Sophie Scholl, ihr Bruder Hans (l.) und Christoph Probst am Tag ihrer Hinrichtung. Foto: akg images
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Sophie Scholl Vom deutschen Mädel zur Widerstandskämpferin

Linda Thomßen

Eine politisch handelnde Frau - aber keine Märtyrerin: Am 9. Mai jährt sich Sophie Scholls Geburtstag zum 100. Mal. Vereinnahmt wird sie bis heute.

„Die Darstellungen von Sophie Scholl haben sich über die Jahrzehnte verändert: In den 1940er Jahren wird von ihr als Verräterin gesprochen, in den 1950er Jahren wird sie idealisiert dargestellt. Heute haben wir ein realistischeres Bild der Widerstandskämpferin“, sagt Johannes Tuchel. Der Professor für Politikwissenschaft forscht an der Freien Universität Berlin und leitet die Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Zunächst war Sophie Scholl vom Nationalsozialismus begeistert und engagierte sich in den 1930er Jahren in der Jugendorganisation „Bund Deutscher Mädel“. Später wandte sie sich ab und wurde als Studentin Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose in München. „Sophie Scholl hat sich aus ihrer persönlichen Entwicklung heraus vom Nationalsozialismus befreit“, sagt Johannes Tuchel. „Sie hat viel nachgedacht über sich als junge Frau, und sie hat aufbauend auf ihren christlichen Werten und philosophischen Überlegungen Entscheidungen getroffen.“ Aus den Briefen zu ihrem langjährigen Freund Fritz Hartnagel wird deutlich, wie Sophie Scholl ihr Leben und ihre Beziehung reflektiert. „Sophie Scholl ist eine spannende Persönlichkeit“, sagt Johannes Tuchel. „Sie war vielfältig interessiert und ist nicht blind der Diktatur gefolgt, sondern hat ihren eigenen Weg gesucht.“

Die todesurteile werden noch am selben Tag vollstreckt

Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und ihren Freunden Alexander Schmorell und Christoph Probst kämpft die Studentin im Winter 1942/1943 gegen das NS- Regime. In den von der Weißen Rose produzierten Flugblättern wird zum Umsturz aufgerufen; sie werden von den Geschwistern und ihren Kommilitonen in München und anderen Städten verteilt. Bei der sechsten großen Flugblattverbreitung werden Sophie und Hans Scholl in der Universität entdeckt und verhaftet. Vier Tage später verurteilt der Präsident des „Volksgerichtshofes“ Roland Freisler beide und Christoph Probst zum Tode; noch am selben Tag werden die Urteile vollstreckt.

„Durch ihren frühen Tod mit 21 Jahren wurde Sophie Scholl unter anderem das Bild einer Märtyrerin zugeschrieben“, sagt Johannes Tuchel. „Das war sie nicht. Sie war eine politisch handelnde Frau unter den Bedingungen der Diktatur.“ Der Politikwissenschaftler verbindet die letzte große Flugblattaktion der Weißen Rose mit der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad: „Sophie Scholl und die anderen Mitglieder dachten zu dem Zeitpunkt, dass das Kriegsende bevorsteht. So war die Flugblattaktion vom 18. Februar 1943 eine bewusste politische Entscheidung. Sie wollten, dass das deutsche Volk sich aus eigener Kraft von dem verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus befreit.“

"Die konnte das, ich hätte das nicht gekonnt"

In der deutschen Bevölkerung hatte der Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu dem Zeitpunkt keinen Rückhalt. Auch nach Kriegsende 1945 wurden die Aktionen der Weißen Rose vor allem in der Bundesrepublik Deutschland skeptisch betrachtet. Erst 1952 wurde Sophie Scholl durch das Buch „Die Weiße Rose“ berühmt, in dem ihre Schwester Inge Scholl die Geschichte der Widerstandsgruppe erzählt. „In der öffentlichen Würdigung der 1950er und 1960er Jahre wird Sophie Scholl zu einem Opfer, einer Heldin, einer Idealistin. Ihre politische Motivation hat damals noch keine Rolle gespielt“, erläutert Johannes Tuchel. „Durch diese Zuschreibungen konnte man sich selbst sagen ‚Die konnte das, ich hätte das nicht gekonnt‘.“ Heute sei die öffentliche Wahrnehmung von Sophie Scholl differenzierter. Dennoch werde die „Mythologisierung ihrer Tat“ weiterhin für verschiedene Zwecke genutzt.

Im Jahr 2017 wirbt die Partei AfD auf einem ihrer Wahlplakate mit dem Slogan „Sophie Scholl würde AfD wählen“; im vergangenen Jahr vergleicht sich eine Rednerin auf einer „Querdenken“-Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen mit Sophie Scholl. „Das sind Instrumentalisierungs- und Okkupationsversuche, die man nur scharf zurückweisen kann. Sophie Scholl steht für Toleranz und Rechtsstaatlichkeit, nicht für Intoleranz und Ausgrenzung“, sagt Johannes Tuchel. „Die Widerstandskämpferin hat sich gefragt, wie sie Handlungsspielräume in einer Diktatur nutzen kann. Wie einfach ist es dagegen, in einer Demokratie zu protestieren und zu partizipieren?“

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