Dzsenifer Marozsan läuft in den Gruppenspielen nicht mehr auf. Foto: dpa
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DFB-Frauen ohne Dzsenifer Marozsan Die Lücke im Zentrum

Nach vielen Verletzungen und Krankheiten war Dzsenifer Marozsan zum WM-Start in Top-Form. Ihr neuerlicher verletzungsbedingter Ausfall wiegt nun schwer.

Am Bahnhof in Rennes wirkte Dzsenifer Marozsan unglücklich. Als sich die deutsche Nationalelf am Sonntag von dort zum nächsten Quartier nach Lille aufmachte, gab es von ihr kein Lächeln für die wartenden Journalisten. Mit Kopfhörern im Ohr und weißen Schlappen an den Füßen stieg Marozsan in den TGV und reiste mit ihren Teamkolleginnen an die belgische Grenze.

Seit Dienstag ist klar, was der Grund für die schlechte Laune war. Marozsan erlitt im Auftaktspiel der WM gegen China (1:0) einen Zehenbruch. Das sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg in Valenciennes. Zumindest für die Vorrunde fällt Marozsan aus, beim Schlüsselspiel gegen Spanien am Mittwoch wird sie fehlen. Ob sie bei der WM überhaupt noch einmal auf den Platz zurückkehren kann, ist unsicher. Für die deutsche Nationalmannschaft ist das ein großer Verlust und ein Rückschlag im Kampf um den Titel. Marozsan ist die Spielmacherin und das Herz des Teams. Sie zählt zu den besten Spielerinnen der Welt. „Der Ausfall tut weh und trifft uns nicht nur sportlich, sondern auch persönlich“, sagte Voss-Tecklenburg.

Denn es sollte Marozsans großes Turnier werden. Seit drei Jahren spielt sie für Olympique Lyon in Frankreich, gewann vergangene Saison die Champions League und wurde zur besten Spielerin der französischen Liga gewählt. „Frankreich ist ein Stückchen Heimat geworden, deshalb ist es etwas ganz Besonderes für mich“, sagte die 27-Jährige im Trainingslager vor der WM, „ich freue mich riesig drauf.“

Und endlich war sie fit für eine WM. Schon in der Vergangenheit kämpfte Marozsan mit Verletzungen und Krankheiten. 2011 verpasste sie die WM in Deutschland wegen einer Knieverletzung, 2015 schleppte sie sich mit einer Fußverletzung durchs Turnier und fiel danach lange aus. Vor knapp einem Jahr litt Marozsan drei Monate lang an einer Lungenembolie. Das habe sie endlich abgehakt, sagte sie vor Turnierbeginn.

Heftiges Foul nach gut zehn WM-Minuten

„Ich stehe jeden Morgen auf und bete, dass die gute Form der Dzseni noch vier Wochen anhält“, hatte die Bundestrainerin vor dem Beginn der WM über Marozsan gesagt. Die Form hielt nicht mal eine Halbzeit. Gegen China wurde Marozsan schon nach elf Minuten heftig gefoult, spielte aber bis zum Abpfiff weiter und zeigte eine schwache Leistung.

Durch das Foul ist der mittlere Zeh am linken Fuß gebrochen. Das steht seit Samstagabend fest, aber man wollte sich bis zur Verkündigung der Diagnose Zeit nehmen. „Wir mussten das erst einmal verarbeiten“, sagt Voss-Tecklenburg. Denn für die vielen unerfahrenen Spielerinnen ist Marozsan eine Führungsperson. „Wir waren alle geschockt und traurig“, erzählt Abwehrspielerin Leonie Maier. Die Verteidigerin sagt aber auch: „Wir haben einen super breit aufgestellten Kader und können das als Kollektiv kompensieren.“

Einfach wird das nicht, weiß auch Voss-Tecklenburg: „Dzsenifer Marozsan kann man nicht ersetzen.“ Sie will für das kommende Spiel gegen Spanien nicht nur zu personellen Veränderungen greifen, sondern auch die Spielweise anpassen. Über konkrete Pläne lässt sich nur spekulieren. Kapitänin Alexandra Popp könnte aus dem Sturm auf Marozsans Position rücken, Lea Schüller würde dann den Platz in der Spitze einnehmen. Vor dem Trainingsbeginn führte Voss-Tecklenburg ein kurzes Einzelgespräch mit Schüller. Auch ein Systemwechsel zu einer Dreierkette ist denkbar. Die erst 17-jährige Lena Oberdorf steht wohl als erste Verstärkung für die Defensive bereit.

Ein wenig Hoffnung

Voss-Tecklenburg hat ein wenig Hoffnung, dass Marozsan ihrem Team bei der WM noch helfen kann. „Wir werden versuchen, Dzseni im Lauf des Turniers wieder auf den Platz zu bekommen“, sagte sie. Noch ist ein bisschen Zeit bis zu Marozsans Traum: dem WM-Finale in Lyon. „Am schönsten wäre es natürlich, zu Hause vor meinem Publikum in Lyon spielen zu dürfen. Und dafür werde ich alles geben“, hatte sie neulich gesagt. Jetzt müssen erst einmal ihre Teamkolleginnen alles geben – und die Ärzte der deutschen Mannschaft.

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