an die Bundesliga, die Neuland für ihn war, herangeführt. Tore beim Punktgewinn in Leverkusen und beim Sieg in Hoffenheim sowie sein Assist zum Siegtreffer gegen Freiburg belegen, dass sich auch dieser Transfer bezahlt gemacht hat.

27 Punkte hat Mainz in der Rückrunde geholt und ist Fünfter dieser Tabelle. Bei einem Sieg gegen Hertha wäre es sogar Platz zwei. Wichtiger noch: Mit einem Erfolg am Montag könnten die 05er quasi den Klassenerhalt klarmachen. „Da müssen wir bereit sein und punkten, ansonsten nützt der Sieg nichts", sagte Sportdirektor Schmidt schon nach dem Sieg gegen die Bayern.

Trainer Svensson ist guter Dinge: „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir satt sind.“ Sollten sie auch nicht, denn wenn etwas gegen Svenssons Mannschaft spricht, dann das Restprogramm. Nach Hertha warten Frankfurt, Dortmund und Wolfsburg. Spätestens am 22. Mai wird sich zeigen, ob Mainz Bundesligageschichte geschrieben hat. Vielleicht ja auch schon viel früher.

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