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Einen Fahnenumzug wird Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller (r.) wegen der aktuellen Bilanz von Hertha BSC ganz sicher nicht veranstalten. Die Verluste sind immens. Aber es hätte auch viel schlimmer kommen können. Foto: imago images/Contrast
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Hertha BSC vor der Mitgliederversammlung Die Brisanz ist raus

Die Finanzen von Hertha BSC sind nicht gut, aber auch nicht existenzbedrohlich. Und beim Thema Stadion sieht es besser aus, als es scheint.

Wer einen plastischen Eindruck davon bekommen will, welche finanziellen Auswirkungen die Corona-Pandemie auf einen Verein wie Hertha BSC hat, der muss bei der Gewinn- und Verlustrechnung des Vereins nur einen Blick auf das Kreisdiagramm mit den Erträgen werfen. 105,2 Millionen Euro hat der Berliner Fußball-Bundesligist im vergangenen Geschäftsjahr eingenommen. Der Posten Spielbetrieb ist dabei in der Grafik nur ein dünner Strich und mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Von den 105,2 Millionen ist es die 2 hinter dem Komma.

200.000 Euro hat Hertha bei den Heimspielen der Saison 2020/21 eingenommen. Denn nur zu Saisonbeginn waren zweimal überhaupt Zuschauer zugelassen, insgesamt 8000. Andererseits schlug der Spielaufwand mit 20,1 Millionen Euro zu Buche.

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Selbst wenn Hertha die Miete bisher wohl nur zur Hälfte überwiesen hat, ist das eine riesige Belastung. Auch deshalb bemüht sich der Klub mit Macht um eine Reduzierung. Inzwischen haben sich der Verein und die Olympiastadion GmbH immerhin auf ein verbindliches Schiedsverfahren verständigt. „Wir haben die berechtigte Zuversicht, dass wir mit unserem Anspruch Gehör finden“, sagte Ingo Schiller, Herthas Sportgeschäftsführer, am Donnerstag in einem Mediengespräch.

An diesem Sonntag wird er die Bilanz, die ohnehin schon länger bekannt ist, auch bei der Mitgliederversammlung präsentieren. Die Zahlen sind vor allem durch die Auswirkungen der Pandemie geprägt. Die Hälfte des Jahresfehlbetrags von 78 Millionen Euro führt Schiller auf Corona zurück. „Das ist etwas, das den Kaufmann nicht erfreut, aber unvermeidbar war“, sagte er. Anderseits sind die Verbindlichkeiten dank des Investors Lars Windhorst um rund 40 Millionen auf jetzt knapp 100 Millionen Euro reduziert worden.

„Wir sind überproportional stark beim Ergebnis betroffen“, sagte Schiller, der die coronabedingten Mindereinnahmen bis zum Ende der aktuellen Saison auf 100 Millionen Euro bezifferte. Beim Eigenkapital stehe Hertha hingegen dank des Investors deutlich besser da als große Teile der Konkurrenz. Schiller sprach daher einen ausdrücklichen Dank an Windhorst aus. Sein Investment bringe Hertha in eine vergleichsweise gute Lage und garantiere ein hohes Maß an Planungssicherheit und Stabilität.

Lars Windhorst spricht nicht bei der Mitgliederversammlung

Ursprünglich hatte Windhorst bei der Mitgliederversammlung persönlich vorsprechen und sich den Mitglieder vorstellen wollen. Durch die Absage als Präsenzveranstaltung sieht er davon nun allerdings ab. Auf Anfrage erklärte sein Sprecher, dass Windhorst sich entschieden habe, damit bis zur nächsten Mitgliederversammlung zu warten. Zurzeit befinde er sich geschäftlich in den USA.

Ein Auftritt Windhorsts hätte durchaus brisant werden können, so wie auch der eine oder andere Antrag, der schon vorab einige Aufregung ausgelöst hatte. Bei Herthas Heimspiel vorigen Sonntag hing ein Banner der organisierten Fans am Eingang des Olympiastadions. „Stadionanträge ablehnen. Hertha nur in Berlin“, stand darauf. Der geplante Stadionneubau und die Suche nach einem geeigneten Standort sind nach wie vor ein hoch emotionales Thema.

Klaus Teichert, eine Zeitlang Herthas Stadionmanager, hatte den Antrag eingereicht, dass der Klub die Suche nach einem Standort in Brandenburg noch einmal forcieren solle. Die Mitglieder hatten das bereits bei früherer Gelegenheit entschieden abgelehnt. Und auch das Präsidium hat sich in einem aktuellen Beschluss klar gegen den Antrag ausgesprochen, den Teichert jetzt erst einmal zurückgestellt hat. Bei der nächsten Mitgliederversammlung, die wieder in Präsenz stattfinden kann, will er ihn allerdings erneut auf die Tagesordnung setzen lassen.

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In einem zweiten Antrag zu diesem Thema wurde gefordert, dass sich Hertha gleich auf Ludwigsfelde als Standort für das Stadion festlegen solle. Das ist allerdings schon dadurch hinfällig, dass das Grundstück, das der Klub in Ludwigsfelde als möglichen Ort für das Stadion identifiziert hatte, inzwischen gar nicht mehr verfügbar ist.

Dass Brandenburg überhaupt wieder im Gespräch ist, hängt auch mit dem zunehmenden Unmut der Hertha-Fans über die Berliner Politik zusammen. Die private Initiative „Blau-weißes Stadion“ hatte zuletzt beklagt, dass die Stadionfrage im Koalitionsvertrag des neuen Senats mit keinem Wort erwähnt worden sei. Auch deshalb war der Eindruck entstanden, dass die Politik an ihrer Hinhaltetaktik festhalte und es daher in der Sache immer noch nicht vorangehe.

Die Mehrheit der organisierten Fans ist trotzdem nicht nur gegen einen Standort in Brandenburg. Sie ist auch dagegen, einen möglichen Wegzug aus Berlin zur Drohkulisse aufzubauen. Nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus und einigen personellen Veränderungen bei den politischen Entscheidungsträgern sieht es in der Angelegenheit auch bei weitem nicht so trist aus, wie es zuletzt von außen den Anschein hatte. Für Februar jedenfalls ist der nächste Runde Tisch mit Vertretern der Fans, des Vereins und der Politik terminiert.

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