Einsatz nach Massenschlägerei. Polizisten halten Flüchtlinge fest, nachdem es in der Nähe des Flughafens Tempelhof zu Ausschreitungen gekommen ist. Foto: Paul Zinken/dpa
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Was genau ist Ausländerkriminalität? „Kein Hintergrund bestimmt uns einfach“

Kriminell zu werden, hat wenig mit dem Pass zu tun – aber viel mit Familie, Chancenlosigkeit oder Gewalterfahrung. Ein Gespräch zur Forschung darüber.

Christian Walburg, Sie forschen seit langem über das, was im Volksmund oft zu Ausländerkriminalität verkürzt wird. Die jüngste polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, gemessen am Bevölkerungsanteil, einen höheren Prozentsatz nichtdeutscher Verdächtiger. Und dieser Tage sprach Bayerns Innenminister von angeblich höherer Gewaltneigung von Menschen „in deren Heimat die Gewaltlosigkeit, wie wir sie pflegen“ unbekannt sei. Was sagt der Fachmann dazu?
Über den Zusammenhang von Migration, Ethnie und Kriminalität wird seit Jahrzehnten diskutiert, und sehr schnell kommt es dabei zu Kurzschlüssen und unzutreffenden Verallgemeinerungen. Natürlich hängen Straffälligkeit und und Gewalt ganz wesentlich mit Sozialisation zusammen, mit den Lernerfahrungen, damit, welche Normen jemand verinnerlicht hat, wie gut die Selbstkontrolle, wie stabil das Umfeld war und ist. Das ist empirisch feststellbar. Es ist ein Unterschied, ob Sie hier oder auch in einem afrikanischen Land oder den USA in stabile Mittelschichtsverhältnisse hineingeboren werden oder in zerrüttete Stadtviertel, welche Chancen Sie im Leben, ob Sie Gewalt erfahren haben. Schwierig wird’s, wenn aus sozialer oder ethnischer Herkunft pauschale Schlüsse gezogen werden.

Welche Schlüsse meinen Sie?
Kein derartiger Hintergrund bestimmt uns einfach. Zum Glück werden zum Beispiel nur aus wenigen geschlagenen Kindern schlagende Erwachsene. Das ist ein Faktor für Gewalt, aber viele tragen ihn nicht weiter. Ob das geschieht, hängt von vielen Faktoren ab, die auch von Psychiatern und Psychologen untersucht werden. So gibt es Hinweise darauf, dass gewaltbezogene Traumatisierung eine gewisse Zeit lang dazu führen kann, sich schneller angegriffen zu fühlen und dann mitunter auch aggressiv zu reagieren. Aber diese Effekte treten nicht zwangsläufig ein. Und wir sind in der Regel auch viel zu rasch dabei, die Herkunft in den Mittelpunkt von Erklärungen zu rücken. Beispiel Freibäder-Debatte: Das typische Dominanzverhalten junger Männer, die sich bei großer Hitze langweilen, kann man nicht primär oder gar allein darauf zurückführen, dass deren Eltern möglicherweise vor 20 Jahren aus Marokko eingewandert sind.
Spielt die ethnische Herkunft also keine Rolle – die Statistik sagt doch anderes?
Gewalt entsteht, wie gesagt, aus vielen Gründen, selbsterlebte Gewalt spielt dabei zum Beispiel eine Rolle, und die ist in manchen Gesellschaften insgesamt wahrscheinlicher als in anderen. Ich finde es auch falsch, das pauschal zu leugnen.

Christian Walburg ist Jurist und hat sich auf Kriminologie spezialisiert. Er lehrt zurzeit an der Universität Göttingen Foto: privat Vergrößern
Christian Walburg ist Jurist und hat sich auf Kriminologie spezialisiert. Er lehrt zurzeit an der Universität Göttingen © privat

Also hat Innenminister Herrmann mit seiner Unterscheidung von gewalttätigen und gewaltlosen Gesellschaften Recht?
Da sind wir wieder bei den pauschalen Aussagen. Natürlich gibt es auch die deutschen Totschläger, Mörder, Räuber – und die allermeisten Geflüchteten fallen nicht mit Gewaltdelikten auf.
Was ist überhaupt wissenschaftlich belastbar über den Zusammenhang von Ethnie und Kriminalität bekannt?
Es gibt im In- und Ausland etliche Studien, die nicht ganz einheitlich in den Befunden sind. Klar ist aber: Es sind nicht die ethnische Herkunft oder Staatsangehörigkeit als solche, die Unterschiede in Kriminalitätsraten erklären können, sondern es ist ein Zusammenspiel aus Lebenserfahrungen und aktuellen Lebensverhältnissen.
Wie kommt die Forschung dahin?
Indem sie sich Straffällige ansieht und auf ihren Hintergrund, ihre Lebenswege und Lebensumstände hin untersucht. Dabei ist immer wieder festzustellen, dass der ethnische Hintergrund als solcher nicht entscheidend ist. Wir haben allerdings bislang kaum Ergebnisse aus aktuellen Studien zu Kriminalitätsrisiken bei neu Zugewanderten, diese Studien laufen derzeit noch. Und die Kriminalstatistik ist höchst interpretationsbedürftig.
Was meinen Sie?
Zum einen kennen wir damit nur das Hellfeld der angezeigten Delikte, und es gibt Hinweise darauf, dass das Anzeigeverhalten erhöht ist, wenn es um Täter geht, die als fremd wahrgenommen werden. Zum anderen haben wir bislang häufig nicht hinreichend genaue Bevölkerungszahlen, um einschätzen zu können, wie hoch der prozentuale Anteil in bestimmten Teilgruppen ist, die mit Straftaten auffallen. Zum Beispiel ist es schwer, genau einzuschätzen, wie viele in den letzten Jahren neu zugewanderte junge Männer aus Nordafrika sich gegenwärtig in Deutschland aufhalten. Was diese vieldiskutierte Gruppe betrifft, scheint sie anteilig häufiger mit Straftaten aufzufallen als andere, etwa syrische Geflüchtete. Das kann auch mit deren Zusammensetzung zu tun haben, etwa wenn aus nordafrikanischen Ländern zuletzt eher junge Männer aus bereits im Herkunftsland randständigen Verhältnissen und mit Gewalterfahrungen zugewandert sind – und es für diese Gruppe besonders schwierig ist, hier Fuß zu fassen und und etwa eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Die syrische Zuwanderung ist im Vergleich dazu wohl eher ein Querschnitt der syrischen Bevölkerung. Aber: Harte Studienergebnisse haben wir zu diesen aktuellen Entwicklungen noch nicht.
Gibt es weitere wissenswerte Fakten?
Es ist wichtig, genauer hinzuschauen. Es gibt nicht „die Kriminalität der Migranten“, sondern höchst unterschiedliche Einzelphänomene. Und sowohl Kriminalstatistiken wie auch Befragungsstudien haben zuletzt darauf hingedeutet, dass die Kriminalität der bereits seit Längerem in Deutschland lebenden Migranten und deren Kinder - wie auch die von Menschen ohne Migrationshintergrund – deutlich rückläufig war.
Und wie ist das Verhältnis der einen Straftätergruppe zur andern?
Interessant ist zum Beispiel, dass ein Teil der Straftäter gar nicht hier lebt oder gemeldet ist. Etwa zwölf Prozent der ausländischen Tatverdächtigen haben ihren Wohnsitz im Ausland, bei weiteren zwölf ist überhaupt kein Wohnsitz feststellbar. Es gibt Touristen, die Straftaten begehen, und Menschen, die zum Stehlen einreisen. Gleichwohl ist der Befund richtig: Deutsche und ausländische Tatverdächtige mit Wohnsitz im Inland, das ist im Vergleich zur jeweiligen Wohnbevölkerung insgesamt etwa ein Verhältnis von 1:2. Was übrigens auch daran liegt, dass Nichtdeutsche insgesamt öfter jung sind und dass sie eher in Metropolen als auf dem Land leben. Es lohnt sich aber genau hinzuschauen, über wen man und was da jeweils redet. Die Gastarbeiter und deren Kinder oder die jungen männlichen Spätaussiedler haben eben eher nicht vermehrt am Bahnhof geklaut; dafür fand man da vor allem in den 90er Jahren zum Teil eine erhöhte Gewaltbelastung. Studien zufolge werden gut vier Prozent der ausländischen, aber nur zwei Prozent der inländischen Wohnbevölkerung pro Jahr einer Straftat verdächtigt. Aber das heißt auch: 98 beziehungsweise 96 Prozent fallen nicht mit Straftaten auf.

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