Steile Karriere: Sky Brown ist in der Szene ein Star. Foto: Xinhua/Imago
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Diskussion um Altersgrenze bei Olympia Wo Kinder zu Hochleistungsmaschinen werden

Eine elfjährige Skateboarderin trainiert für Olympia und verletzt sich lebensgefährlich. Der Druck von Eltern und Sponsoren ist hoch. Ist das Kindern zumutbar?

Das Video ist in vielerlei Hinsicht schwer zu ertragen. Es zeigt ein Mädchen im Krankenbett, das rechte Auge ist blau und zugeschwollen. Aus dem Off ertönt ein dramatisches Piano, die elf Jahre alte Sky Brown, ein T-Shirt ihres Sponsors Nike tragend, beginnt zu sprechen: „Normalerweise rede ich nicht über meine Unfälle, weil ich will, dass die Leute sehen, welchen Spaß ich habe.“ Dann macht sie eine Kunstpause, es ertönen Streicher im Hintergrund.

„Aber das“, sagt Brown und schluckt, „war mein schlimmster Unfall.“ Man solle sich um sie jedoch keine Sorgen machen. „Es ist ok, wenn man manchmal hinfällt“, sagt sie altklug und blickt zusammen mit ihren Teddys in die Kamera. „Ich werde aufstehen und noch härter arbeiten.“ Kurz darauf verstummt die Musik. Mehr Inszenierung und Rührseligkeit gehen kaum. Und man will sich gar nicht vorstellen, wie oft das schwer verletzte Mädchen das Script zu dem Video auf ihrem Youtube-Channel „Sky & Ocean“ durchgehen musste, bevor alles passte.

Wenige Tage vor der Aufzeichnung des Clips, Ende Mai, hatte Sky Brown mit ihrem Skateboard in einer Rampe Schwung geholt für einen weiten Sprung auf eine nebenstehende Halfpipe. Brown verpasste das Ziel und stürzte aus ungefähr fünf Metern auf den Boden. Sie brach sich den Schädel und schwebte in Lebensgefahr.

Inzwischen geht es ihr wieder besser. Fast so, als wäre nichts gewesen, präsentierte sie vor wenigen Tagen ihr Buch mit dem Titel „Sky’s the Limit“ („Der Himmel ist die Grenze“). Auch an ihrem Ziel, einer Teilnahme an den Olympischen Spielen, hält sie trotz des Unfalls fest. Die junge Britin Brown wird darin unterstützt von ihren Eltern und – natürlich – von ihrem Sponsor Nike.

Sie ist dabei nur eines von vielen Kindern, die im nächsten Jahr in Tokio dabei sein wollen. Der Star bei den Jungs ist der Brasilianer Gui Khury. Der Elfjährige, ebenfalls gesponsert von Nike, schaffte jüngst als erster Skateboarder einen Ten-Eighty, also eine dreimalige 360-Grad-Drehung in der Luft. Auch die 13-jährige Berlinerin Lilly Stoephasius hofft auf eine Olympia-Teilnahme im Skateboarden. Das Beispiel Sky Brown zeigt allerdings, dass zu viel sportliche Ambition im Kindesalter ein Problem sein kann. Und dass Eltern, Sponsoren und auch Sportveranstalter offenbar an ihre Sorgfaltspflicht gegenüber den Kindern erinnert werden müssen.

Bei den Olympischen Spielen gibt es keine Altersbeschränkungen

Der Ausrichter der Olympischen Spiele, das Internationale Olympische Komitee (IOC), erhebt grundsätzlich keine Altersbeschränkungen. Es überlässt die Entscheidung darüber den internationalen Fachverbänden. Während etwa die Turner mindestens 16 Jahre alt sein müssen, gibt es bei den Skateboardern kein Mindestalter.

Kinder bei Olympia haben eine lange und umstrittene Tradition. In Zeiten, in denen noch der Kalte Krieg in Turnhallen und Schwimmbecken herrschte, waren sie zu Hochleistungsmaschinen gedrillt worden. Auch heute noch müssen Kinder speziell in China ein radikales Trainingspensum abspulen, um möglichst bei den Olympischen Spielen erfolgreich zu sein.

Internationaler Star: Sky Brown hat es schon mit elf Jahren zu großer Bekanntheit gebracht. Foto: AFP Vergrößern
Internationaler Star: Sky Brown hat es schon mit elf Jahren zu großer Bekanntheit gebracht. © AFP

Von einem Drill kann nun bei der Skateboarderin Brown und ihren jungen Mitstreitern weniger die Rede sein. Wohl aber davon, dass manche von ihnen dem Zwang unterworfen sind, an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Im Skateboarden heißt das, dass sie Tricks und Sprünge versuchen, die ziemlich riskant sind.

Mindestens genauso problematisch wie die hohen sportlichen Anforderungen bei Olympischen Spielen ist für die Kinder die damit einhergehende Öffentlichkeit. Ist ein Kind mit elf oder zwölf Jahren schon in der Lage zu reflektieren, was das Rampenlicht bedeutet?

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Franziska van Almsick ist eine gute Gesprächspartnerin zu diesem Thema, weil sie sehr früh im Scheinwerferlicht stand. Die gebürtige Ostberlinerin war gerade mal 14 Jahre alt, als sie 1992 zu den Olympischen Spielen nach Barcelona reiste. Sie kam mit zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen zurück und war der erste gesamtdeutsche Sportstar nach dem Fall der Mauer. Die Deutschen hatten plötzlich ein Wunderkind im Becken, gediehen in der DDR, zur Blüte gebracht in Gesamtdeutschland.

Fortan stand van Almsick im Fokus der Medien. Sie war kein durchschnittliches Kind mehr, sie war plötzlich prominent, mit all den Begleiterscheinungen. Mit hymnischen Lobliedern auf sie genauso wie später mit Verunglimpfungen etwa durch den heutigen Bild-Kolumnisten Franz-Josef Wagner, der sie im Jahr 2000 als „Franzi van Speck“ bezeichnete.

Wunderkind: Franziska van Almsick gewann schon als 14-Jährige Olympia-Medaillen. Foto: Carsten Rehde/dpa Vergrößern
Wunderkind: Franziska van Almsick gewann schon als 14-Jährige Olympia-Medaillen. © Carsten Rehde/dpa

Wenn van Almsick heute zurückblickt, bereut sie ihre frühe Sportlerkarriere nicht. „Ich hatte eine wundervolle Kindheit und nie das Gefühl, durch den Leistungssport etwas verpasst zu haben“, erzählt sie dem Tagesspiegel. Außerdem profitiere sie von ihrem Bekanntheitsgrad. So hat sie vor einigen Jahren eine Stiftung gegründet, die sich dafür einsetzt, dass möglichst alle Kinder das Schwimmen lernen. „Wäre ich nicht der frühere Sportstar, würde sich dafür kein Mensch interessieren“, sagt sie.

Doch es gibt auch die Kehrseite des Ruhms. „Eigentlich wollte ich nie eine öffentliche Person sein“, sagt van Almsick, „ich bin nicht für den Applaus geboren und froh, wenn ich mich zurückziehen kann.“ Das Leben der im Wesenskern öffentlichkeitsscheuen Franziska van Almsick kippte aber in einem Alter in eine wegweisende Richtung, in dem sie die Folgen kaum abschätzen konnte. Dass sich zum Beispiel bei Misserfolgen die Wagners dieser Welt über ihr Äußeres lustig machten oder dass ständig irgendwelche Fotos von ihr und ihren Partnern auf den Illustrierten erschienen – auf all das hätte sie allzu gerne verzichtet.

„Man sollte ein generelles Mindestalter bei Olympia einführen“

Von dem neuen Trend, dass bei Olympischen Spielen in Sportarten wie Skateboarden bereits Kinder mit elf oder zwölf Jahren teilnehmen wollen, hält sie nichts. „Man sollte ein generelles Mindestalter bei Olympia einführen“, findet van Almsick. „Mit elf Jahren hat man Zeit zu warten, und das sollten Kinder auch tun. Ich denke nicht, dass Kinder in diesem Alter die Reife haben zu verstehen, was alles passiert.“

So sieht das auch der Wissenschaftler Heinz Reinders. Der 47-Jährige forscht seit vielen Jahren zum Thema Begabungsförderung. An der Universität Würzburg leitet er zudem das Nachwuchsförderzentrum für junge Fußballerinnen. Reinders hält eine Olympiateilnahme von Kindern aus zweierlei Sicht für grundlegend falsch.

„Das Kindesalter ist identitätsbildend für einen Menschen. Wer in frühen Jahren in solch einem Kontext scheitert, kann nachträglichen Schaden davontragen – auch körperlich“, sagt er. Schließlich seien die Anforderungen bei Olympia derart hoch, dass sie niemals gut sein könnten für die körperliche Entwicklung eines Kindes. „Zumal die Bewegungsmuster im Hochleistungsbereich häufig einseitig und stereotyp sind.“

Besonders problematisch ist der Leistungssport in sehr jungen Jahren dann, wenn die Motivation am Sport weniger von den Kindern selbst, sondern mehr von den Eltern ausgeht. Reinders hat in seinem Nachwuchsförderzentrum in Würzburg schon alles gesehen: Motivierte und talentierte Fußballerinnen, deren Eltern mit dem Sport ihrer Kinder nicht viel anfangen konnten. Aber auch Eltern, die ihre Kinder schon eher zum Fußball hinschleppen mussten. „Wir nehmen bewusst keine Mädchen von Eltern an, bei denen wir merken, dass die Eltern es mehr wollen als die Kinder selbst“, sagt Reinders.

Sprunggewaltig: Sky Brown konnte schon mit drei Jahren Skateboard fahren. Foto: Reuters Vergrößern
Sprunggewaltig: Sky Brown konnte schon mit drei Jahren Skateboard fahren. © Reuters

Noch schwieriger wird es, wenn neben Eltern auch Sponsoren mitmischen. Wenn das Kind zum Geschäft wird, wie das bei der elfjährigen Sky Brown der Fall ist. Die Tochter einer Japanerin und eines Engländers wird bereits seit mehreren Jahren von Nike gesponsert und ist in Großbritannien und in den USA ein Star.

Brown ist für das Unternehmen die perfekte Werbeträgerin. Sie ist jung und eben ein Mädchen. Letzteres ist besonders wichtig, weil es auf dem Skateboard-Markt bei Mädchen und jungen Frauen ein riesiges Potenzial gibt. „Sky verkörpert eine neue Generation von Mädchen“, wirbt Nike mit ihr. „Sie verbreitet das Skaten unter den Mädchen. Diese stellen sich ihren Ängsten und nehmen das Board in die Hand, um ihren Träumen zu folgen. Sie tun das wegen Sky“, heißt es weiter auf der Webseite der Firma.

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Der Pädagoge Heinz Reinders blickt mit großem Unverständnis auf das Beispiel Sky Brown. „Kinder haben nicht die psychosoziale Reife, um zu überblicken, was eine sehr große Öffentlichkeit für sie bedeutet“, sagt er. „Wenn diese Öffentlichkeit gepusht durch Sponsoren sehr groß wird, ist das in jedem Fall problematisch.“

Das Umfeld von Sky Brown sieht das offensichtlich anders. Selbst der lebensgefährliche Sturz Ende Mai wurde noch zu PR-Zwecken ausgeschlachtet. Die Marke Sky Brown ist so groß geworden, dass man ihr nicht mal mehr im Krankenbett Ruhe gönnt. Stattdessen werden die kommerziellen Interessen der Sponsoren über das Recht auf Privatsphäre und Genesung des Mädchens gestellt.

Das korrespondiert auch mit der Haltung ihres Vaters. Stewart Brown traut seiner Tochter jedenfalls einiges zu. Vor ein paar Monaten sagte er dem britischen „Guardian“, dass er Kinder grundsätzlich für sehr hart im Nehmen halte. Ganz besonders treffe dies auf seine Tochter Sky zu. „Sie kann gut einschätzen, wie weit sie gehen kann“, sagte er.

Die Bilder vom Unfall erzählen etwas anderes. Stewart Brown sollte sich vielleicht eingestehen, dass das Urteilsvermögen einer Elfjährigen noch nicht ausgereift ist. Und dass ein Kind in diesem Alter vor allem eines braucht: die schützende Hand der Eltern.

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