Pause vom Eis. Eisbären-Profi Constantin Braun fiel bereits zweimal länger wegen Depressionen aus. Jetzt fehlt er, weil er alkoholabhängig ist. Foto: Soeren Stache/dpa
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Depressionen im Sport "Sollen wir warten, bis der nächste vor den Zug springt?"

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Der Mentalcoach Steffen Kirchner spricht im Interview über das Problem von Eisbären-Spieler Constantin Braun und kritisiert, dass es noch immer ein Tabu-Thema ist.

Die Meldung kam am Mittwochmittag, einen Tag vor dem Trainingsauftakt der Berliner Eisbären, über Twitter. Constantin Braun steht vorläufig nicht zur Verfügung. Der 30-Jährige begibt sich aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit freiwillig in medizinische Behandlung. "Da müsste viel mehr prophylaktisch getan werden", sagt Psychologe Kirchner.

Herr Kirchner, der Eisbären-Spieler Constantin Braun hat sich wegen seiner Alkoholsucht in Behandlung begeben. Alkohol und Leistungssport– wie geht das zusammen?
Kirchner: Leistungssport ist ein Abbild der Leistungsgesellschaft. Alles, was dort zu finden ist, findet man in der Extremform auch im Leistungssport. Dazu kommt, dass der Leistungssport ein paar Tabus hat. Deswegen lernen Sportler und die meisten Trainer übrigens auch nicht, wie man mit Depressionen umgehen muss. Deswegen suchen sich die Athleten dann Kompensationsmechanismen – Sucht hat auch mit „suchen“ zu tun, dem Süchtigen fehlt etwas und das versucht er auszugleichen. Das muss nicht unbedingt Alkohol sein. Viele Sportler fangen an, zu zocken, nehmen Drogen oder werden sexsüchtig.

Der ehemalige Bundesligaspieler Uli Borowka sagte in einem Interview über seine Alkoholsucht einmal, dass er sich ein Image als harter Mann aufgebaut hätte und deswegen mit Teamkollegen nicht über seine Probleme sprechen konnte. Braucht es ein anderes Männlichkeitsbild, gerade in einem kraftbetonten Sport wie dem Eishockey oder eben im Fußball?
Die größte Konkurrenz findet ja nicht innerhalb der Liga statt, sondern innerhalb des Teams. Wohin soll ich also, wenn ich nicht mit meinen Teamkollegen sprechen kann und auch nicht mit dem Trainer oder Manager. Denn wenn ich es denen erzähle, wissen es bald alle und meine Position ist gefährdet. Wir müssen dringend über die Belastung im Leistungssport sprechen, denn letztlich ist so etwas wie eine Alkoholsucht immer nur ein Symptom. Die Belastung heutzutage ist eine ganz andere als noch vor 30 oder sogar vor zehn Jahren.

Was müsste sich denn ändern?
Zum einen gibt es meines Wissens nach keinen Verband, der eine gute Politik hat, was psychologische Beratung angeht. Die Leute, die zu mir kommen, sind meist Spielerberater oder Athleten, die ein akutes Problem haben, einfach nicht mehr weiterkönnen. Da müsste viel mehr prophylaktisch getan werden. Außerdem ist die Trainerausbildung vollkommen unzulänglich. Natürlich haben Trainer keinen Beratungsauftrag – sie sind meistens selbst überlastet und holen sich teilweise selbst Beratung. Aber bei meinen Vorträgen für Trainer bekomme ich oft gespiegelt, dass sie mehr Wissen im psychologischen Bereich bräuchten und sich dieses häufig autodidaktisch aneignen.

Sollte also jeder Verein seinen eigenen Psychologen haben?
Es gibt schon Vereine, die das passiv anbieten, Borussia Dortmund etwa. Da können die Spieler Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie Bedarf sehen. Die Sportler, mit denen ich zusammenarbeite, sind oft sehr reflektiert und bewusst. Aber was ist mit denen, die nicht so guten Zugang zu ihren Ängsten haben? Das sind die, mit denen wir reden müssen. Die Anzahl der Athleten, die Angststörungen oder Depressionen haben oder in der Nähe davon sind -der Grat ist da sehr schmal -, ist dramatisch angestiegen, ich würde sagen, er liegt deutlich über zehn Prozent. Das wären bei einem Kader von 20 Spielern mindestens zwei Spieler.

Hat der Fall Robert Enke denn nicht dazu beigetragen, dass im Sport offener über das Thema Depression gesprochen wird?
Nein, ich nehme das nicht so wahr. Die Arbeit in diesem Bereich ist nicht in dem Maß verstärkt worden, wie es notwendig wäre. Ich finde, das ist eine Verantwortungslosigkeit gegenüber den Spielern. Seien wir doch mal ehrlich: Der Sport ist ein Entertainmentbusiness, die Athleten sind die Zirkuspferde. Klar, sie bekommen hohe Gehälter, aber die Vereine und Verbände haben immer noch eine Verantwortung ihnen gegenüber. Oder sollen wir warten, bis der nächste vor den Zug springt?

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