Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland

1935 sahen 45.000 Zuschauer den Großen Preis der Reichshauptstadt

Die Tribünen in Hoppegarten sind meist gut gefüllt. Foto: Jörg Carstensen/dpa
150 Jahre Hoppegarten Kaiser, Krieg und DDR-Kaffeekannen

Währenddessen wuchs Berlin und presste seine Bewohner an den Wochenenden raus aufs Land: Zwischen 1877 und 1906 verdoppelte sich die Bevölkerung von unter einer auf mehr als zwei Millionen Menschen. In den Straßen pfiff und sang man von der Krummen Lanke und der Holzauktion im Grunewald. Mit der Nachfrage stieg jedoch auch das Angebot: Um die Jahrhundertwende eröffneten die Bahnen in Charlottenburg, Karlshorst und Strausberg. Vorortbahnen brachten das Volk schnell und günstig zur Rennbahn, für fünfzig Pfennig bekam man einen einfachen Stehplatz in der Menge am Rennbahnzaun, dazu kamen die beliebten Toto-Wettscheine. 1909 hielt der Union-Klub dagegen und eröffnete eine neue Bahn im Grunewald. Hoppegarten musste die Ausrichtung des Großen Preises von Berlin dorthin abgeben, hielt sich aber weiterhin gut. Zu seiner Blütezeit maß das gesamte Gelände 780 Hektar.

Das internationale Flair Hoppegartens kam zu einem jähen Ende, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Zwar liefen die Rennen bis 1918 weiter, danach schloss man die Bahn für Umbauten bis 1922. Obwohl der Zuchtbetrieb unter der angespannten wirtschaftlichen Lage litt, zog es das vergnügungssüchtige Publikum der Goldenen Zwanziger in Scharen auf die Rennbahnen. 1934 schloss dann die Bahn in Grunewald, nachdem die Reichsregierung den Union-Klub enteignet hatte. Die einstige Rennbahn musste dem Prestigeprojekt Olympiastadion weichen. Der Verein konnte sich auch intern dem politischen Einfluss nicht entziehen: Hitlers Vizekanzler Franz von Papen übernahm 1935 den Vorsitz des Union- Klubs. Die Schließung der Charlottenburger Bahn tat der großen Schwester im Osten nur gut. 1935 sahen 45.000 Zuschauer den Großen Preis der Reichshauptstadt und feierten den Sieger Sturmvogel. Die Jockeys der Zeit waren Berühmtheiten, konnten sich nach getaner Arbeit von livrierten Kutschern umherfahren lassen und nippten mit Frauen im Pelzkragen an den Sektkelchen.

1944 wurde die Haupttribüne zur Rüstungsfabrik

Der Zweite Weltkrieg kam spät nach Hoppegarten und er ging früh: Erst 1943 fielen die ersten Bomben auf die Ställe und die Bahn. Damit ging es den Berlinern zunächst besser als den Hamburgern, deren Derby nach Hoppegarten verlegte wurde, weil die Verwüstungen in der Hansestadt so verheerend waren. Im darauffolgenden Jahr aber schlug der Krieg umso härter zu: Im Herbst 1944 wurde die Haupttribüne in Hoppegarten zur Rüstungsfabrik umgewandelt, im März 1945 kam der große Trek ins Rollen: 100 Vollblüter ritten die Hoppegartener Jockeys nach Schleswig-Holsten, getrieben von den anrückenden Russen. Die waren nach der deutschen Niederlage erstaunlich kooperativ: Schon 1946 nahm man den Rennbetrieb wieder auf, trotz überall in Deutschland verstreuter Rennpferde und verlorengegangener Papiere. Weniger milde zeigten sich die sowjetischen Besatzer gegenüber dem Union-Klub: Der wurde 1947 enteignet, das Gelände der Provinzialverwaltung Brandenburg unterstellt.

Mit Pferden pflügte man die Trainingsbahn um. Statt dekadentem Vergnügen sollte hier Ackerbau die Lebensgrundlage bilden. Die Rennbahn aber blieb: Ein Plakat aus dem Jahr 1959 wirbt für das Eröffnungsrennen mit dem Hinweis „Westberliner ab 13 Uhr“. Bis 1961 waren noch westdeutsche Pferde und Besucher zugelassen, danach blieb man bis zum 31. März 1990, dem ersten deutsch-deutschen Renntag, unter sich. „Internationales Meeting der Sozialistischen Länder“ hieß das Rennen damals, der Ministerpräsident überreichte dem Sieger des „Großen Preis der DDR 1959“, dem Star-Jockey Egon Czaplewski, eine geblümte Kaffeekanne. Unter dem sozialistischen Regime und dem zentral organisierten VEB Vollblutrennbahnen verfiel der Sport, nur 400 Pferde standen in Hoppegarten.

Seit 2008 hat ein Investor das Gelände in der Hand

Das sollte sich nach 1990 ändern: Ähnlich wie in seinen Anfangstagen startete die Rennbahn mit großem Zulauf in die Ära nach der Wiedervereinigung. Schon 1993 betrug der Wettumsatz satte neun Millionen Mark. Das Gelände ging von der Treuhandanstalt in den Besitz des Union-Klubs über. Trotz Zuschüssen vom Land ging der 2005 bankrott – zu groß war der Sanierungsstau der Anlage. Seit 2008 hat ein privater Investor das Gelände in der Hand: Der Fondsmanager Gerhard Schöningh kaufte und sanierte Rennbahn und Trainingsgelände, nutzt das Gelände neben den Pferderennen auch für Veranstaltungen wie das Musikfestival Lollapalooza – und macht sich damit nicht nur Freunde unter den lokalen Pferdesportfanatikern. Doch so schlecht die Festivalbesucher für das Gelände waren – zumindest gibt es heute, anders als vor 150 Jahren, gepflasterte Straßen statt schlammigen Feldwegen. Was geblieben ist, ist die Faszination von schnellen Pferden auf lockerem Sand.

Sein Verdienst. Seit 2008 gehört das Gelände dem Fondsmanager Gerhard Schöningh. Inzwischen finden auch andere Events wie das Lollapalooza-Festival dort statt. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Sein Verdienst. Seit 2008 gehört das Gelände dem Fondsmanager Gerhard Schöningh. Inzwischen finden auch andere Events wie das Lollapalooza-Festival dort statt. ©  Jörg Carstensen/dpa
Zur Startseite