Gewohntes Bild. Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers ist momentan wohl der beste Stürmer der NHL. Foto: Lynne Sladky/AP/dpa
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Aufstieg des deutschen Eishockey-Stars Wie Leon Draisaitl zum Besten der Besten wurde

Leon Draisaitl ist der beste Stürmer der stärksten Eishockeyliga der Welt. Trotzdem ist der Kölner in der Heimat noch kein Superstar, aber das kann noch werden.

Leon Draisaitl ist gern in Köln. Das betont er immer wieder. Bodenständigkeit sei ihm wichtig, nur nicht abheben. So wie der Mann mit der flotten Tolle und dem lockeren Vollbart aussieht, würde man ihm auch abnehmen, wenn er sagen würde, er sei jedes Wochenende bis in die frühen Stunden mit seinen guten Freunden im Nachtleben seiner Heimatstadt unterwegs.

Das aber passiert maximal in der Sommerpause, wenn überhaupt. Begleiter seiner Karriere sagen, der Leon trinke nicht mal ein Glas Fanta, weil das seiner Karriere schaden könnte. Denn im Wesentlichen steht Leon Draisaitl auf dem Eis. Und da kann der Stürmer mehr als alle anderen Stürmer in der Welt, er ist aktuell der torgefährlichste Angreifer in der sportlich gesehen stärksten Eishockey-Liga der Welt, der National Hockey-League (NHL).

Leon Draisaitls Qualitäten sind unbestritten

Draisaitl führt vor dem letzten Viertel der Hauptrunde die Scorerwertung der Liga an und es spricht viel dafür, dass er sie auch am Ende der Saison anführen wird. Im Vorjahr hat er auch schon alle 82 Spiele für sein Team bestritten. Leon Draisaitl würde der erste deutsche Profi überhaupt sein, dem im nordamerikanischen Profisport so etwas gelänge. Und das mit 24 Jahren. Schon.

Leon Draisaitls Qualitäten sind unbestritten, bei den Edmonton Oilers ist er gedanklich schneller als alle anderen Spieler auf dem Eis. Er hat das Gespür für die richtige Position und den richtigen Moment, bereitet Treffer vor und trifft oft, wenn es darauf ankommt. 95 Scorerpunkte in 59 Spielen hat er auf dem Konto, der zweite Spieler in dieser Wertung kommt momentan auf 82 Punkte.

Beobachter hatten befürchtet, dass er nun nach der Verletzung seines genialen Nebenmannes auf dem Eis abbauen könnte. So ein wenig zumindest. Doch es kam anders, ohne Connor McDavid war Draisaitl bei den Edmonton Oilers in den jüngsten vier Spielen noch effektiver, am Sonntag erst gelangen ihm beim 4:3-Erfolg gegen Carolina zwei Vorlagen und ein Tor. Draisaitl wurde von der NHL am Dienstag zum „First Star of the Week“ gekürt, ihm gelangen zehn Punkte in vier siegreichen Spielen mit den Oilers, die nun Tabellenführer in ihrer Division sind.

Die großen Titel fehlen Leon Draisaitl noch

Bei den Auftritten ohne Kapitän McDavid habe man „sehr solide gespielt“ sagte Draisaitl, das zeige den Charakter der Mannschaft. Vor allem hat wohl Draisaitl gut gespielt. Sein Teamkollege Josh Archibald, der das Siegtor nach einem Draisaitl-Pass erzielte, sagte: „In 99 von 100 Fällen kommen die Pässe von Leon an. Dann musst Du nur bereit sein.“   

Im eishockeyverrückten Kanada ist so ein Spieler wie Draisaitl exponiert. Vor ein paar Jahren noch sagte der ehemalige Bundestrainer Marco Sturm, den Draisaitl als „German Gretzky“ zu titulieren, sei „völlig übertrieben“. Inzwischen vergleichen sie ihn in Edmonton nicht mehr mit ihrem einstigen Idol Wayne Gretzky, dafür ist Leon Draisaitl eben selbst zur eigenen große Nummer geworden. In Edmonton, hat er kürzlich erst gesagt, könne er sich auf der Straße nicht mehr frei bewegen.

Und das alles Mögliche an Gerüchten über ihn im Umlauf ist, gehört wohl dazu. Es interessiert ihn aber kaum, so wirkt der Mann auch mit seinem oft unbeteiligt wirkenden Gesichtsausdruck. Als etwa bei der Eishockey-Weltmeisterschaft im Mai 2019 über sein angeblich gestörtes Verhältnis zu Bundestrainer Toni Söderholm spekuliert wurde, ignorierte Draisatil das nach außen hin. Er lässt sich auf sowas nicht ein, wirkt so, als sei er daran desinteressiert.

Voller Einsatz. Leon Draisaitl ist längst Leistungsträger der Eishockey-Nationalmannschaft. Foto: Joe Klamar/AFP Vergrößern
Voller Einsatz. Leon Draisaitl ist längst Leistungsträger der Eishockey-Nationalmannschaft. © Joe Klamar/AFP

Schon mit 18 Jahren war ihm klar, dass es nur mit dieser Haltung geht. „Es ist doch einfach: Wenn ich eine Karriere in der NHL machen will, dann gehört es dazu, dass ich mit dem Gerede und den Geschichten klarkomme“, sagte Leon Draisaitl im April 2014 dem Tagesspiegel.

Seine Karriere scheint schon jetzt einen einzigartigen Verlauf zu nehmen, obwohl die großen Titel ja noch fehlen und es trotz momentan solider Situation – die Oilers werden es wohl in die Play-offs schaffen – mit seiner Mannschaft nicht danach aussieht, dass es in den nächsten Jahren mal zu einem großen Erfolg reichen wird. Auch hängt Draisaitl immer noch das Etikett an, bei der Defensivarbeit eben nicht der Zielstrebigste zu sein.

In Köln kann sich Leon Draisaitl wohl immer noch frei bewegen. Es liegt zum einen an der wohl im Vergleich zu Nordamerika etwas weniger hysterischen Mentalität der Deutschen, wenn es um Sportstars geht. Dann ist Eishockey, selbst in der nach den Zuschauerzahlen gemessen Eishockeyhockburg Köln, hierzulande ja eben auch nicht die größte Marke. Selbst ein Dirk Nowitzki ist eben von der Popularität eher hinter als vor den größten deutschen Fußballern einzuordnen.

Den Kölner Karneval vermisse er, sagte Leon Draisaitl

Und dann hat Leon Draisaitl ja auch nur im Sommer Zeit für Köln, in der Saisonpause. Schade eigentlich, sagte er unlängst dem Magazin „Dump & Chase“, dass er den Kölner Karneval seit Jahren verpasse. Da wäre er gern mal wieder dabei. Das aber klappt wohl frühestens in zehn Jahren, wenn er seine Karriere bei seinem – zur Zeit sportlich gesehen recht kleinen – Lieblingsverein, den Kölnern Haien, ausklingen lassen wird.

Aber bis dahin hat Leon Draisaitl viel Zeit, sportlich noch größer zu werden. Und es könnte ja auch sein, dass er da aus Deutschland noch Hilfe bekommt. Es sind ja ein paar junge deutsche Stürmer auf dem Sprung in die NHL, allen voran Tim Stützle.

Da könnte auch mal mit dem Nationalteam etwas drin sein, für das Leon Draisaitl, wenn es ging, immer bereitstand. Wobei der Kampf um den Stanley Cup natürlich sein wichtigstes Projekt ist. Und selbst nach einer Finalteilnahme in der NHL im Juni bliebe ihm ja noch genug Zeit für die Kölner Heimatstadt und ihre Vorzüge.

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