Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Emirates Team New Zealand feiert sich für vier harte Jahre und die Verteidigung des 36. America's Cup Foto: REUTERS / Simon Watts
© REUTERS / Simon Watts

Beginn einer neuen Ära? Neuseeland gewinnt den America's Cup

Der Titelverteidiger setzt sich 7:3 gegen die Italiener von Luna Rossa durch.

Manchmal geht es nur darum zu behalten, was man hat. Eigentlich langweilig. Aber weil es dem Bedürfnis der meisten Menschen nach Sicherheit entspricht, hat der America's Cup nie aufgehört, ein Magnet zu sein. Hier zu unterliegen, heißt für die Heimmannschaft immer, etwas zu verlieren und weggeben zu müssen.

Das wollen die Neuseeländer um alles in der Welt verhindern, als sie am Mittwoch Nachmittag Ortszeit in das entscheidende zehnte Rennen gehen. Ihnen fehlt nur noch ein Punkt zum Gesamtsieg, während ihre Kontrahenten vom Luna-Rossa-Team vier Rennen gewinnen müssten, um den Cup an sich zu reißen und auf die andere Erdhalbkugel nach Europa zu entführen.

Als Team, das als erstes in die Startzone fahren darf, geben die Steuerleute Jimmy Spithill und Francesco Bruni diesmal den Rhythmus vor. Doch Peter Burling an Bord von Emirates Team New Zealand will unbedingt auf die rechte Seite der Rennbahn gelangen, wo allen Vorhersagen nach an diesem Tag mehr Wind zu erwarten ist. Dafür nimmt er sogar in Kauf, an der Startlinie Luna Rossa bedenklich nah zu sein und in dessen Abwinde zu kommen. Sofort wendet er weg, sichert sich, worauf er aus war und hat von da an eigentlich nichts weiter zu tun, als mit mehr Wind den eigenen Vorteil zu schützen.

Kleiner Vorsprung. Die Kiwis setzen sich gegen die Herausforderer aus Italien 7:3 durch. Foto: imago images/Xinhua Vergrößern
Kleiner Vorsprung. Die Kiwis setzen sich gegen die Herausforderer aus Italien 7:3 durch. © imago images/Xinhua

Jedes mal, wenn sich die Wege der beiden fliegenden Yachten kreuzen, diktiert Burling das Geschehen. Er steuert das schnellere Boot, und das gewinnt immer.

Zunächst können die Italiener mithalten, was sie in den Begegnungen zuvor nicht vermocht hatten, sobald sie zurückgefallen waren. Auch sie haben ihr Speedprofil verbessert. Aber es reicht nicht mehr. Aus knappen 50 Metern Rückstand wird bald ein halber Kilometer.

Ein Schwall von Jubel weht bei der Zieldurchfahrt über das Wasser. Denn hunderte von Booten sind hinausgefahren auf den Hauraki-Golf, um dabei zu sein. Die Erleichterung unter den Neuseeländern ist groß. Und da auch der COVID-19-Ausbruch in dem Inselstaat wieder unter Kontrolle ist, wird die Crew um den 30-jährigen Burling, seinen Kompagnon Blair Tuke, der als Flug-Kontrolleur fungierte, sowie Skipper Glenn Ashby von einer begeisterten Menschenmenge im Hafen von Auckland begrüßt. Mit ihrem Triumph verbindet sich - wie immer - die Hoffnung, am Anfang einer Cup-Dynastie zu stehen.

Man könnte irrtümlicherweise annehmen, dass der America’s Cup seinen Namen und legendären Ruf dem Umstand verdankt, dass er sich so lange in amerikanischem Besitz befunden hat. Ursprünglich war er 1851 vom englischen König für ein Rennen um die Isle of White gestiftet worden. Es gewann der US-Schoner „America“, und weil deren Besitzer die Trophäe sogleich weiterreichten an den New York Yacht Club, versehen mit einer Schenkungsurkunde, in der die Bedingungen für eine mögliche Revanche seither festgeschrieben sind, ging es in den folgenden 130 Jahren vor allem darum, ihn zu verteidigen.

Wasserspiele. Tausende verfolgten das entscheidende Rennen auf dem Hauraki-Golf von ihren Booten aus. Foto: imago images/Action Plus Vergrößern
Wasserspiele. Tausende verfolgten das entscheidende Rennen auf dem Hauraki-Golf von ihren Booten aus. © imago images/Action Plus

Den Cup zu gewinnen, war das Eine. Ihn zu behalten, wurde zu seiner wahren Bestimmung. Als erstes knüpfte der New Yorker Geldadel (neues Geld) sein Prestige an diese Hüter-Funktion. Mit seinem unermesslichen Börsenreichtum hatte er die Ressourcen, den avancierten amerikanischen Bootsbau weiter voranzutreiben, und sei es für etwas so Belangloses wie eine silberne Kanne. Die Herausforderer kamen und gingen, immer mit leeren Händen.

Erst 1982 schafften es die Australier, den Nimbus der amerikanischen Unbesiegbarkeit zu brechen. Der Cup ist seither auf Wanderschaft. Es trieb ihn bald hierhin, bald dorthin, nach Perth und zurück nach San Diego, in die Schweiz und zurück nach San Francisco. Nirgends ist er lange geblieben.

Nach Auckland gelangte er 1995 zum ersten Mal. Doch auch die Neuseeländer schafften es – wie üblich – nur einmal, ihn erfolgreich zu verteidigen. Warum ausgerechnet dieses kleine Völkchen am Ende der Welt daher glauben kann, dass der Cup bei ihm am besten aufgehoben sei, ist ein bisschen schleierhaft. Aber dazu später.

Nun ist den Neuseeländern erneut eine erste Verteidigung gelungen. Mit 7:3 haben sie das italienische Syndikat von Prada und Pirelli eindeutiger geschlagen, als es in Wirklichkeit war. Eine nächste goldene Generation hat sich formiert. Nach dem klaren 1:7-Sieg über den vormaligen Verteidiger Oracle USA in Bermuda, was Teamchef Grant Dalton als "Meilenstein" für das nationale Selbstvertrauen bezeichnete, haben sie erneut ihre Souveränität in diesem Hochgeschwindigkeitszirkus mit seinen Flugmaschinen demonstriert.

Doch was ist diese Verteidigung sportlich wert?

Bloß weg hier. Die Neuseeländer wenden aus dem Windschatten des italienischen Prada-Pirelli-Teams. Foto: imago images/Xinhua Vergrößern
Bloß weg hier. Die Neuseeländer wenden aus dem Windschatten des italienischen Prada-Pirelli-Teams. © imago images/Xinhua

Obwohl die Rennen stets knapp ausfielen, war der technologische Vorteil am Ende ausschlaggebend. Die Kiwis hatten das insgesamt kraftvollere Boot, das zunächst auf den passenden Wind warten musste, um sich der italienischen Blockadestrategie entziehen zu können. Als Heimmannschaft wussten sie am besten, welches Wetterspektrum anzutreffen sein würde. Und sie hatten am meisten Zeit, sich technische Lösungen auszudenken für das komplexe 75-Fuß-Gefährt mit seinen seitlich auskragenden Foils, die für diese 36. Rennserie eingeführt wurden.

Den Herausforderern fehlte diese Zeit. Dass sie trotzdem gefährlich nahe an das Geschwindigkeitspotenzial der Kiwis um den französischen Design-Guru Guillaume Verdier herankamen, zeigt letztlich, wie schmal das Wissen in diesem Bereich der Foil-Technik bislang noch ist. Deshalb benutzen alle Entwickler mehr oder weniger dieselben Simulationsprogramme. In drei bis vier Jahren dürfte das bei einer erneuten Herausforderung anders aussehen. Die Boote werden sich ähnlicher werden und die Unterschiede in den Mikrobereich der Tragflächenform abwandern. Erste Anzeichen dafür, haben sich jetzt bereits gezeigt.

Flight-Captain. Blair Tuke (links) hat mit Steuermann Peter Burling schon eine olympische Goldmedaille gewonnen. Beim America's Cup ist er für die Steuerung der Foils verantwortlich. Foto: REUTERS Vergrößern
Flight-Captain. Blair Tuke (links) hat mit Steuermann Peter Burling schon eine olympische Goldmedaille gewonnen. Beim America's Cup ist er für die Steuerung der Foils verantwortlich. © REUTERS

So verdanken die Neuseeländer ihr Mehr an Tempo einem im Vergleich zu Luna Rossa viel kleineren Foil. Den unweigerlichen Mangel an Stabilität haben sie meistens gut kompensiert - nur eines von zehn Rennen ging seinetwegen verloren.

Schon bei der World Series, die dem Cup vorgelagert war und coronabedingt kurz vor Weihnachten ausgetragen wurde, dominierten die Kiwis ihre Konkurrenz nach Belieben.

Danach war viel vom sagenhaften Speed der Burling-Truppe die Rede. Während die drei Herausforderer aus den USA, Großbritannien und Italien miteinander um das Recht auf ein finales Duell rangen, drehten die Kiwis allein ihre Trainingsrunden und hatten nur ein Motorboot als Gegner.

Wenn fehlende Rennpraxis ein Nachteil war, dann hat Burling ihn sich nicht anmerken lassen. In den ersten sechs Rennen war jeweils der Start rennentscheidend. Es stand unentschieden.

Behalten, was man hat. Peter Burling (Mitte) hat seine Mission erfüllt. Er hat den America's Cup als Steuermann einmal gewonnen und einmal verteidigt. Foto: AFP Vergrößern
Behalten, was man hat. Peter Burling (Mitte) hat seine Mission erfüllt. Er hat den America's Cup als Steuermann einmal gewonnen und einmal verteidigt. © AFP

Doch ein Schema schälte sich heraus. Luna Rossa hatte mit seinem High-Slow-Mode ein probates Mittel entwickelt, sich die schnelleren Kiwis zunächst vom Hals zu halten. Auf der ersten Kreuz segelten sie einen höheren Winkel zum Wind, so dass sie die Wegstrecke verkürzten. Den Kiwis war es nicht möglich, aus dem Windschatten zu gelangen. Erst mit Einsetzen wechselhafterer Winde, verschafften sie sich öfter freie Bahn, um zu überholen. Da nützten dann auch die "ausgefahrenen Ellbogen" nichts mehr, auf die Bruni seine Taktik stützte.

Kein anderes Team hat die jüngere Cup-Geschichte so stark geprägt und immer wieder Standards gesetzt wie die Kiwis, seit "Black Magic" die Silberkanne 1995 gegen "Young America" in einem 5:0-Durchmarsch gewann. Jedes Mal seither standen sie im Finale, bis auf das eine Mal, da sich US-Milliardär und Oracle-Gründer Larry Ellison eine Justizschlacht mit Titelträger Alinghi lieferte.

Danach schworen sich Italiener und Neuseeländer, dem Cup gemeinsam ein neues Gesicht zu geben und von juristischen Zerwürfnissen abzusehen. Das hat geklappt. In die eigenartige Konstruktion foilender Einrumpf-Yachten flossen die Vorstellungen der Italiener ein. Sie wollten vor allem zu einem konventionellen Rennformat mit Up-and-down-Kursen zurückkehren.

In taktischer Hinsicht glichen die Duelle denn auch wieder dem Muster klassischer Positionskämpfe, mit dem Unterschied, dass sie sich fünfmal so schnell abspielten, als wenn zwei J-Class-Giganten von vor dem Zweiten Weltkrieg oder die kleineren "Zwölfer" oder was auch immer für ein Bootstyp sich gerade angeboten haben mochte, Haken umeinander schlugen. So war das letzte Rennen noch einmal auch eine Demonstration taktischer Überlegenheit von Burling & Co. Ihr Match-Plan, möglichst früh und ungehindert zur rechten Bahnhälfte auszubrechen, blieb von Luna Rossa unbeantwortet - ein unverzeihlicher Fehler für einen Kämpfer von Spithills Format. Spitzname: "Pitbull". Diesmal wollte er sich nicht ,festbeißen'. Statt sofort mitzuwenden, ließ er die Kiwis gewähren. Die Chance bot sich früh, sie war vertan.

Damit scheitert das von Prada-Boss Patricio Bertelli gegründete Luna-Rossa-Team bei seinem fünften Versuch (seit 2000), den America's Cup zu gewinnen. (Dreimal gingen sie als beste Herausforderer aus der Qualifikation hervor.)

Als einzige haben die Neuseeländer den Cup nun zweimal sowohl gewonnen als auch verteidigt. Und selten mit dem größten Budget. Wenn sie in den zurückliegenden Jahren darüber hinaus nicht unter eigener Flagge erfolgreich waren, dann weil die besten aus ihren Reihen wie Roussell Coutts von der Konkurrenz abgeworben worden waren. Das ist die Tragik ihres Erfolges. Meistens müssen sie sich irgendwann selbst besiegen.

Zur Startseite