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Muslime beim Eid-Fest in Berlin. Auch unpolitische Muslime fühlen sich durch Mohammed-Karikaturen verletzt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas/ TSP
© Doris Spiekermann-Klaas/ TSP

Wut auf Knopfdruck Warum viele Muslime so emotional auf Mohammed-Karikaturen reagieren

Hend Taher

Religion ist oft Teil der Identität. Hinzu kommen die Wunden des Kolonialismus und von Diskriminierung. Eine emotionale Gemengelage. Ein Gastbeitrag.

Die durch den Mord an dem französischen Geschichtslehrer Samuel Paty ausgelöste Debatte um die Mohammed-Karikaturen und die Verteidigung der Medienfreiheit haben bei Muslimen und in der islamischen Welt wieder Wut und Proteste ausgelöst

Wieder einmal geht es um einen „Wertestreit“ zwischen der Unantastbarkeit des Glaubens und seiner Symbole einerseits und der Meinungsfreiheit andererseits.

Dabei stellt jede Partei die Werte der anderen infrage und fordert, dass ihr eigenes Wertesystem überall gelten soll. In westlichen Gesellschaften verstehen viele nicht, warum Muslime so wütend reagieren und diese Reaktionen wie auf Knopfdruck immer wieder ausgelöst werden können.

Viel ist die Rede von „radikalen“ Muslimen“, es wird gefordert, dass die in Europa lebenden Muslime sich gefälligst anpassen sollen. Doch dabei wird übersehen, dass auch viele Muslime, die weder radikal noch liberal sind, sich von den Karikaturen verletzt und provoziert fühlen.

Der Glaube als wichtiger Teil der Identität

Der Prophet Mohamed gilt ihnen als heilig und als das wichtigste Symbol ihres Glaubens, der wiederum Teil ihrer eigenen Identität ist. Diesen in einer Karikatur als lächerlich darzustellen, ist für viele Muslime eine Überschreitung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Sie empfinden dies als eine persönliche Beleidigung und Beschimpfung. Sie fühlen sich gemobbt, unfair behandelt und nicht ernst genommen.

Religion ist bei vielen Muslimen Teil der Identität - aber auch die Wunden der Kolonialgeschichte sind lebendig. Foto: Marcus Brandt/DDP Vergrößern
Religion ist bei vielen Muslimen Teil der Identität - aber auch die Wunden der Kolonialgeschichte sind lebendig. © Marcus Brandt/DDP

Die enge Verbindung zu der eigenen Identität, die mit den Karikaturen durch den Kakao gezogen wird, ist das eine. Doch diese Gefühle entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in einem politischen Raum. Sie werden bis heute historisch und politisch genährt.

Hier kommt wieder die lange Kolonialgeschichte westlicher Mächte in der arabischen Welt zum Tragen. In den Beiträgen und Diskussionen über die Karikaturen in den sozialen Medien, die aus der arabisch-islamischen Welt stammen, wird sehr häufig auf die koloniale Vergangenheit des Westens und insbesondere Frankreichs Bezug genommen: auf die damals verübten Massaker, die Bombardierung von Moscheen und die Ausbeutung der kolonialisierten Länder.

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Dazu kommen Berichte von Muslimen in Europa, die wegen ihres Namens diskriminiert werden, keine Wohnung bekommen; Medienberichte, in denen Muslime gerne als „Ausländer“ in ihren europäischen Heimatgesellschaften präsentiert werden; Anschläge auf Moscheen und die islamfeindliche Haltung rechter Parteien, die immer mehr Einfluss gewinnen.

Die koloniale Vergangenheit westlicher Staaten ist noch immer präsent

In dieser Gemengelage spricht dann der französische Präsident von „islamistischem Terrorismus und Separatismus“ - wobei dies bei Übersetzungen ins Arabische sehr häufig mit „islamischer Terrorismus“ wiedergegeben und daher falsch verstanden wird. Seine klare Unterstützung der Meinungsfreiheit, unter die auch die Veröffentlichung der Karikaturen falle, ist aus Sicht vieler Muslime die Fortsetzung der kolonialen Haltung Frankreichs gegenüber dem Islam.

Besonders die Rede Emmanuel Macrons über den „islamistischen Separatismus“ und „die Krise des Islams weltweit“ trifft bei den Muslimen in eine alte, offene Wunde, nämlich, dass - nach ihrer Wahrnehmung - der Islam im Westen hauptsächlich im Kontext von Terror, Gewalt und Radikalisierung erwähnt wird.

Dies vermittelt vielen Muslimen, dass sie unter einem Generalverdacht stehen, obwohl die Mehrheit von ihnen ein friedliches, unpolitisches Leben führt. Auf vielen Plakaten, in Videos und Kommentaren zu den Mohammed-Karikaturen verwenden sie deswegen Sätze wie „Wir sind keine Terroristen“ oder „Der Islam ist eine friedliche Religion.“

Da sie sich mit ihrer Meinung und ihren Gefühlen nicht ernst genommen fühlen, entscheiden sie sich für den Boykott als  - in ihren Augen „eine friedliche Waffe“ gegen den „französischen Angriff". Nur kaum jemand redet über den enthaupteten Lehrer Samuel Paty.

Wenn man nachfragt, bekommt man die Antwort, „Ja, das geht selbstverständlich nicht, dass man Menschen tötet. Aber man darf auch nicht unseren Propheten beleidigen.“ Man fühlt sich also selbst auch als Opfer. Das erklärt die starke Wut, die beim Thema Mohammed-Karikaturen bei Muslimen immer wieder ausgelöst werden kann.

Diese Koppelung wiederum versteht die Mehrheitsgesellschaft in Europa meist nicht. Daher braucht es eine offene gesellschaftliche Debatte, in dem man miteinander redet und versucht die andere Seite zu verstehen, einen sicheren Raum, in dem jeder über seine Meinungen, Gefühle und Ängste offen reden kann. Dort kann man weiter darüber streiten, welches Grundrecht den Vorrang haben sollte. Die Meinungsfreiheit oder die Religionsfreiheit. Oder ob es hier gar um die Würde des Menschen geht. 

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