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Syrische Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland im Landkreis Göttingen. Foto: dpa/Swen Pförtner
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Zahl der Kinder von Schutzsuchenden wächst Können Geflüchtete die Überalterung der Gesellschaft stoppen?

27.000 Kinder mit einem sogenannten Schutzstatus kommen in Deutschland jedes Jahr zur Welt. Das Land müsse sich darauf einstellen, fordern Fachleute.

Die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder, die durch ihre Eltern einen Schutzstatus haben, wächst: Rund 27.000 werden im Schnitt jedes Jahr geboren – mehr als sechsmal so viele wie vor 2015. Der Grund sind Kriege und Not, vor denen Menschen nach Deutschland fliehen – und dann hier Kinder bekommen. Das Aufenthaltsrecht von ausländischen Kindern, die in Deutschland geboren werden, hängt zunächst von ihren Eltern ab.

Insgesamt fast 160.000 neugeborene „Schutzsuchende“ wurden vom Statistischen Bundesamt zwischen 2010 und 2019 registriert, wie die Behörde am Donnerstag mitteilte. Ein Drittel davon hat die syrische Staatsangehörigkeit, rund jedes zehnte jeweils die irakische oder afghanische. Im Vergleich zu Jahren wie 2015 ist die Einwanderung nach Deutschland zwar rückläufig, in der Geburtenstatistik ist aber noch der Effekt aus dem sogenannten Flüchtlingssommer 2015 zu spüren, als fast eine Million Menschen kamen.

Ende 2019 waren 1,8 Millionen Schutzsuchende im Ausländerzentralregister gemeldet, darunter fast 500000 Minderjährige, von denen jeder Dritte in Deutschland geboren wurde. Es ist zu erwarten, dass die Zahl in den kommenden Jahren zunimmt. Viele Geflüchtete sind im typischen Alter, um eine Familie zu gründen. Ihr Altersdurchschnitt lag Ende 2019 bei 29 Jahren – rund 15 Jahre unter dem Schnitt der deutschen Gesamtbevölkerung.

„Demografisch günstige Entwicklung“

Die hohen Geburtenzahlen in der Gruppe der Schutzsuchenden hält Herbert Brücker, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, für eine „erfreuliche Entwicklung“. Das sei „demografisch günstig, denn in der alternden Gesellschaft brauchen wir jedes Kind.“

Tatsächlich sind es vor allem Migrantinnen, die – zumindest in den ersten Jahren nach der Einwanderung – etwas gegen die Überalterung des Landes tun. „Für eine konstante Entwicklung der Gesellschaft, um trotz des demografischen Wandels das Rentensystem aufrechterhalten zu können, bräuchten wir eine Geburtenrate von 2,1 Kinder pro Frau“, sagt Brücker. „Frauen ohne Migrationshintergrund bekommen aber im Schnitt nur zwischen 1,3 und 1,5 Kinder. Bei den Geflüchteten haben Frauen im Schnitt drei Kinder.“ Das könne die Überalterung nicht stoppen, aber abfedern.

Perspektivisch dürften die hohen Geburtenzahlen Geflüchteter aber abnehmen – wie einst bei den Einwanderinnen aus der Türkei. Die erste Generation bekam überdurchschnittlich viele Kinder. Inzwischen habe sich die Geburtenrate der Türkeistämmigen dem Bundesdurchschnitt angenähert, sagt Brücker.

Eingewanderte Kinder haben es schwerer

Für die in der Bundesrepublik geborenen Nachkommen der Geflüchteten sieht der Volkswirtschaftler gute Chancen für die Zukunft: „Man kann optimistisch sein, dass die in Deutschland geborenen Schutzsuchenden gut in Schule und Arbeitsmarkt integriert werden. Es gibt keine Sprachprobleme, weil sie schnell Deutsch lernen.“ Kinder, die mit ihren Eltern einwandern, hätten es schwerer.

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Yasemin Karakasoglu, Professorin für Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen, fordert, das Bildungssystem an die Kinder mit ausländischen Wurzeln anzupassen. Nicht wie bisher nur in den großen Städten, sondern bald auch auf dem Land werde es „eine große Zahl oder gar eine Mehrheit von Schülerinnen und Schülern (geben), die mit mehr als einer Sprache und nicht ausschließlich mit Deutsch als erster Sprache aufwachsen“, sagt sie. „Das Bildungssystem muss sich insgesamt auf sie einstellen und ihre Mehrsprachigkeit anerkennen, denn sie sind die Deutschen der Gegenwart und der Zukunft.“ Schule werde „in sämtlichen Fächern“ die Wissensvermittlung daran anpassen müssen, dass Kinder nicht mehr „ automatisch aus bildungsbürgerlich deutschsprachigen Haushalten kommen“.

Marcus Engler vom Deutschen Institut für Integrations-und Migrationsforschung fordert Sprachkurse sowie Zugang zu Bildungsangeboten und Arbeitsmarkt auch für die Mütter der schutzbedürftigen Kinder: „Das wäre eine Investition in die Zukunft dieser Menschen und gut für unser Gemeinwesen.“

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