US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin Foto: AFP/Brendan Smialowski
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Zwischen Bush und "neuer Weltordnung" Europa braucht mehr Behauptungswillen in der Weltpolitik

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Die Europäer dürfen sich nicht länger an die Ära Bush klammern. Trump, Putin und Xi fordern zur Verteidigung der liberalen Demokratie heraus. Ein Kommentar.

Seine Präsidentschaft endete vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Das ist eine halbe Ewigkeit. Mobiltelefone kosteten damals umgerechnet 2000 Euro und wogen ein gutes Pfund. Die Welt befand sich im Um- und Aufbruch. Hoffnungen auf eine friedliche, geeinte Welt blühten auf.

Der Kalte Krieg war zu Ende und der Kommunismus zugrunde gegangen, Deutschland vereinigt und Saddam Hussein mit Hilfe einer großen Allianz aus Kuwait vertrieben worden, in Somalia der erste aus humanitären Gründen geführte Krieg gekämpft und die Rechte von Behinderten gestärkt worden. „Wahnsinn“ war das Wort, das Menschen am häufigsten zur Beschreibung der Umwälzungen gebrauchten.

All das lenkte auch die Hand von George H. W. Bush. Der US-Präsident wachte über die amerikanischen Werte, die amerikanische Demokratie, er verzichtete beim Untergang der Sowjetunion auf jede Art von Triumphalismus, wirkte im Weißen Haus als Könner der Diplomatie und Gentleman der alten Schule, bescheiden, zugewandt, fair, loyal.

Am Freitag war er im Alter von 94 Jahren gestorben, die Trauerfeier in der National Cathedral in Washington D.C. geriet auch zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit. Wehmut stand in vielen Gesichtern, verbunden mit einer Sehnsucht nach den Gefühlen von einst.

Einer der Trauergäste war Donald Trump. Und es ist schier unmöglich, nicht den ins Auge stechenden Kontrast von Bush und Trump zu empfinden. Eine weltweite Untersuchung über die Nachrichten vom Tod von George H. W. Bush in 65 Sprachen ergab, dass in 57 Prozent aller Meldungen über den Verstorbenen auch der Name „Trump“ erwähnt wurde. Hier der Weltumarmer, der Soldaten schickt, um Hungersnöte zu lindern und das Völkerrecht zu schützen. Dort der Weltenspalter, der internationale Vereinbarungen im Stakkato-Rhythmus aufkündigt – vom Klimaschutz über die iranische Atomwaffengefahr bis zu Handels- und Rüstungsverträgen. Wieder ist „Wahnsinn“ das Wort, das Menschen am häufigsten zur Beschreibung der Umwälzungen gebrauchen.

"Neue Weltordnung"

Unmittelbar vor der Trauerfeier für den Vorvorvorvorgänger im Amt ließ Trump seinen Außenminister für eine von den USA geführte „neue freie Weltordnung“ werben. Auf Distanz ging Mike Pompeo dabei zu globalen Einrichtungen wie der Welthandelsorganisation, dem Internationalen Strafgerichtshof und dem Internationalen Währungsfonds.

International, das klingt in Trumps Ohren wie global, und das Globale ist ihm verhasst. Amerika, China, Russland - das sind die Akteure, auf die es ankommt. Alle anderen Länder gehören zur Manövriermasse dieses Triumvirats. Warum sollte ein Fuchs Verträge mit Gänsen schließen? Deren Interesse ist es, die Macht des Fuchses einzudämmen. Das aber widerstrebt den Interessen des Fuchses.

In Europa hört man das, verständlicherweise, nicht gern. Das Selbstbild charakterisiert der Satz: Wir sind schwach, aber gut. Unsere Armeen mögen marode sein, doch wir sorgen uns ums Klima, halten Verträge ein, achten das Völkerrecht, vertrauen der Diplomatie.

Vielleicht bedurfte es der rhetorischen Skrupellosigkeit eines Trump, der militärischen Skrupellosigkeit eines Wladimir Putin sowie den ausgreifenden wirtschaftlichen Ambitionen Chinas, damit Europäer das eigene Gewicht künftig realistischer einschätzen können. Wer nur seine Moral in die Waagschale wirft, wird leicht zur Beute derer, die sich über moralische Erwägungen einfach hinwegsetzen.

Es nützt nichts, der Welt, die Bush Senior hinterließ, nachzutrauern. Nostalgie muss sich in Behauptungswillen verwandeln. Trump, Putin und Xi sollten auf Europäer wie eine Eisdusche nach dem Mittagsschlaf wirken, als radikale Wachmachkur. Denn sie haben ja etwas zu verteidigen, ihre Werte, die liberale Demokratie.

Die Bush-Ära lehrt: Manchmal dauert es lange, bis ein System zusammenbricht. In Demokratien aber entscheidet am Ende allein der Wähler, ob ein Präsident eine zweite Amtszeit bekommt. Ein Quäntchen Hoffnung hat überlebt.

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