In Are holte Mikaela Shiffrin bereits zwei WM-Medaillen. Foto: dpa
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Alpine Ski-WM in Are Warum Mikaela Shiffrin alle Rekorde bricht

Christoph Geiler

Mikaela Shiffrin dominiert den alpinen Ski-Sport. Im WM-Slalom am Samstag ist die US-Amerikanerin große Favoritin - sie kann sich nur selbst besiegen.

In den Momenten ihrer Triumphe wirkt sie manchmal verloren. Dann steht Mikaela Shiffrin allein im riesigen Zielraum und blickt fragend in die Menge, mehr als ein schüchternes Winken und ein diskretes Lächeln ist ihr dann oft nicht mehr zu entlocken. Gäbe es bei Skirennen nicht diese riesigen Anzeigetafeln, auf denen nach ihren Fahrten meist groß die Eins aufleuchtet, man würde auf den ersten Blick niemals auf die Idee kommen, dass diese zurückhaltende junge Frau gerade ein Rennen gewonnen hat. „Ich weiß da oft nicht, wie ich mich fühlen soll“, sagt Shiffrin, „es ist seltsam, aber es ist oft nicht der größte Moment meines Lebens.“

Die großen Gesten überlässt die US-Amerikanerin lieber anderen. Ihrer Landsfrau Lindsey Vonn zum Beispiel, die zweifelsohne eine großartige Rennläuferin ist (82 Weltcupsiege), aber nebenbei auch eine wahre Großmeisterin der Inszenierung. Bei der Alpinen Ski-WM im schwedischen Are, wo sich Vonn nach zahlreichen Rücktritts-Ankündigungen nun wirklich und unwiderruflich und endgültig und überhaupt vom Skisport verabschiedet hat, tauchte die 34-Jährige meist mit ihrem Hündchen Lucy auf.

Nicht nur im Slalom ist sie das Maß aller Dinge

Für so etwas wäre Shiffrin nicht zu haben.  Und das würde auch nicht zu dieser bodenständigen Frau aus Vail passen. Zumal es die 23-Jährige auch gar nicht nötig hat, groß um Aufmerksamkeit und  Rampenlicht zu buhlen. Die Scheinwerfer sind ohnehin immerfort auf sie gerichtet, seit sie am 20. Dezember 2012 im WM-Ort Are im Alter von 17 Jahren ihren ersten Weltcupslalom gewonnen hat. Seither stellt Mikaela Shiffrin den Alpinen Skisport auf den Kopf, keine Bestmarke scheint vor ihr sicher, praktisch im Jahrestakt müssen die Geschichtsbücher des Internationalen Ski-Verbands (Fis) neu geschrieben werden.

So ist Shiffrin seit 2014 die jüngste Olympiasiegerin im Slalom, sie hat so viele  Weltcupsiege eingefahren (42) wie kein anderer Läufer zuvor in dieser Disziplin, nicht einmal der legendäre Schwede Ingemar Stenmark. Und selbstverständlich hält  Shiffrin auch schon die Bestmarke für den größten Vorsprung  in einem Slalom (3,07 Sekunden). Kein Wunder also, dass sie an diesem Samstag im WM-Slalom (11 Uhr/ZDF und Eurosport) die große Favoritin ist.

Aber Shiffrin ist längst nicht nur mehr im Slalom das Maß aller Dinge. Sie ist eine von insgesamt nur sieben Läuferinnen, die in allen fünf Disziplinen bereits gewonnen haben. Inzwischen gibt sie auch in den Speedwettbewerben das Tempo vor.  Vier Mal war sie in diesem Winter in einem  Super-G an den Start gegangen, vier Mal hatte die Siegerin Shiffrin geheißen. Zuletzt am vergangenen Dienstag beim Auftaktrennen der WM, womit sie ihre vierte WM-Goldmedaille holte. Von so einer Erfolgsquote kann ihre Landsfrau Vonn (zwei WM-Titel) nur träumen.

Seit Shiffrin als 16-Jährige im Weltcup aufgetaucht ist, werden entlang der Pisten Begriffe wie „Jungstar“ oder „Wunderkind“ strapaziert.  Weil eben die Konkurrenz und die Experten angesichts ihrer Fähigkeiten so gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommen.  Tatsächlich ist es alles andere als ein Wunder, dass Shiffrin den Skisport so dominiert wie noch keine Läuferin vor ihr.

Wichtigste Bezugsperson ist Mutter Eileen

Vielmehr sind die zahlreichen Erfolge das Ergebnis einer Karriere, die von klein auf am Reißbrett geplant wurde.  Die Spurensuche führt zuerst zu Shiffrins Eltern, die beide früher ebenfalls Rennläufer waren. Sie schickten ihre Tochter schon sehr früh auf die Piste und ordneten alles der Laufbahn unter.  Noch heute ist Mama Eileen die wichtigste Bezugsperson für Mikaela Shiffrin, sie begleitet sie im Weltcupzirkus und  hat mittlerweile sogar die Trainerausbildung abgeschlossen. „Sie ist einfach meine Frau für alles: Mutter, Trainerin, Freundin, Managerin, Sportpsychologin, Reise-Organisatorin und auch Leibwächterin, wenn sie mir den Weg durch die Menschenmassen bahnt“, sagt Shiffrin. „Sie hilft mir, dass ich motiviert und gleichzeitig ruhig bleibe und die richtigen Dinge mache. Sie ist die erste Person. Sie liebt mich und will das Beste für mich beim Skifahren, aber auch, dass ich insgesamt glücklich bin. Und sie hilft mir, mehr an mich selbst zu glauben.“

Aber an Selbstvertrauen dürfte es ihr mittlerweile ohnehin nicht mehr mangeln. Die traumwandlerische Sicherheit  und Leichtigkeit, mit der Shiffrin bereits in jüngeren Jahren durch die Slalomtore flitzte, war früh erkennbar – und für manche Experten beeindruckend. „Sie ist in ihrer Kindheit und Jugend schon so viele Tore gefahren, dass sie einen Vorsprung hat. Sie ist nicht wie eine 16-Jährige gefahren, als sie in den Weltcup kam“, sagt Kilian Albrecht.

Der Österreicher ist ein langjähriger Wegbegleiter von Shiffrin und fungiert als Manager, PR-Mann und Unterstützer im Hintergrund. Albrecht erinnert sich noch gut an einen Trainingskurs in Vail, als ihm die damals 14 Jahre alte Mikaela Shiffrin aufgefallen war, die damals sogar schneller war als die  18 Jahre alten Jungen. „Ich habe dreimal nachgefragt, ob sie wirklich erst 14 ist“, sagt Albrecht.

Auf Bikini-Fotos verzichtet Shiffrin

So geht es vielen, wenn sie Shiffrin auf der Piste sehen. Sie sticht schon optisch und stilistisch aus der Masse der Rennläuferinnen heraus. Dank ihrer ausgefeilten Technik läuft sie selten einmal Gefahr, einzufädeln, auszuscheiden oder gar von der Piste abgeworfen zu werden. So ist es auch kein Zufall, dass sie im Gegensatz zu vielen ihrer Konkurrentinnen in ihrer Karriere vor Verletzungen noch verschont geblieben ist. „Weil sie sich auf ihre Technik verlassen kann und nicht ans Limit gehen muss“, sagt Patrick Riml, der bis Sommer Cheftrainer des US-Skiteams war. „Mikaela reicht oft eine konservative Fahrt für den Sieg, während die anderen alles riskieren müssen, um sie zu besiegen.“

Im Grunde könne sich Shiffrin nur selbst besiegen. Wenn sie zum Beispiel auf ihrer Jagd nach Rekorden zu viele Rennen bestreitet, oder wenn sie vielleicht einmal entdecken sollte, dass sich im Leben nicht alles nur um den Skisport dreht. An Angeboten beim Apres-Ski fehlt es Shiffrin nicht, als mehrfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin ist sie mittlerweile auch in ihrer Heimat ein Begriff. Nach ihrem ersten Olympiasieg hatte sie eine Anfrage der Show „Dancing with the Stars“, aber Manager Albrecht geht mit ihr behutsam um. „Wir machen nur die Sachen, die auch wirklich zu Mikaela passen.  Auf Bikini-Fotos und ähnlichen Blödsinn können wir gerne verzichten.  Natürlich, Sex sells, aber das braucht sie nicht. Sie ist im Sport gut genug, sie muss sich nicht ausziehen.“

Wo diese Reise noch hinführen wird? Vermutlich über kurz oder lang an die Spitze der Rekordlisten. Wenn Shiffrin so weiter macht und weiter gewinnt, dann dauert es nur mehr drei Jahre, bis sie sich auch Ingemar Stenmarks Allzeitbestmarke (86 Weltcupsiege) geschnappt hat. „Rekorde sind da, um gebrochen zu werden“, sagt Shiffrin. „Aber irgendjemand wird kommen, der meine Bestmarken bricht. Und ich hoffe, meine Rekorde sind nicht für die Ewigkeit.“

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