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Weil die Mannschaft vor der EM nicht in Turnierform fand, zog Deschamps seinen letzten Trumpf und holte Karim Benzema zurück. Foto: dpa/ Daniel Mihailescu
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EM-Aus gegen die Schweiz Frankreich zerfällt in seine starken Einzelteile

Luca Füllgraf

Am bisher besten EM-Tag schlägt die Schweiz Weltmeister Frankreich im Elfmeterschießen – auch weil Trainer Deschamps aus seinen Stars keine Einheit machte.

Der Spieltag begann wie die Europameisterschaft – nämlich mit einem Eigentor, einem kuriosen noch dazu. Dem spanischen Torwart Unai Simon springt ein holpriger Rückpass über den Fuß und rollt ins Tor. Es war bereits das neunte Eigentor des Turniers, so viele Eigentore fielen zuvor bei allen Europameisterschaft zusammen. Nur der slowakische Keeper sah noch unglücklicher – sprich dämlicher – aus, als er sich gegen Spanien orientierungslos den Ball ins eigene Tor boxte.

"Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen wie es ausgeht", sagte schon der erste deutsche Weltmeistertrainer Sepp Herberger und die beiden Achtelfinals Spanien gegen Kroatien und Frankreich gegen die Schweiz hatten alles, was ein gutes Fußballspiel braucht: Viele Tore, Leidenschaft, Überraschungen, späte Entscheidungen. Und noch einige Extras: Helden und tragische Helden, Slapstick-Momente und zu guter Letzt ein Elfmeterschießen..

Beide Spiele hatten verblüffende Gemeinsamkeiten. Jeweils mehr als 22.000 sahen die Partien und Kopenhagen und Bukarest und machten gut Stimmung.. In beiden Fällen ging der Außenseiter früh mit 1:0 in Führung, dann übernahm der Favorit das Ruder, drehte die Partie und sah beim Stand von 3:1 wie der Sieger aus.

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In der letzten zehn Minuten machte dann jeweils der Außenseiter das Unmögliche möglich und schaffte noch das 3:3. Die Schweiz glich in der 90. Minute aus, Kroatien sogar noch zwei Minuten später in der Nachspielzeit. Beide Spiele hatten mehr Wendungen, als manche Bundesligasaison des FC Bayern. Das Momentum wechselte ständig hin und her.

Spanien gewann am Ende mit 5:3 nach Verlängerung gegen Kroatien. Beide Mannschaften machten zusammen acht Tore und trotzdem war es nicht das Spiel des Tages. Zwei wichtige Komponenten hatte das Spiel Schweiz gegen Frankreich ihm nämlich voraus: Dort gewann der Außenseitiger tatsächlich und das in der knappsten Situation, die es im Fußball gibt, im Elfmeterschießen.

Der schönste Treffer von Pogba

Insgesamt fielen an diesem Abend 14 Treffer. Das sind mehr als in der gesamten Gruppe D mit Kroatien und England in der Vorrunde. Der schönste Treffer gelang wahrscheinlich Frankreichs Paul Pogba, der den Ball aus 25 Metern in der Winkel schraubte und anschließend aufreizend lässig jubelte. Der Schweizer-Elfmeter-Held Yann Sommer erklärte nach dem Spiel, dass genau dieser Moment den Schweizern noch mal Kraft gegeben hätte, weil sie sich nicht vorführen lassen wollten.

Dabei drohte bereits der Schweizer Ricardo Rodriguez zum tragischen Helden des Abends zu werden. Er scheiterte in der 55. Minute vom Punkt an Hugo Lloris. Verschossene Elfmeter, auch das ist so eine Spezialitäten dieser EM. Fünf Minuten später lag Frankreich durch zwei Treffer von Karim Benzema vorne, dann traf auch noch Pogba. Die Partie schien längst gekippt.

Superstar Kylian Mbappe nach seinem entscheidenden Fehlschuss im Elfmeterschießen. Foto: imago images/Shutterstock Vergrößern
Superstar Kylian Mbappe nach seinem entscheidenden Fehlschuss im Elfmeterschießen. © imago images/Shutterstock

Es sah aus, als würde Didier Deschamps wieder als Sieger vom Platz gehen, nicht nur gegen die Schweiz, sondern auch gegen seine Kritiker, wie schon beim WM-Sieg 2018. Seine Taktik, sich mit dem wohl besten Kader der Welt vor allem aufs Verteidigen zu fokussieren, ist für viele eine Qual. Im besten Fall ist die Idee pragmatisch und erfolgreich, im schlimmsten Fall ein Verbrechen am Fußball.

Weil die Mannschaft vor der EM nicht zur Turnierform fand, zog Deschamps seinen letzten Trumpf und holte Karim Benzema zurück. Seit Ende 2015 war Benzema nicht mehr nominiert worden. Damals soll er in eine Erpressung seines Mitspielers Mathieu Valbuena verwickelt gewesen sein.

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Deschamps tat mit der Rückholaktion das, was er am Besten kann: auf einzelne Stars vertrauen. Anstatt seine Spielidee an den überragenden Kader anzupassen, stellte er einfach Weltklassestürmer Benzema gemeinsam mit den anderen Ausnahmespielern Antonie Griezmann und Kylian Mbappe in den Sturm und hoffte, dass die individuelle Klasse schon reichen wird.

Das nächste Spektakel kommt

Schon vor dem Gruppenspiel gegen Deutschland gab es erste Risse im Bild. Stürmer Olivier Giroud, der für Benzema weichen musste, beschwerte sich über zu wenig Abspiele von Kylian Mbappe, der nur mit Mühe von Trainer Deschamps davon abgehalten werden konnte, sich in einer Pressekonferenz zu erklären.

Gegen die Schweiz zerlegte sich die Mannschaft dann endgültig in ihre Einzelteile. Die Schweizer auf der anderen Seite zeigten gegen den Weltmeister Nehmerqualitäten. Selbst in der Verlängerung drängte der Außenseiter noch auf den Treffer, suchte keinesfalls sein Glück nur im Elferschießen.

Jetzt treffen die Schweiz und Spanien im Viertelfinale aufeinander. Nach den Spielen vom Montag darf dort wieder ein Spektakel erwartet werden, auch wenn nur einer der beiden weiterkommen kann.

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